Auf der SB64, der Zwischenkonferenz der UN-Klimaverhandlungen in Bonn, ist es ungewöhnlich ruhig. Kein Gedränge an den Kaffeeständen, kaum hitzige Wortgefechte in den Verhandlungssälen.

Es fühlt sich nicht stimmig an, denn in den vergangenen Jahren waren die Tagungen hier stets gut gefüllt. Kontroverse Themen wie der Ausstieg aus den fossilen Energien oder die Höhe der Klimafinanzierung wurden hier nicht nur für die Weltklimakonferenzen vorbereitet, sondern bereits ausgefochten. 

 

Doch in diesem Jahr sind deutlich weniger Menschen vor Ort. Fast wirkt es, als bekäme die eskalierende Klimakrise neben den vielen Kriegen und Krisen der Welt – im Zeitalter der sogenannten Polykrise – kaum noch Aufmerksamkeit.

Wer jedoch einen Abgesang auf die globale Klimadiplomatie anstimmen möchte, liegt falsch. Gerade jetzt, wo der Multilateralismus selbst zunehmend infrage gestellt wird, können die Klimaverhandlungen eine wichtige Rolle spielen: als Ort, an dem die Weltgemeinschaft weiterhin zusammenkommt und gemeinsam an Lösungen für globale Herausforderungen arbeitet.

Wer in Bonn fehlt – und warum die Zivilgesellschaft umso wichtiger ist 

Dass es in diesem Jahr in den Hallen und Fluren deutlich leerer wirkt, kann viele unterschiedliche Gründe haben. Delegationen können aufgrund von Kriegen oder wirtschaftlichen Krisen in ihren Herkunftsländern teilweise kleiner sein als in den Vorjahren.

Zivilgesellschaftlich Aktive aus dem globalen Süden berichten zudem, dass sie ihre Visa nicht rechtzeitig oder auch gar nicht erhalten haben. Andere konnten nicht mehr auf die notwendige finanzielle Unterstützung für ihre Reise zurückgreifen oder erhielten diese zu spät. 

Bild: privat

Kathrin Henneberger

arbeitet für Plant-for-the-Planet, eine Stiftung, die inter­nationale Wald­renaturierungs- und Klima­bildungs­projekte durchführt. Zuvor war sie Bundes­tags­abgeordnete der Grünen und befasste sich vor allem mit globaler Klima­diplomatie, Bio­diversitäts­schutz und inter­nationaler Entwicklungs­zusammen­arbeit. 

Besonders tragisch ist der Fall der indigenen Vertreterin Darja Jegerewa, die aufgrund ihrer Inhaftierung in Russland nicht an den Verhandlungen teilnehmen kann. Menschenrechtsorganisationen beobachten seit Jahren einen zunehmenden Druck auf indigene Gemeinschaften und ihre Vertreter:innen in Russland.

In vielen weiteren Weltregionen verschärft sich zudem die Repression gegen Menschenrechts- und Umweltverteidiger:innen. Häufig wird in diesem Zusammenhang vom shrinking civic space gesprochen – dem schwindenden Handlungsspielraum für zivilgesellschaftliches Engagement und politische Teilhabe.

Umso wichtiger ist es, dass die an den Verhandlungen Teilnehmenden aus besonders betroffenen Regionen und Bevölkerungsgruppen sowie aus der Zivilgesellschaft ihre Stimmen einbringen und klimagerechte Lösungen in die Prozesse tragen – und genau das passiert auch in Bonn.

Bye-bye Fossile – jetzt wird elektrifiziert

Vor einem Monat fand im kolumbianischen Santa Marta die erste Konferenz für einen gerechten Ausstieg aus den fossilen Energien statt. Die dort spürbare, fast euphorische Aufbruchstimmung – endlich an der konkreten Umsetzung einer Transformation zu arbeiten, ohne fundamental blockiert zu werden – wurde hierher nach Bonn getragen. Nun kommt es darauf an, Ideen und Forderungen auch in den UN-Verhandlungen zu verankern.

