Manganerz-Tagebau im größten Abbaugebiet Europas in der ukrainischen Region Dnipropetrowsk. (Bild: Roman Rumiantsev/​Shutterstock)

Vor drei Wochen versetzte ein 28-Punkte-Friedensplan der USA die Ukraine und ihre europäischen Partnerländer in Schnappatmung. Nach Gesprächen in Genf, Abu Dhabi und Florida sowie vielen weiteren diplomatischen Bemühungen ist der Ursprungsplan an einigen Stellen angepasst worden, mehrere Punkte sind nach wie vor offen. Ob aus dem Plan tatsächlich eine realistische Friedensperspektive erwächst, ist nach wie vor ungewiss.

Was der US-Vorschlag aber erneut mit Nachdruck unter Beweis stellt: Zwischen die Friedensdiplomatie der USA und US-Geschäftsinteressen passt kein Blatt. Oder wie die Süddeutsche Zeitung passend titelte: "Frieden als Geschäftsidee".

Die USA wollen am Wiederaufbau verdienen. Beschlagnahmtes russisches Vermögen soll als Investitionen in die Vereinigten Saaten gelenkt werden und nicht zuletzt will das Land für mögliche Sicherheitsgarantien entschädigt werden.

Schon im Frühjahr knüpften die USA ihre weitere Unterstützung an ein Mineralienabkommen, das die damalige ukrainische Wirtschaftsministerin und heutige Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko schließlich – nachdem einige Punkte etwas entschärft werden konnten – unterzeichnete.

Die Rohstoffvorkommen der Ukraine beflügeln seit geraumer Zeit die internationale Fantasie. Ob sie sich letztlich als Segen oder als Fluch für das Land erweisen werden, ist noch nicht entschieden.

Astronomische Zahlen aus der Sowjetzeit

Der US-Senator Lindsey Graham fabulierte über Billionen von Dollar, die im ukrainischen Erdreich schlummern sollen. Die Ukraine selbst warb für sich auf dem Wirtschaftsgipfel in Davos als "Zwölf-Billionen-Superpower für kritische Rohstoffe".

Beides hat wenig mit der Realität zu tun. Die astronomischen Summen stützen sich vermutlich auf alte sowjetische Schätzungen, die nicht berücksichtigten, ob die Vorkommen auch wirtschaftlich erschließbar waren. Überhaupt beklagen viele Expert:innen, dass es kaum verlässliche Daten zu den Reserven gibt, die sich zu vertretbaren Kosten gewinnen lassen.

Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung präsentierte im Juli dieses Jahres aktuelle Schätzungen der Vorkommen unter Berufung auf "unabhängige ukrainische Stellen". Die Förderung der ukrainischen Bodenschätze werde nicht den Weltmarkt erschüttern, schreiben die Autor:innen. Dennoch seien die Vorkommen einiger Rohstoffe substanziell.

Die Ukraine habe etwa die größten Graphitvorkommen Europas sowie laut einer Schätzung genug Titan, um den gesamten Bedarf der EU und der USA für 25 Jahre zu decken. Hinzu kämen 1,6 Millionen Tonnen Lithium (fünf Prozent der globalen Vorkommen), 430 Millionen Tonnen Mangan (25 Prozent), 15.000 Tonnen Germanium (1,5 Prozent) und weitere.

Statt auf sowjetischen Schaumblasen beruhe der Bericht auf Daten, an denen sich auch Unternehmen im Bergbausektor orientieren, erklärte einer der Autoren, Brian Milakovsky. Sie beruhten nicht auf groben Schätzungen, sondern auf gründlichen Studien zu einzelnen Lagerstätten.

Anders als häufig berichtet, liegt laut Friedrich-Ebert-Stiftung auch nicht ein Großteil der Lagerstätten in dem von Russland besetzten Gebiet.

Vier von sechs Graphitvorkommen werden demnach von der Ukraine kontrolliert, ebenso drei von fünf Manganvorkommen, alle 20 Germaniumlagerstätten und zwei der vier bedeutenden Lithiumvorkommen.

Zehnfache Lithiummenge bis 2050 nötig

Auch die EU hat längst ein Auge auf die Rohstoffe der Ukraine geworfen. Im Juli 2021 unterzeichneten Kiew und Brüssel ein Memorandum für eine Rohstoffpartnerschaft. Aufgrund des Krieges liegen die geplanten gemeinsamen Projekte aber auf Eis.

Für die Energiewende der EU sind diese Rohstoffe von großer Bedeutung – und auch für das ständig wiederholte Ziel, die Abhängigkeiten von China zu verringern. Dafür reichten die Vorkommen der Ukraine allein zwar nicht aus, so Wirtschaftsexperte Milakovsky, sie könnten aber ein wichtiger Teil der Lösung sein.

Lithium, Mangan und Graphit werden zum Beispiel für die Herstellung von Batterien benötigt, Gallium und Germanium für Halbleiter in Elektroautos oder der Ladeinfrastruktur.

Für ein Szenario mit netto null CO2-Emissionen zur Mitte des Jahrhunderts prognostiziert die Internationale Energieagentur IEA einen steilen Anstieg des Rohstoffverbrauchs. Mehr als die zehnfache jährliche Lithiummenge sei beispielsweise bis 2050 nötig, davon über 90 Prozent für die "grüne" Industrie.

Selbst um nur die bisher weltweit beschlossenen und nicht Paris-konformen Klimaziele zu erreichen, müsste die Lithiummenge um das Neun- bis Zehnfache anwachsen.

