"Brazil is back." Die Menge jubelte, als Luiz Inácio Lula da Silva vor knapp drei Jahren die Rückkehr seines Landes zur internationalen Klimadiplomatie ankündigte. Offiziell war Brasilien nie aus der UN-Klimarahmenkonvention oder dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen, aber Lulas Vorgänger, der rechtsextreme Präsident Jair Bolsonaro, hatte keinen Hehl aus seiner Abneigung gemacht.
Bolsonaro leugnete den menschengemachten Klimawandel, drohte etliche Male, aus dem Paris-Abkommen auszutreten, und in seiner vierjährigen Amtszeit nahm die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes um 60 Prozent zu.
Nur wenige Tage vor seiner Rede auf dem 27. Weltklimagipfel in Ägypten hatte Lula die Wahl gegen Bolsonaro gewonnen. Der Sozialdemokrat hatte im November 2022 das Amt also noch nicht einmal offiziell übernommen und versprach bereits vor den Augen der Weltöffentlichkeit, den Kampf gegen den Klimawandel wieder zur obersten Priorität in Brasilien zu machen.
Und mehr noch: Der heute 80-Jährige, der Brasilien bereits von 2003 bis 2011 regiert hatte, schlug sein Land, genauer den brasilianischen Amazonas-Regenwald, als Austragungsort für COP 30, die diesjährige UN-Klimakonferenz, vor.
Delegierte von allen möglichen Ländern sicherten sofort ihre Unterstützung zu, und in der offiziellen Abstimmung auf dem Klimagipfel in Dubai ein Jahr später sprachen sich die Staaten im Konsens dafür aus.
"Die COP 30 im Herzen des Waldes abzuhalten, erinnert uns eindringlich an unsere Verantwortung, das 1,5-Grad-Ziel für die Erderwärmung einzuhalten", kommentierte damals Umweltministerin Marina Silva die Entscheidung.
Chronologie des Imageverlusts
Nachdem drei Jahre im Herzen der fossilen Wirtschaft über Klimaschutz verhandelt wurde, kommt jetzt also die COP im Herzen des Waldes, so das Bild, das seit Lulas fulminantem "Brazil is back"-Auftritt von Umweltverbänden und Medien bemüht wird. Tatsächlich macht das fossile Geschäft in Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Aserbaidschan – den Gastgebern der drei letzten Gipfel – zwischen einem Viertel und der knappen Hälfte des Bruttoinlandsprodukts aus, deutlich mehr als in Brasilien.
Doch besser ist nicht gleich gut. In den letzten Jahren und Monaten hat die glänzende Rüstung von Lula da Silva Flecken bekommen.
Die Chronologie des Imageverlusts geht so: Schon in Lulas erstem Amtsjahr versteigerte die brasilianische Regierung über 600 Blöcke – abgegrenzte Flächen auf See oder an Land – für Explorationsbohrungen nach Öl und Gas an Unternehmen wie Chevron, Exxon Mobil oder Petrobras.
In diesen "Weltuntergangsauktionen", wie die brasilianische Umweltbewegung sie getauft hat, sind auch etliche Gebiete im Amazonas-Regenwald sowie indigene Territorien verhökert worden.
Schon 2023 stieg die Ölproduktion Brasiliens um zwölf Prozent und katapultierte Brasilien laut dem Production Gap Report des UN-Umweltprogramms Unep auf Platz sieben der weltweit größten Erdölproduzenten. Und Lula macht keinen Hehl daraus, die fossile Produktion in seinem Land weiter ausbauen zu wollen.
"Ich träume von einem Tag, an dem wir keine fossilen Brennstoffe mehr benötigen, aber dieser Tag ist noch weit entfernt", erklärte er im Februar in einer Rede in Pará, dem Bundesstaat, in dem die COP 30 stattfinden wird. "Die Menschheit wird noch lange Zeit auf sie angewiesen sein."
Fossile Expansion für die Energiewende?