Ein positives Signal hat die Präsidentschaft des kommenden Klimagipfels COP 31 in Antalya, die sich die Türkei und Australien teilen, bereits in Bonn gesetzt: Sie stellte eine neue globale Initiative zur Elektrifizierung vor.

Ziel ist es, den Anteil von Strom am weltweiten Endenergieverbrauch bis 2035 von derzeit gut 20 Prozent auf 35 Prozent zu steigern. Dadurch soll der direkte Verbrauch von Kohle, Öl und Gas vor allem in den Bereichen Verkehr, Gebäude und Industrie deutlich reduziert und durch Strom ersetzt werden.

Einige Menschen demonstrieren am Rand eines Raums im Konferenzzentrum mit einem Transparent mit englischer Aufschrift: Bezahlt für Klimafinanzierung!
NGOs machen sich auch auf der Zwischenkonferenz in Bonn für eine gerechte Klimafinanzierung stark. (Bild: Katrin Henneberger)

Entscheidend wird sein, dass diese Ziele nicht freiwillig bleiben, sondern verbindlich werden – verbunden mit klaren Ausbauzielen für erneuerbare Energien. Neben der Notwendigkeit zur Reduktion von Treibhausgasen spielt auch die Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen eine zentrale Rolle in der Argumentation der COP-Präsidentschaft.

Damit die Abkehr von den Fossilen tatsächlich gelingt, braucht es jedoch auch hier eine Roadmap: einen klaren Fahrplan mit nationalen Aktionsplänen und festen Ausstiegsdaten für Kohle, Öl und Gas. Diese Verhandlungen werden deutlich konfliktreicher sein.

Umso entscheidender ist es, dass Länder vorangehen, zusammenarbeiten und den in Santa Marta begonnenen Prozess weiterführen. Die nächste Konferenz zum Ausstieg aus den fossilen Energien wird im kommenden Jahr von Tuvalu und Irland ausgerichtet.

Kein Klimaschutz ohne Waldschutz

Während die Verhandlungen über die Zukunft der Menschheit weitergehen, geraten Ökosysteme und mögliche Klimakipppunkte unter den bereits steigenden Temperaturen zunehmend unter Druck. Dazu gehören auch Wälder, die eine zentrale Rolle im Kampf gegen die Klimakrise spielen. Intakte Wälder schützen nicht nur die biologische Vielfalt und sichern die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen – sie speichern auch große Mengen Kohlenstoff.

Entwaldung und Walddegradierung schreiten jedoch weiterhin voran. Besonders alarmierend ist die Zunahme großflächiger Waldbrände. Ein internationaler Fahrplan soll daher aufzeigen, wie das globale Ziel erreicht werden kann, die Waldzerstörung bis 2030 zu stoppen und umzukehren.

Zu den zentralen Forderungen der Zivilgesellschaft gehört die Vorlage verbindlicher nationaler Pläne zur Beendigung von Entwaldung und Walddegradation. Diese sollen klare Zeitpläne, messbare Ziele sowie die Anerkennung und den Schutz der Rechte indigener und traditioneller Gemeinschaften enthalten.

Gefordert werden außerdem Schutzmechanismen, die verhindern, dass etwa der Ausbau von Bioenergie zu weiterer Entwaldung oder zu Menschenrechtsverletzungen führt. Effektiver Waldschutz wird auch nur gelingen, wenn entwaldungsfreie Lieferketten durchgesetzt, extraktivistische Projekte verhindert und ausreichende finanzielle Mittel bereitgestellt werden.

 

Dies werden – wie auch in den anderen Verhandlungssträngen – keine einfachen Verhandlungen in Bonn, und es gibt zahlreiche Möglichkeiten, dass einzelne Staaten den Prozess blockieren.

Doch allein die Tatsache, dass dieser Raum weiterhin existiert, in dem multilateral über den Umgang mit globalen Krisen verhandelt werden kann, ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Die Klimadiplomatie lebt noch – und das ist eine gute Nachricht.

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