Nach und nach füllen sich die roten Kinosessel, die sich in amphitheatrischen Reihen zur Bühne hin absenken. Mit jedem Nachzügler dringt der Lärm des überwältigenden Schiebens und Quetschens der Straßen Karatschis durch die Tür in den klimatisierten Saal.

"Unsere Bauern zahlen den Preis für Treibhausgasemissionen, die sie nicht verursacht haben", sagt Shaikh Tanveer Ahmed ins Mikrofon. Eine einfache Wahrheit, die der Vorsitzende der pakistanischen Hilfsorganisation Hands Welfare Foundation ausspricht und die an diesem Tag von verschiedenen Vortragenden wiederholt wird. In Pakistan ist sie keine Selbstverständlichkeit.

 

Eine große Mehrheit in dem Land, das wie kaum ein anderes unter den Folgen der Klimakrise leidet, habe nur vage Vorstellungen von den Ursachen und Mechanismen des Klimawandels, sagt Karin Zennig, Südasienexpertin der deutschen Menschenrechtsorganisation Medico international.

Ein Gerichtsverfahren, das an diesem Apriltag im Zentrum der "Farmers Assembly of Climate justice" steht, soll das ändern. Neben Medico und Hands unterstützen der pakistanische Gewerkschaftsverband NTUF und die Menschenrechts-NGO ECCHR die Kläger – 39 pakistanische Bäuer:innen. 

Das Hochwasser von 2022 sei kein natürliches Ereignis gewesen, sondern ein Ergebnis der Klimakrise, fährt Shaikh Tanveer Ahmed auf der Bühne fort. Zustimmendes Nicken geht durch die Reihen.

Alle hier im Saal erinnern sich an das Hochwasser, über das UN-Generalsekretär António Guterres damals sagte: "Ich habe schon viele humanitäre Katastrophen auf der Welt gesehen, aber ein Klimadesaster dieses Ausmaßes habe ich noch nie erlebt."

Zwölf Jahre zuvor hatte bereits sein Vorgänger Ban Ki-moon den fast identischen Satz verwendet. Damals, um die verheerende Flut von 2010 in Pakistan zu beschreiben. Ein Zeugnis dafür, dass der Ausnahmezustand in vielen Regionen des Landes längst zum Dauerzustand geworden ist. Und doch hat das Ausmaß der Zerstörung im Jahr 2022 alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt.

Ein brauner See bis zum Horizont

Ab Mitte Juni setzte ungewöhnlich starker Monsunregen ein und verursachte erste Verwüstungen, vor allem im Norden. Im Juli wurden die Niederschläge noch stärker und brachten vor allem die ohnehin benachteiligten Südprovinzen Belutschistan und Sindh – aus denen auch die 39 Bäuer:innen stammen – an ihre Grenzen. Im August wurden schließlich alle Rekorde gebrochen: Im Süden fiel sieben- bis achtmal so viel Regen wie gewöhnlich. Aus der Krise wurde eine Katastrophe.

33 Millionen Menschen litten unter den direkten Folgen des Hochwassers, das 1,7 Millionen Häuser, 18.600 Schulen und 6.700 Kilometer Straßen zerstörte und 1,8 Millionen Hektar Ackerfläche überschwemmte. Mehr als 1.700 Menschen ertranken oder wurden von einstürzenden Häusern und Erdrutschen begraben. 

Abdul Khaliq Leghari hat mit seiner Familie das Hochwasser überlebt, aber mehrere Ernten verloren. (Bild: David Zauner)

In einem hellblauen Salwar Kamiz, dem in Pakistan verbreiteten Gewand aus weiter Hose und langem Hemd, betritt Abdul Khaliq Leghari die Bühne. Als einem der 39 Kläger:innen gehört ihm eines der vielen Einzelschicksale, die in der Bilanz dieser klimabedingten Megakatastrophe schnell untergehen.

