Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.
Klimareporter°: Die schwarz-rote Koalition ringt um das neue Gebäudeenergiegesetz, das künftig Gebäudemodernisierungsgesetz heißen soll. Hauptstreitpunkt ist, was aus der Regelung wird, in neuen Heizungen mindestens 65 Prozent erneuerbare Energie einzusetzen. Kommunen, Energiebranche und SPD drängen auf Beibehaltung, die Union will das Kriterium zumindest abschwächen.
Herr Graßl, bahnt sich hier eine Richtungsentscheidung an, wie es mit dem Klimaschutz in Deutschland weitergeht?
Hartmut Graßl: Je länger das vor zwei Jahren in Kraft getretene Gebäudeenergiegesetz gilt, umso mehr Bürger und Politiker reagieren darauf in seinem Sinne: Wärmepumpen zum Heizen werden im Neubau und bei Renovierungen zur Norm, und die prinzipielle physikalische und damit finanzielle Überlegenheit dieser Technik spiegelt sich in vielen der jetzt vorgelegten Wärmepläne der Kommunen wider.
Gleichzeitig werden die emotionalen Kampagnen der Union gegen das Gesetz lauer, seit die frühere größte Oppositionsfraktion nun Hauptpfeiler der gegenwärtigen Regierung ist.
Die Koalition ist in dieser wie in vielen anderen Fragen nicht einig. Das ist nicht ungewöhnlich angesichts der großen Spanne in der Grundhaltung zwischen dem linken Teil der SPD-Fraktion und dem rechten Flügel der Unionsfraktion sowie ihrem umstrittenen Fraktionsvorsitzenden. Es erzwingt nach den üblichen Koalitionskrächen meist Kompromisse, mit denen sich wenig ändert. Schlechte Zeiten also für die üblichen Unionsattacken gegen "Habecks Heizungshammer".
Das neue Gebäudegesetz braucht aber etwas Gesichtswahrendes oder ein Pflaster für die Unionsfraktion. Man wird daher an den 65 Prozent Heizleistung aus erneuerbaren Energien herumdoktern und dabei den Begriff "technologieoffen" als üblichen Schleier für eine längere Nutzung fossiler Energien nutzen.
Insgesamt hat Klimaschutz bei der erneut wackeligen Regierungskoalition vor allem in großen Teilen der Unionsfraktion eine geringere Bedeutung als bei zwei der drei Partner in der Vorgängerkoalition.
Damit nehmen jene, die Maßnahmen für das Wirtschaftswachstum weit vor denen für Klimaschutz sehen – eine auch vom Kanzler mitgetragene Einstellung –, in Kauf, dass viele Menschen in vielen Ländern an den Folgen des weniger gebremsten Klimawandels sterben oder im eigenen Land davor fliehen müssen und dann teilweise auch in Europa um Asyl bitten. Diese Grundhaltung ist unchristlich und inhuman.
Dabei ist die ganze Debatte nach dem Motto "Wirtschaftswachstum jetzt, Klimaschutz später" auch noch falsch, weil Klimaschutz durch erneuerbare Energien weit weniger kostet, als die Schäden durch intensivere Wetterextreme zu begleichen.
Auch das am Donnerstag vom Bundesverwaltungsgericht in Leipzig bestätigte Urteil für mehr Klimaschutz, den die Deutsche Umwelthilfe eingeklagt hatte, wird dem Gebäudemodernisierungsgesetz in diesem Sinne helfen, denn es zwingt die Bundesregierung zu Nachbesserungen im Klimaschutzprogramm von 2023.
Ein starker Rückgang der Windenergie durch den Klimawandel ist zwar nicht zu erkennen, sagt Dominik Adler von Geo‑Net Umweltconsulting – sein Unternehmen entwickelte aber eine Anwendung für Windparks, die klimabedingte Auswirkungen auf den verfügbaren Wind einschätzt. Müssen uns mit fortschreitender Erderwärmung auch die Auswirkungen auf wetterabhängige erneuerbare Energien beschäftigen?
Die Sonne liefert die Energie für uns. Von der insgesamt im Mittel durch die Sonne angebotenen Energieflussdichte werden 240 Watt pro Quadratmeter von der Erdoberfläche und der Atmosphäre absorbiert. Nur etwa ein Prozent davon – zwei bis drei Watt pro Quadratmeter – wird in kinetische Energie umgewandelt.
Die Energie des Windes reicht deshalb nur in bestimmten Regionen für den Betrieb heutiger Windkraftanlagen aus.