Während die Ukraine also eine wichtige Rolle für Europas Energiewende spielen könnte, hat das Land größtes Interesse daran, mehr als nur reiner Rohstofflieferant für den reichen Westen zu sein.

"Noch nie hat die EU ein so zerstörtes Land aufgenommen"

Der Wertanstieg vom Lithiumerz wie Spodumen oder Petalit bis zu dem etwa in Batterien verbauten Lithium liegt laut Friedrich-Ebert-Stiftung bei über 400 Prozent. Damit der wirtschaftliche Löwenanteil nicht abfließt, müsse die Ukraine mit den westlichen Partnern feste Verpflichtungen für lokale Wertschöpfung aushandeln.

Der große und nahe EU-Markt ist dabei ein gutes Argument für den Aufbau einer eigenen Weiterverarbeitungsindustrie. Andererseits besteht die Gefahr, dass genau diese Wertschöpfung in infrastrukturell besser entwickelte Nachbarstaaten abwandert.

Bisher überwog meist Letzteres: Rohstoffe wie Getreide, Eisen oder Holz wurden vor allem unverarbeitet in die EU exportiert.

Eine verpflichtende Einbindung ukrainischer Zulieferer, etwa im Bereich von Bergbautechnik, könnte den Wert der heimischen Rohstoffvorkommen deutlich steigern und eine neue industrielle Basis im Land fördern.

Um das tatsächliche Entwicklungspotenzial der ukrainischen Ressourcen auszuschöpfen, dürfe das Land nicht einfach in den EU-Binnenmarkt hineingeworfen werden, warnt Brian Milakovsky. Noch nie sei ein Staat in einem "auch nur annähernd so zerstörten Zustand" in die EU aufgenommen worden.

Die Ukraine müsse daher im Integrationsprozess als Sonderfall behandelt werden. Andernfalls habe sie kaum eine Chance, mit Ländern zu konkurrieren, die nicht "jahrelang bombardiert oder wirtschaftlich sabotiert" wurden.

In der Vergangenheit hat auch die EU die Bedeutung einer nachhaltigen und lokalen Wertschöpfungskette in der Ukraine immer wieder betont. Konkrete Pläne etwa zur Herstellung von Endprodukten in der Ukraine gibt es allerdings laut einer Analyse der linken Rosa-Luxemburg-Stiftung bislang nicht.

Deregulierung statt nachhaltiger Wertschöpfung

Im Gegenteil: Die EU nutzt demnach, ebenso wie die USA, ihren Einfluss gezielt, um Reformen zu ihren Gunsten voranzutreiben. Dazu zählen insbesondere Deregulierungsschritte und die Privatisierung staatlicher Unternehmen.

Im Bergbausektor hat die Ukraine bereits ein großes Deregulierungsprogramm umgesetzt. Lokale Gremien wie Dorf- oder Stadträte müssen heute bei Projekten nicht mehr zustimmen, auch die Mitsprache des Umweltministeriums wurde abgeschafft.

Zwar gelten in der EU deutlich strengere Umweltstandards als in der Ukraine, doch im bisherigen Integrationsprozess spielten solche ökologischen Kriterien kaum eine Rolle. Den Vorrang hätten marktliberale Reformen gehabt, schreibt die ukrainische Energieexpertin Maryna Larina in der Rosa-Luxemburg-Analyse.

Bis heute gibt es nur unzureichende Umweltverträglichkeitsprüfungen und keine transparente Beteiligung der Bevölkerung. Gerade im Rohstoffsektor, in dem Projekte weltweit immer wieder massive ökologische Schäden verursachen, ist das ein folgenschweres Versäumnis.

Auch verbindliche Rückbauregelungen und entsprechende Bürgschaften sind in der Ukraine kein Standard.

Ukraine darf sich nicht nur auf den Westen verlassen

Wie tief der Rohstoffdeal mit den USA tatsächlich in die ukrainische Souveränität eingreift und ob er Europas Chancen auf verlässliche Rohstoffquellen schwächt, lässt sich bislang schwer beurteilen. Viele Details bleiben der Öffentlichkeit vorenthalten und erschweren damit jede Form zivilgesellschaftlicher Kontrolle.

Soweit bekannt, sagt Ökonom Milakovsky, habe die Ukraine durch geschickte Diplomatie die tiefgreifendsten US-Forderungen abwenden können. Das werden allerdings nicht die letzten Verhandlungen gewesen sein. 

Milakovsky sieht nun vor allem die EU in der Verantwortung. Sie dürfe die Ukraine auch nach einem möglichen Friedensschluss nicht sich selbst überlassen, sondern müsse den Wiederaufbau und die Reindustrialisierung aktiv unterstützen, statt das Land einfach dem Wettbewerb des EU-Binnenmarkts auszusetzen.

 

Für die Ukraine selbst besteht für Maryna Larina die wichtigste Lehre darin, "eine eigenständige, langfristig angelegte Industriepolitik zu entwickeln, statt sich allein auf die Versprechen internationaler Partner zu verlassen". Dafür brauche es vorausschauende Politik und starke, unabhängige Aufsichtsbehörden, auch um den Einfluss der Oligarchen wirksam begrenzen zu können.

Am Ende werden der Erfolg der Friedensdiplomatie und letztlich der Ausgang des Krieges darüber entscheiden, ob die Rohstoffprojekte überhaupt eine realistische Aussicht auf Realisierung haben.