Als das Wasser sein Haus erreichte, sei er mit seiner Familie auf eine höher gelegene Straße geflüchtet, erzählt er. Von dort hätten sie zusehen müssen, wie sich um sie herum ein brauner See immer weiter und schließlich bis zum Horizont über die Landschaft legte.

Etliche Menschen harrten tagelang auf Hausdächern, Straßen und Dämmen aus, bis sie von einem Boot eingesammelt und zu einer der Not-Zeltstädte gebracht wurden.

"Wir wissen bis heute nicht, wie wir unsere Kinder ernähren sollen. Was ist mit der Bildung unserer Kinder?", fragt der Bauer. Viele der zerstörten Schulen und Straßen wurden bisher nicht erneuert.

Klage aus Peru als juristisches Fundament

"Polluters have to pay" ist in großer Schrift hinter Kalhoro auf die Leinwand projiziert. Die Emittenten sollen zahlen. Gemeint sind die beiden deutschen Unternehmen RWE und Heidelberg Materials, um die es in dem Gerichtsverfahren geht. Beide gehören zu den sogenannten Carbon Majors – einer Gruppe von knapp 180 Unternehmen, die gemeinsam für rund 70 Prozent der weltweiten industriellen CO2-Emissionen verantwortlich sind.

Im Oktober forderten die 39 Bäuer:innen die beiden Konzerne auf, sich an den entstandenen Kosten zu beteiligen. Den ihnen entstandenen Schaden beziffern sie auf rund eine Million Euro, verursacht durch den Ausfall zweier Ernten.

Der tatsächliche Schaden sei deutlich höher, sagt Karin Zennig, doch die eine Million Euro ließen sich gerichtlich eindeutig nachweisen. Es gehe vor allem darum – das sei auch den Kläger:innen bewusst –, einen Präzedenzfall zu schaffen.

Die Unternehmen kamen der Forderung nicht nach. Im Dezember reichten die Betroffenen schließlich Klage ein. Die erste ihrer Art in Deutschland. 

 

Allerdings musste sich RWE bereits in den vergangenen Jahren gegen die Klage von Saúl Luciano Lliuya verteidigen. Der peruanische Bauer und Bergführer hatte das fossile Unternehmen auf Beteiligung an den Anpassungsmaßnahmen für sein Grundstück verklagt.

Die Klage blieb im Ergebnis erfolglos, gilt jedoch als wegweisend. Denn das Oberlandesgericht Hamm erachtete eine anteilige Haftung großer Emittenten grundsätzlich für möglich. Zwar sei die konkrete Gefährdung des Grundstücks zu gering gewesen, so die Begründung des Gerichts. Grundsätzlich könnten Großemittenten aber durchaus an den Kosten zu beteiligen sein.

Drei zentrale Voraussetzungen

In Pakistan geht es um kein potenzielles, zukünftiges Ereignis, der Schaden ist bereits entstanden. Der Umstand, der die Klage von Saúl Luciano Lliuya schließlich zum Scheitern brachte, spielt also keine Rolle.

Das mache auf den ersten Blick Hoffnung, erklärt Karin Zennig, doch Intuition helfe bei juristischen Fragen selten weiter. Eine Schadensersatzklage sei eine andere juristische Konstruktion als eine Präventionsklage.

Die kleine Demonstration zog durch das Zentrum von Pakistans größter Stadt Karatschi. (Bild: David Zauner)

Bei einer Schadensersatzklage müssen vor Gericht – grob vereinfacht – drei zentrale Voraussetzungen erfüllt sein. Erstens: Es muss ein Schaden entstanden sein. Das ist in diesem Fall kaum anzufechten.

Zweitens: Kausalität. Was haben die Beklagten getan oder unterlassen und in welchem Umfang ist dieses Verhalten ursächlich für den Schaden? Der Emissionsanteil der Unternehmen ist gut dokumentiert. Studien zeigen zudem, dass durch den Klimawandel die Flut in Pakistan intensiver ausgefallen ist und Extremereignisse dieser Art wahrscheinlicher geworden sind.

