Zuletzt dauerten Weltklimagipfel inklusive der üblichen Verlängerung um die zwölf Tage. Das 30. Treffen in Belém wird auf 14 bis 15 Tage kommen, den vorgelagerten "Leaders' Summit" eingerechnet.
In der Stadt im Amazonasgebiet werden um die 50.000 Teilnehmende erwartet. Trotz der logistischen Probleme liegt das nahe an den 60.000 Menschen, die an den letzten Gipfeln über alle Tage gezählt teilnahmen.
Schaut man dagegen darauf, was in Belém eigentlich verhandelt wird, stellt sich eine gefühlte Diskrepanz ein.
Drei größere Verhandlungsblöcke gebe es auf der COP 30, erläuterte Steffen Bauer vom German Institute of Development and Sustainability (IDOS) bei einem Medientermin letzte Woche. Das IDOS berät die Bundesregierung und ist ein führender Thinktank zu Fragen der globalen nachhaltigen Entwicklung.
In Belém geht es, so Bauer, zum einen um das globale Anpassungsziel, das sogenannte Global Goal on Adaptation. Das Ziel fußt auf Artikel 7 des Pariser Klimaabkommens. Der fordert, bezogen auf das 1,5-Grad-Ziel, die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaften zu stärken und die Anfälligkeit für den Klimawandel zu verringern.
Hoffnung zumindest beim globalen Anpassungsziel
Der jüngst veröffentlichte Anpassungsindex der Entwicklungsorganisation Brot für die Welt hat ergeben: Für 90 Prozent der Menschen, die in besonders vom Klimawandel betroffenen Ländern leben, reicht die globale Anpassungsfinanzierung nicht aus oder ist praktisch nicht vorhanden.
In Belém stehen die Verhandler beim Anpassungsziel erstmal vor der Aufgabe, einen Katalog von etwa 100 Indikatoren zu ordnen und "einzudampfen", mit dem die Fortschritte bei der Klimaanpassung gemessen werden sollen.
Da geht es um Zugang zu Wasser, Geschlechtergerechtigkeit, aber auch industrielle Entwicklung – Maßstäbe, die alle irgendwie zusammenhängen, bei denen die sogenannten Geberländer und die Empfängerländer aber auch ganz unterschiedliche Interessen haben.
IDOS-Experte Bauer sieht jedenfalls "hoffnungsvolle Signale", wie er sagt. Es könnte eine Einigung geben, auch wenn sich Geberländer hier und da noch etwas sträubten.
Weil der Weg zum Anpassungsziel viele neue Milliarden kosten wird, hängt Thema eins eng mit dem zweiten Thema in Belém zusammen: dem Aufwuchs der globalen Klimafinanzierung.
Diese soll von 100 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 auf 300 Milliarden 2035 steigen. Das allein erfordere schon eine "enorme" Kraftanstrengung, betont Steffen Bauer. Im Raum stehe weiterhin auch die Forderung des globalen Südens nach einer Klimafinanzierung von künftig 1,3 Billionen Dollar.
Entwicklungshilfe der Industrieländer sinkt um ein Drittel
Anpassung und Klimafinanzierung nützen freilich nicht viel, geht es bei der CO2-Reduktion nicht voran. Die Ambitionslücke in Richtung 1,5-Grad-Ziel zu schließen, ist für den Politikwissenschaftler deswegen das dritte zentrale Thema in Belém.
Allzu hohe Erwartungen an den Weltklimagipfel dämpft IDOS-Direktorin Anna-Katharina Hornidge allerdings. Angesichts der turbulenten Weltlage sei die wichtigste Aufgabe der COP 30 zu zeigen, dass internationale Klimapolitik überhaupt noch funktioniere, erklärte Hornidge letzte Woche. Für Optimismus gebe es dabei "wenig Anlass".
Die IDOS-Direktorin verwies dabei auf sinkende Entwicklungshilfe-Ausgaben der Industrieländer. So stellte im Juni ein OECD-Bericht fest, dass die Mittel für öffentliche Entwicklungszusammenarbeit (ODA) der fast 40 OECD-Länder in diesem Jahr um neun bis 17 Prozent unter den Vorjahresausgaben liegen, nachdem es bereits 2024 ein Minus von neun Prozent gegeben hatte.
Hornidge rechnet mit weiteren Kürzungen, sodass die ODA-Gelder um insgesamt ein Drittel zwischen 2023 und 2026 sinken würden.
Der Rückzug findet dabei nicht nur in den USA statt. Weitere große Geberländer wie Großbritannien, Frankreich und auch Deutschland haben ihre Entwicklungszahlungen ebenfalls drastisch reduziert. Die Soziologin wies zugleich darauf hin, dass Länder wie Saudi-Arabien, die Emirate, China, Japan, Südkorea oder auch Italien die Hilfen ihrerseits heraufsetzten.
Nach aktuellen Angaben betragen die Mittel für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im geplanten Haushalt des gleichnamigen deutschen Ministeriums für 2026 nur noch knapp zehn Milliarden Euro. Das sind zwei Milliarden weniger als noch 2023. Über den Bundeshaushalt 2026 entscheidet der Bundestag in den kommenden Wochen.
Multilaterale Verhandlungsformate entstanden ohne globalen Süden
Trotz des sinkenden Interesses gerade der Industrieländer funktionierten internationale Verhandlungsprozesse wie die Klimaverhandlungen aber noch, betonte Anna-Katharina Hornidge. Klimakonferenzen seien weiterhin Orte, wo sich auf Basis des Multilateralismus noch Ergebnisse erzielen ließen, sagte sie.
Gleichzeitig sei aber klar, dass dem Problem der viel zu langsamen Treibhausgasreduktion nicht mehr über diese Verhandlungsplattform beizukommen sei. "Das Verhandlungsformat liefert leider nicht in der Geschwindigkeit, in der wir voranschreiten müssen", erklärte sie.
Das sei erst recht nicht möglich, ergänzte Hornidge, wenn solche Elefanten im Raum sind wie die USA. Selbst wenn das Land vor Ort nicht anwesend sein sollte, könne es über Zölle und andere Deals Druck auf die Klimapolitik der anderen Länder ausüben.
Es gelte zwar, die multilateralen Prozesse zu schützen, aber eben gleichzeitig anzuerkennen, dass viele dieser Formate nicht schnell genug zum Ziel führten, bilanzierte Hornidge ihre Eindrücke.
Um die Lücke bei den Treibhausgasemissionen zu schließen, reicht für Hornidge auch das Instrument der nationalen Klimapläne nicht mehr aus. Wichtig seien ebenfalls marktbasierte Anreize, aber auch die volle Breite zivilgesellschaftlicher Initiativen für Klimaschutz.
Was die Zukunft des Multilateralismus betrifft, plädierte sie dafür, die Kritik vieler Länder des globalen Südens anzuerkennen. Diese Staaten wiesen zu Recht darauf hin, dass die heutigen multilateralen Strukturen zum großen Teil entstanden sind, als sie nur teilweise mit am Tisch saßen und gar nicht gehört wurden.
"Wenn sich die existierenden universellen multilateralen Strukturen nicht so ändern, dass sich die Mehrheit der Länder dort wiederfindet, werden alternative Ordnungssysteme immer mehr am Einfluss gewinnen", warnte Hornidge. Im Blick hat sie dabei zum Beispiel Gruppierungen wie Brics oder Treffen wie den jüngsten Shanghai Cooperation Summit.
In naher Zukunft ist also nicht ganz ausgeschlossen, dass zu einem Weltklimagipfel eingeladen wird, aber keine Zehntausende mehr kommen.