Die Temperaturunterschiede zwischen niederen und hohen Breiten bestimmen die Tiefdrucktätigkeit und damit das Windenergieangebot. Daher ist das Angebot großräumig im Winterhalbjahr wesentlich höher als im Sommerhalbjahr.
Wegen der stärkeren Erwärmung in hohen Breiten könnte daher die Windgeschwindigkeit generell abnehmen. Da gleichzeitig jedoch der durch die Erwärmung erhöhte Wasserdampfgehalt die Intensität von Tiefdruckgebieten steigert, besteht die Tendenz zu einer Kompensation beider Effekte.
Die Beobachtungen der vergangenen Jahrzehnte zeigen keine Schwächung der Tiefdrucktätigkeit, aber eine leichte Verlagerung der Zugbahnen der Tiefdruckgebiete in Richtung der Pole.
Das Windenergieangebot zeigt also großräumig keine signifikante Änderung. Regional kann es aber wie 2025 zu kräftigen Änderungen kommen.
Die USA sind letzte Woche offiziell aus dem Pariser Klimaabkommen ausgeschieden – wie schon einmal in der ersten Amtszeit von Präsident Trump. Jetzt aber will das Land auch aus der UN-Klimarahmenkonvention austreten und die Zusammenarbeit mit dem Weltklimarat IPCC beenden. Wie stark schwächt das den internationalen Klimaschutz?
Wie es mein Kollege Hans Joachim Schellnhuber im Interview mit Klimareporter° formulierte, sind die USA durch ihren Präsidenten in das Zeitalter des Aberglaubens zurückgekehrt.
Wer die für jeden wachen Menschen offensichtlichen Klimaänderungen negiert und sie einen großen Schwindel nennt, missbraucht die ihm von den Wählern gegebene Macht.
Die erfolgreichste Forschungsnation der Welt, die USA, hat ihren Aufstieg seit 1945 wesentlich der Nutzung ihrer eigenen Forschungsergebnisse zu verdanken.
Wie auch die Klimakonferenz COP 30 in Belém Ende 2025 zeigte, wagt es dennoch kein anderer Präsident, dem amerikanischen diese Irrfahrt vorzuwerfen. Es gibt sogar solche, die ihn stützen, wie die arabischen Ölstaaten, obwohl dort das Leben im Sommer ohne Kühlung des Hauses, des Arbeitsplatzes und des Supermarkts zum Teil nicht mehr möglich ist.
Aber ihnen geht es nicht um die Leugnung des Klimawandels, sondern um die weitere Nutzung und vor allem den Export ihres Erdöls und Erdgases. Deshalb wussten sie einen Ausstiegsplan aus fossilen Brennstoffen auf der COP 30 zu verhindern.
In sommerlichen Hitzewellen mit unerträglichen Bedingungen im Freien werden sie die Kühlung in ihrer Kunstwelt hochdrehen. Dennoch wird der weltweite Siegeszug der Photovoltaik wegen ihrer niedrigen Kosten auch in den USA und auf der Arabischen Halbinsel weitergehen.
Ein mächtiger Irrläufer wie Trump wird deshalb zum Teil vom globalen Energiemarkt ausgebremst. Auch der Inhalt des nächsten IPCC-Berichts wird durch Trumps angedrohten Ausstieg aus der Klimarahmenkonvention nicht leiden. Europa bekommt die Chance zur eindeutigen Führung im Klimaschutz.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Die Folgen der globalen Erwärmung, in diesem Fall das Abschmelzen von Teilen des Grönländischen Eisschildes, führen zu überraschenden regionalen Meeresspiegeländerungen: An der Küste Grönlands wird der Meeresspiegel in diesem Jahrhundert kräftig absinken, obwohl der globale mittlere Meeresspiegel ja für die allermeisten Küstenregionen bedrohlich ansteigt.
Mit einer Studie in Nature Communications haben Lauren Lewright und ihr Team diese Woche gezeigt, dass die geschrumpfte Eislast die Erdkruste in der Region weit rascher auftauchen lässt als bisher angenommen.
Bis 2100 wird demnach der Meeresspiegel um Grönland auch bei Einhalten der Zielvorgaben des Paris-Abkommens um fast einen Meter abfallen. Ohne jeglichen Klimaschutz wären es sogar 1,9 bis 3,9 Meter – je nach Inselregion und Modellunsicherheiten.
Mitverursacht wird dieses örtliche Absinken des Meeresspiegels auch bis zu einem Drittel von der durch den Eisverlust reduzierten regionalen Erdanziehung. Das Schmelzwasser Grönlands landet deshalb bevorzugt in niederen geografischen Breiten. Dieser schon bekannte Effekt ist in den genannten Zahlen berücksichtigt.
Fragen: Jörg Staude