Komplexer ist der dritte Punkt: die Zurechnung im rechtlichen Sinne, insbesondere das Verschulden. Hier stellt sich die Frage, inwieweit die Unternehmen die Risiken ihres Handelns erkennen mussten.

Zwar ist bekannt, dass beide Unternehmen seit rund 60 Jahren über den Zusammenhang zwischen Treibhausgasen und Erderwärmung informiert sind. Ob daraus jedoch eine Vorhersehbarkeit konkreter Folgen wie der Flutkatastrophe in Pakistan 2022 abgeleitet werden könne, sei vor Gericht zu klären, so Zennig.

Die Bäuer:innen stammen aus den besonders stark betroffenen Distrikten Larkana, Jacobabad und Dadu nördlich von Karatschi. Hinter den 39 Kläger:innen steht jeweils eine ganze Dorfgemeinschaft, die sich in den vergangenen Jahren organisiert hat – insgesamt etwa 10.000 Menschen.

Bis das Verfahren abgeschlossen ist, dürften jedoch Jahre vergehen. Schnelle Hilfe für die betroffenen Gemeinschaften ist daher nicht in Sicht.

"Produktionsverhältnisse sind politisch verhandelbar"

Schon jetzt habe die Zusammenarbeit von Gewerkschaften, Entwicklungsorganisationen und Dorfgemeinschaften zu einem erheblichen Wissenstransfer geführt, sagt Karin Zennig. Wenn Betroffene verstehen, dass solche Katastrophen nicht gottgegeben oder ganz natürlich sind, sondern eng mit einer Produktionsweise zusammenhängen, von der vor allem wohlhabende Länder profitieren, entstehe Handlungsspielraum.

Menschen begännen, über Klimaanpassung und Klimagerechtigkeit zu sprechen. Dieses Wissen verbreite sich weiter in die umliegenden Dörfer.

Gleichzeitig gehe es darum, in Deutschland und anderen Industrienationen wieder eine Debatte in Gang zu bringen. "Die Folgen unseres Wirtschaftssystems, unseres Lebensstandards sind auch in Deutschland kaum Thema", sagt Zennig. Die bestehenden Produktionsverhältnisse würden als natürlich und unveränderbar wahrgenommen, nicht als politisch verhandelbar.

Deutliche Worte findet Nasir Mansoor, stellvertretender Generalsekretär der NTUF, auf der Bühne: Eine Erderwärmung über 1,5 Grad sei für Pakistan nicht verkraftbar. Landwirte und Arbeiter:innen gehörten zu den ersten, die unter der Erwärmung litten. "Wenn wir das kapitalistische System nicht angreifen, können wir die Klimakrise nicht lösen." 

Gewerkschaftsführer Nasir Mansoor ist eines der bekanntesten Gesichter der pakistanischen Arbeiter:innenbewegung. (Bild: David Zauner)

Eine Botschaft, die die vielleicht hundert Teilnehmer:innen der Veranstaltung im Anschluss auf die Straße tragen. Mit Bannern und Schildern läuft die kleine Demo durch das endlose Gewirr von Karatschi.

Nach einem guten Kilometer kommt der Zug schließlich vor dem Presseclub der Stadt zum Stehen. Rikschas und Mopeds drängen sich vorbei, ihre Fahrer:innen werfen kurze, irritierte Blicke auf die Schriftzüge in Urdu und Englisch, bevor sie bei drückend-schwüler Hitze im Betonmeer verschwinden.

Die Klimakrise lasse sich nicht allein juristisch lösen, sagt Karin Zennig. "Aber wenn wir mit dieser Klage Erfolg haben, ist das ein Paukenschlag. Dann müssen Unternehmen, Investor:innen und Versicherer Klimaschäden mit einkalkulieren." Ein Erfolg vor Gericht würde dazu beitragen, das jetzige Wirtschaftssystem zunehmend infrage zu stellen. 

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