2024 gingen die "Weltuntergangsauktionen" weiter, und vor wenigen Monaten wurde bekannt, dass die brasilianische Öl- und Gasagentur ANP auch dieses Jahr 172 Blöcke ausgeschrieben hat.
In einer etwas schiefen Logik rechtfertigte der Präsident bei verschiedenen Gelegenheiten seinen fossilen Expansionskurs damit, mit den Öl- und Gas-Einnahmen die grüne Transformation in seinem Land finanzieren zu wollen.
Clara Junger, Brasilien-Koordinatorin der Fossil Fuel Non-Proliferation Treaty Initiative, widerspricht dem Präsidenten heftig. Ganz im Gegenteil fließe aus dem Ölgeschäft kaum Geld in den Umbau der Wirtschaft – gerade mal 0,06 Prozent der Einnahmen, so Junger. "Wir brauchen ein globales Abkommen, um die Ölförderung auf faire, gerechte und nachhaltige Weise zu beenden. Bis dahin müssen wir zumindest ihre Ausweitung verhindern."
Der jüngste Eintrag in die Chronologie der fossilen Unrühmlichkeiten erfolgte, als am vergangenen Montag der halbstaatliche Erdölkonzern Petrobras mitteilte, eine Lizenz für Ölbohrungen im Amazonas-Mündungsbecken (Bacia da Foz do Amazonas) erhalten zu haben.
Das Unternehmen kämpft seit fünf Jahren für die Erlaubnis, in dem besonders umstrittenen Block FZA-M-59 nach Öl zu bohren. Nur zwei Wochen vor Beginn des Klimagipfels gibt die Regierung grünes Licht.
Das Gebiet 170 Kilometer vor der Küste weist zahlreiche wertvolle Ökosysteme auf, wie Kritiker:innen seit Jahren betonen. Es wird befürchtet, dass die nun erteilte Erlaubnis Türöffner für weitere fossile Projekte in dem sensiblen, ehemals geschützten Amazonas-Riffsystem vor der Küste Brasiliens, Guyanas und Surinams sein könnte.
"Brasilien sabotiert den Klimagipfel"
Knapp 850 Millionen Kubikmeter Erdöl sollen dort unter dem Meeresboden schlummern. Die vollständige Verbrennung dieser Menge würde etwa 2,3 Milliarden Tonnen CO2 freisetzen, fast so viel, wie die gesamte Europäische Union in einem Jahr ausstößt.
Die Vergabe der Lizenz sei eine doppelte Sabotage, kritisierte Suely Araújo vom Observatório do Clima, einem brasilianischen Netzwerk aus Forschungsinstituten und Umweltverbänden. Zum einen gefährde die Regierung mit der Entscheidung die Menschheit, indem sie die Wissenschaft ignoriere und die Klimakrise weiter anfeuere.
In der Tat warnen Institutionen wie die Internationale Energieagentur schon seit Jahren, dass der weitere Ausbau fossiler Infrastruktur mit dem 1,5-Grad-Ziel unvereinbar ist.
Zum zweiten, so Araújo, sabotiere die Regierung damit die COP 30, deren "wichtigstes Ergebnis ein entschlossener Umsetzungsplan zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen sein muss". Lula habe sein Klimahelden-Image mit der Erdöl-Versteigerung in den Tiefen des Ozeans vor der Küste Brasiliens versenkt.
Ein breites Bündnis aus zivilgesellschaftlichen Organisationen kündigte an, gegen die Entscheidung vor Gericht zu ziehen.
In ganz Südamerika wird die Erschließung neuer Öl- und Gasvorkommen derzeit massiv vorangetrieben. Etwa die Hälfte aller neuen Gewinnungsprojekte befindet sich in Brasilien.
Viele der Projekte benötigen massive Vorabinvestitionen und sind laut der deutschen Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Urgewald in der Regel für eine Laufzeit von 30 bis 50 Jahren ausgelegt.
