Vor zehn Jahren einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen historischen Fahrplan bis 2030. Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verpflichteten sich auf 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs). Es ging darum, Armut zu überwinden, den Planeten zu schützen und ein würdiges Leben für alle Menschen zu ermöglichen. Die Vision war ebenso klar wie anspruchsvoll: Niemand sollte zurückgelassen werden.
Die 17 Ziele mit zahlreichen Unterzielen sollten neue Maßstäbe setzen für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, sozialem Zusammenhalt und dem Schutz natürlicher Lebensgrundlagen. Und das nicht nur in Ländern des globalen Südens, sondern auch in Industriestaaten wie Deutschland. Zehn Jahre nach dem historischen Beschluss stellt sich die Frage, was von diesem Anspruch geblieben ist.
Die Bilanz fällt ernüchternd aus. Die Weltgemeinschaft steuert deutlich an ihren selbst gesetzten Nachhaltigkeitszielen vorbei. Das diesjährige "High-Level Political Forum", das vergangene Woche in New York stattfand, führte einmal mehr vor Augen, wie groß die Lücke zwischen internationalem Anspruch und tatsächlichem Fortschritt bei den SDGs ist.
"Nur 35 Prozent der SDGs sind auf Kurs oder machen zumindest moderate Fortschritte", warnte UN-Generalsekretär António Guterres. "Fast die Hälfte entwickelt sich zu langsam. Und 18 Prozent gehen in die völlig falsche Richtung."
Zwar gibt es punktuelle Verbesserungen, etwa bei sozialem Schutz, weniger Kinderehen und mehr Frauen in politischen Ämtern. Doch der diesjährige SDG-Fortschrittsbericht zeigt deutlich: Nur etwa ein Fünftel der Ziele wird voraussichtlich bis 2030 erreicht, wenn sich an Tempo und Umfang der Umsetzung nichts ändert.
Globale Krisen werfen einen Teil der Länder zurück
Was den Plan gefährdet, ist nicht ein einzelner Auslöser, sondern eine sich überlagernde Vielzahl globaler Krisen. Die Auswirkungen der Klimakrise, anhaltende Kriege – etwa in der Ukraine, im Sudan oder in Gaza – sowie ökonomische Schocks und verschärfte soziale Ungleichheit bringen viele Länder an ihre Grenzen.
Infrastruktur bricht zusammen, internationale Zusammenarbeit wird schwieriger, Entwicklungserfolge werden zurückgedreht. Der politische Fokus verschiebt sich: weg von langfristigen Nachhaltigkeitsstrategien, hin zur kurzfristigen Krisenbewältigung.
Bob Rae, Präsident des Wirtschafts- und Sozialrats der Vereinten Nationen (Ecosoc), brachte die Dringlichkeit auf den Punkt: "Die SDGs sind keine beliebigen Ideale, sondern verbindliche Verpflichtungen." Angesichts wachsender globaler Unordnung, so Rae, brauche es mehr internationale Solidarität.
Trotz der ernüchternden Gesamtlage gibt es durchaus Fortschritte. Laut dem Bericht haben Länder in Ost- und Südasien seit 2015 im regionalen Vergleich am meisten bei den SDGs aufgeholt, vor allem bei sozial- und wirtschaftspolitischen Zielen. Auch einzelne Staaten wie Benin, Costa Rica, Nepal oder Peru zeigen überdurchschnittliche Entwicklungen – jeweils gemessen am Fortschritt innerhalb ihrer Region oder Ländergruppe.
Das macht deutlich: Fortschritt ist möglich, wenn politische Führung, gesellschaftlicher Rückhalt und langfristige Strategien zusammenspielen.
Im globalen SDG-Ranking liegen nach wie vor europäische Länder vorn. Finnland belegt Platz eins, gefolgt von weiteren nord- und mitteleuropäischen Staaten. 19 der 20 höchstplatzierten Länder liegen auf dem europäischen Kontinent. Das zeigt: Wohlstand, stabile Institutionen und ein funktionierendes soziales Netz helfen dabei, den Zielen näher zu kommen, garantieren es aber nicht.
