Die kolumbianische Küstenstadt Santa Marta sieht auf Bildern aus wie eine klassische Karibikstadt: weißer Sand, blaues Meer und im Hintergrund ein sattgrüner Wald – der Tayrona-Nationalpark. Dieser Regenwald beheimatet Hunderte Baumarten wie Mahagoni, zahlreiche Orchideenarten und ein vielfältiges Tierreich.
Doch das karibische Naturparadies birgt auch den größten Steinkohlehafen Kolumbiens. Von hier aus werden jährlich Millionen Tonnen Kohle in alle Welt verschifft – auch nach Deutschland. Denn das südamerikanische Land besitzt nicht nur eine große Öl- und Gasindustrie, es ist auch der weltweit drittgrößte Steinkohleproduzent.
Beim Klima- und Umweltschutz ist Santa Marta also ein Ort voller Gegensätze. Das macht die Stadt symbolträchtig. Denn auch der weltweite Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen ist voller Widersprüche, Hürden und Komplexitäten.
Dabei stehen Länder wie Kolumbien, deren Volkswirtschaften auf dem Export von Kohle, Öl und Gas basieren, vor ganz anderen Herausforderungen als etwa Malawi in Afrika, das vermeiden muss, überhaupt in die fossile Abhängigkeit zu rutschen. Wieder andere Länder, zum Beispiel die kleinen Inselstaaten, sind vor allem von den Folgen der fossilen Verbrennung betroffen.
Es ist genau diese Ambivalenz, die Santa Marta zum idealen Austragungsort für die erste internationale Konferenz zum Ausstieg aus den fossilen Energien machte, zur "Transition Away from Fossil Fuels" oder kurz TAFF. Vom 24. bis 29. April versammelten sich hier etwa 1.500 Menschen aus 57 Ländern, um über konkrete Schritte zu einer Welt ohne Öl, Gas und Kohle zu beraten.
Enttäuschung nach 30 Weltklimagipfeln
Eigentlich sollten Beschlüsse zur globalen Abkehr von den fossilen Energien auf den jährlichen Weltklimakonferenzen gefasst werden – schließlich beinhaltet Klimaschutz zuallererst einen Stopp der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas.
Aber so ist es nicht. Bis vor Kurzem war der fossile Ausstieg sogar ein Tabuthema auf den Klimagipfeln. Erst bei der 28. UN-Klimakonferenz in Dubai vor zweieinhalb Jahren einigten sich die Vertragsstaaten des Pariser Klimaabkommens erstmals auf einen "Übergang weg von fossilen Energien".
Denn für einen Ausstiegsfahrplan braucht es die – zumindest widerwillige – Zustimmung aller fast 200 Staaten zu einem verbindlichen Bekenntnis. Doch besonders aus den ölfördernden Golfstaaten kommt vehemente Gegenwehr. Dies reicht sogar so weit, dass einige Staaten die Vereinbarungen zum Fossilausstieg auf der 29. Weltklimakonferenz in Aserbaidschan komplett blockierten.
Trotz des holprigen Verlaufs der Verhandlungen entwickelte sich aber die Idee für einen Fahrplan, um "die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu überwinden", zum Hauptthema auf der folgenden, der 30. Klimakonferenz im brasilianischen Belém. Am Ende unterstützten 83 Staaten die "Transition Away from Fossil Fuels".
Doch weil sich die Fossil-Aussteiger nicht gegen eine Ländergruppe um Saudi-Arabien durchsetzen konnten, endete die Konferenz in Belém mit einer Enttäuschung: Der Ausstieg wurde nicht in die Abschlussdokumente aufgenommen. Als Antwort auf diese enttäuschende Entscheidung wurde jedoch die erste Konferenz zum globalen Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas in Kolumbien angekündigt.
"Die Stimmung ist hier sehr gut"
Dieses Versprechen setzte eine "Koalition der Willigen" in die Tat um. Sie organisierte eine wissenschaftliche Vorkonferenz, eine "Volksversammlung", zu der auch Angehörige indigener Völker, Gewerkschaftsmitglieder und Kleinbauern eingeladen waren, sowie ein Treffen, bei dem hochrangige Regierungsvertreter:innen und Nichtregierungsorganisationen Wissen und Techniken zum fossilen Ausstieg teilen konnten.
Um dabei die üblichen Blockaden durch fossile Staaten zu umgehen, luden die Gastgeber Länder wie Russland, China und die USA zu der TAFF-Konferenz gar nicht erst ein. Statt festgefahrener Verhandlungen sollte die Konferenz in Santa Marta Raum für einen offenen Dialog geben, der sich nicht an den klassischen Konfliktlinien bewegt.
Die Meinungen zu dieser Entscheidung gingen auseinander, doch die stark kuratierte Gästeliste erfüllte definitiv ihren Zweck. "Während bei globalen Klimaverhandlungen zuletzt eher die Konfrontation zwischen der fossilen Lobby und den progressiven Staaten im Vordergrund stand, ging es hier nicht um die Frage des 'Ob', sondern um das 'Wie'", sagte Petter Lydén von der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch.
Diese Möglichkeit zum freien Dialog – wie sicherlich auch das karibische Flair des Ortes – sorgte laut Anwesenden für eine förderliche Atmosphäre. "Auf der Konferenz herrschte eine sehr gute Stimmung. Die Teilnehmenden legten alle eine sehr positive, zuhörende und am Austausch interessierte Attitüde an den Tag", berichtet der deutsche Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth von der Konferenz.
Während es zum Ende der TAFF-Konferenz zwar keine verbindlichen Beschlüsse gab, waren doch Ergebnisse zu verkünden. Zum einen wurden Arbeitsbereiche für nachfolgende Konferenzen bestimmt. Dazu zählen die Zusammenarbeit beim Aufstellen von Fahrplänen für den fossilen Ausstieg, Handelspolitik sowie der Interessenausgleich bei Produzenten und Konsumenten. Außerdem gründete sich ein internationales Wissenschaftspanel, das Regierungen bei ihrem fossilen Ausstieg beraten soll.
Zudem soll eine weitere TAFF-Konferenz in Tuvalu, einem Inselstaat im Pazifischen Ozean, stattfinden. Ein weiterer symbolträchtiger Ort, da die Insel vom steigenden Meeresspiegel durch den Klimawandel bedroht ist. Weiterer Gastgeber wird Irland sein.
"Santa Marta war ein Hauch frischer Luft, ein echtes Zeichen dafür, dass sich der Wind endlich dreht", sagte Shiva Gounden von Greenpeace in Santa Marta. Ein Signal sei aber keine Lösung, und die globale Energiewende verlaufe für die Inselstaaten im Pazifik und alle klimaverwundbaren Gemeinschaften immer noch viel zu langsam.
"Wenn wir in Tuvalu ankommen, muss sich das Gespräch ändern", so Gounden. "Es reicht nicht, wenn wir mehr Ehrgeiz mitbringen, wir müssen Beweise für die Umsetzung liefern."
Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Fossiler Knoten gelockert

Da ich kein Fantast bin, kann ich mir unter diesen Umständen nicht vorstellen, dass die Menschheit noch die Kurve kriegt, nicht vielmehr aus ihr hinausgetragen wird, womöglich an einem Hindernis zerschellend. Ich weiss aber auch, dass die Angelegenheit nicht digital verfasst ist, es nicht nur Null und Eins gibt. Die Durchschlagskraft der kommenden Katastrophe ist beeinflussbar. Noch kann man dafür kämpfen, dass sie unter der Schwelle weitgehender Vernichtung bleibt.