Wohl spätestens mit der Dokumentation "Unser blauer Planet" sind die Ozeane für viele zu einem faszinierenden Ort geworden. Doch in den letzten 25 Jahren seit Ausstrahlung der BBC-Filmreihe erscheinen in den Medien neben Aufnahmen von majestätisch dahingleitenden Walen und flinken Fischschwärmen immer häufiger auch verstörende Bilder – in Fischernetzen gefangene Schildkröten und Robben oder Berge an Mikroplastik mitten im Meer.

Umweltverschmutzung, Überfischung und Klimawandel bedrohen die Ozeane und die darin lebenden Meeresbewohner. Das zeigt auch die aktuelle Nachrichtenlage: Großen Meeressäugern, aber auch anderen wichtigen Meeresorganismen fehlt die Lebensgrundlage. Die tropischen Korallenriffe bleichen aus und sind wohl nicht mehr zu retten, und nach UN-Angaben könnte bis zum Ende des Jahrhunderts rund die Hälfte aller im Meer lebenden Arten vom Aussterben bedroht sein.

 

Um den Schutz der Weltmeere in Zukunft sicherzustellen, haben die Vereinten Nationen 2023 ein vielversprechendes Abkommen zum Schutz der Hochsee beschlossen. Das "Abkommen über die biologische Vielfalt der Meeresgebiete jenseits nationaler Hoheitsbefugnisse", nach der englischen Abkürzung BBNJ-Abkommen, tritt an diesem Samstag in Kraft, nachdem es im vergangenen September von genügend Ländern ratifiziert worden ist.

"Das BBNJ-Abkommen soll helfen, die Artenvielfalt in den marinen Gebieten jenseits nationaler Hoheitsgewalt verantwortungsvoll zu nutzen und zu schützen", erklärt Sabine Gollner vom Königlich Niederländischen Institut für Meeresforschung.

Meeresschutzzonen im Ozean

Das neue Meeresschutzabkommen schafft erstmals einen völkerrechtlichen Rahmen für den Erhalt und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt der Hochsee, also des Gebiets, das mehr als 200 Seemeilen, 370 Kilometer, von den internationalen Küstenlinien entfernt ist. Dieses Gebiet gehört keinem Staat und keiner Organisation und dortige Aktivitäten waren aus diesem Grund bisher größtenteils ungeregelt. Und das, obwohl es fast zwei Drittel der gesamten Meeresfläche umfasst.

Ziel des Abkommens ist es vor allem, die schwierige Einrichtung von Meeresschutzgebieten mit dem Status "fully protected" auf der hohen See zu erleichtern. In diesen Schutzgebieten sollen menschliche Eingriffe wie Fischerei und andere industrielle Nutzung verboten sein.

Die Fluke eines abtauchenden Blauwals ragt aus dem Wasser.
Blauwal: Auch er soll besser geschützt werden. (Bild: Peter van der Sluijs/​Wikimedia Commons)

"Das Hochseeschutzabkommen ist entscheidend für die Einrichtung von Meeresschutzgebieten auf der hohen See", sagt Ulrich Karlowski, Biologe bei der Deutschen Stiftung Meeresschutz. Derzeit gebe es auf nur einem Prozent der Hochseefläche Meeresschutzgebiete mit vollständigem Schutz wie Fischereiverboten, sogenannte No-take-Zonen.

Das Verbot menschlicher Eingriffe in diesen Schutzgebieten soll die biologische Vielfalt im Ozean sichern. Denn dort, wo die Artenvielfalt bereits zurückgegangen ist, können Schutzzonen dafür sorgen, dass sie sich wieder erholt. Fischbestände regenerieren sich in funktionierenden Schutzzonen innerhalb kurzer Zeit, wenn sie nicht befischt werden. Laut der Stiftung Meeresschutz können Fischer wegen des sogenannten Spillover-Effekts außerhalb des Meeresschutzgebiets nach einiger Zeit sogar mehr und größere Fische fangen als vorher.

So weit die Theorie. In der Praxis macht das Meeresschutzabkommen derartige "fully protected" Schutzgebiete zwar möglich. Doch zunächst ist festzulegen, welche Gebiete wie geschützt werden, wie dies überwacht wird und welche Konsequenzen es bei Regelverstößen gibt, wie Sabine Gollner erläutert. Vieles davon müsse noch verhandelt werden.

Spielen die Länder der Welt auch mit?

"Welche Maßnahmen die Vertragsstaatenkonferenz in Schutzgebieten erlassen wird, ist unklar, weil der Vertrag selbst keine Beispiele dafür gibt", bemerkt Nele Matz-Lück von der Christian-Albrechts-Universität Kiel. "Ob sich die Hoffnung auf strikte Beschränkungen zum Beispiel der Fischerei, des Tiefseebergbaus oder der Schifffahrt erfüllt, ist zweifelhaft."

Wie stark das Abkommen am Ende die Meeresbewohner schützt, wird vor allem von der Umsetzung abhängen, sagt Matz-Lück. Eine wichtige Rolle fällt der Vertragsstaatenkonferenz zu, dem Gremium des Hochseeabkommens, das über die Einrichtung von Schutzgebieten und die dortigen Maßnahmen entscheiden wird.

Ein weiteres Problem bei dem Abkommen könnte die fehlende Beteiligung einiger wichtiger Staaten sein – besonders, da die Hochsee als Rohstofflieferant wie auch als stark genutzter Verkehrsweg eine wichtige Rolle in der Geopolitik spielt.

Zwar haben bisher 145 Länder das Abkommen unterzeichnet, und gut 80 Länder, darunter China, Frankreich und Brasilien, haben es bislang ratifiziert. Doch es gibt weiterhin ein geopolitisches Armdrücken – beispielsweise blockiert Russland die Schutzinitiativen in der Antarktis.

 

Und mit den USA nimmt eine der bisher wirkmächtigsten Nationen im Meeresschutz vermutlich nicht an dem Abkommen teil. "Die Amerikaner hatten das Abkommen zwar unter Joe Biden im September 2023 unterzeichnet. Man kann allerdings davon ausgehen, dass die Trump-Administration es nicht ratifizieren wird", meint Biologe Karlowski. "Im Gegenteil, es ist zu befürchten, dass sie die Etablierung neuer Schutzgebiete dort, wo sie US-Eigeninteressen bei der Ressourcennutzung entgegenstehen, torpedieren wird."

Matthias Haeckel vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel bleibt dennoch optimistisch: "Ich hoffe, dass vom Inkrafttreten des BBNJ-Abkommens ein Impuls ausgeht, sodass weitere Staaten in den nächsten Monaten den Vertrag national ratifizieren." In Deutschland soll das demnächst geschehen.