In Deutschland nehmen Armut und Ungleichheit nicht ab
Auch Deutschland zählt im internationalen Vergleich zu den Ländern mit insgesamt hoher SDG-Gesamtbewertung (Platz vier). Der Blick in die Detaildaten zeigt jedoch: Von den 17 Zielen ist derzeit nur eines "on track" – nämlich SDG 11, nachhaltige Städte und Gemeinden. Hier geht es unter anderem um bezahlbaren Wohnraum, sichere Siedlungen sowie den Zugang zu sauberem Wasser, Nahversorgung und öffentlichem Verkehr.
In diesen Punkten schneidet Deutschland vergleichsweise gut ab. Die Mietüberlastungsquote liegt laut Fortschrittsbericht unter zehn Prozent, die urbane Infrastruktur ist nahezu flächendeckend ausgebaut. Auch die Luftqualität wird im Bericht positiv bewertet, allerdings liegt die Feinstaubbelastung weiterhin über den aktuellen WHO-Empfehlungen.
Bei fast allen anderen Zielen bestehen dem Bericht zufolge weiterhin "Herausforderungen". Besonders negativ ist hierzulande die Entwicklung bei SDG 1 (keine Armut) und SDG 10 (weniger Ungleichheit). Beide zeigen sogar rückläufige Trends. Der Anteil der Bevölkerung, die nach Sozialtransfers noch in Armut lebt, erreicht in Deutschland fast zwölf Prozent. Auch die Einkommensungleichheit, gemessen am Gini-Koeffizienten, bleibt ein Problem.
Im Bereich Energie (SDG 7) ergibt sich ein gemischtes Bild. Zwar ist der Zugang zu Strom und sauberen Kochtechnologien vollständig gewährleistet, auch die Emissionsintensität der Stromerzeugung wird positiv bewertet. Doch der Anteil erneuerbarer Energien am gesamten Endenergieverbrauch stagniert bei 17,6 Prozent.
Insgesamt wird SDG 7 für Deutschland daher als "mäßig verbessert, aber nicht ausreichend für die Zielerreichung" eingestuft. Während der Umstieg auf Erneuerbare beim Strom spürbar vorangekommen ist, bleibt der Fortschritt in den anderen Bereichen des Energiesystems bislang zu gering.
"Es braucht ein naturverträgliches, klimaneutrales Wirtschaften"
Auch beim Umgang mit Ressourcen und Konsumverhalten hat Deutschland Nachholbedarf. Zwar erzielten einige Bereiche gute Werte, etwa Müllvermeidung oder Wasserqualität. Doch der ökologische Fußabdruck bleibt hoch.
Luftverschmutzung und Umweltbelastungen werden häufig "importiert", etwa über Produkte, deren Herstellung in anderen Ländern Natur und Gesundheit schädigt. Die Verantwortung dafür lässt sich nicht outsourcen, auch wenn die Folgen räumlich weit entfernt auftreten.
Der Schutz der biologischen Vielfalt bleibt ebenfalls ein Problem. Laut Rote-Liste-Index geht die Artenvielfalt auch hierzulande weiterhin zurück. Der SDG-Bericht zeigt zudem, dass Deutschland erheblich zur importierten Entwaldung beiträgt, zum Beispiel durch Konsum von Produkten, deren Herstellung Waldflächen in anderen Ländern verdrängt. Trotz vorhandener Schutzstrukturen gelingt es bislang nicht, den Biodiversitätsverlust effektiv zu stoppen.
Deutschland bekennt sich zwar klar zu den UN-Nachhaltigkeitszielen. Beim Political Forum in New York betonte Umweltstaatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter für die Bundesregierung, wie wichtig ein schnelleres Erreichen der Ziele sei: "Das ist der Schlüssel für echten Fortschritt. Dafür braucht es ökologische Innovationen, eine naturverträgliche und klimaneutrale Wirtschaftsweise sowie starke, globale Partnerschaften."
Die Realität hinkt jedoch dem Anspruch hinterher. Trotz zahlreicher Strategien und Programme sind substanzielle Erfolge in zentralen Bereichen wie Klimaschutz, soziale Ungleichheit oder biologische Vielfalt bislang ausgeblieben. Bei etlichen Zielen gibt es durchaus Fortschritte – aber sind häufig zu langsam, zu selektiv oder nicht strukturell genug, um die gesetzten Ziele bis 2030 tatsächlich zu erreichen.
