Hat die deutsche Landwirtschaft ein Klimaproblem? Die Prognosen sagen: bis 2030 nicht. Die Bestände an Rindern und Schweinen sinken, weniger Dünger kommt auf die Felder und der Fleischkonsum stagniert. Das begrenzt die Emissionen.
Zudem profitieren die Landwirte von einem klimastatistischen Geschenk. Vor einigen Jahren bewertete der Weltklimarat IPCC die Klimawirkung von Lachgas aus Düngung neu und setzte diese um fast 40 Prozent herab.
Seitdem "spart" die deutsche Landwirtschaft umgerechnet mehrere Millionen Tonnen CO2 jährlich auf dem Papier ein. Das CO2-Budget der Landwirtschaft im Klimaschutzgesetz hätte entsprechend gekürzt werden müssen. Das aber geschah nicht. Dank der Luftbuchung hat die Branche das Klimaziel für 2030 bereits in der Tasche.
Es gibt aber ein noch viel größeres Klimageschenk an die Landwirtschaft. Auch das hat mit der internationalen Klimastatistik zu tun hat. Dort ist vorgeschrieben, Emissionen aus agrarisch genutzten Moorböden nicht dem eigentlichen Verursacher – also dem Sektor Landwirtschaft – zuzuschlagen, sondern dem Sektor Landnutzung, der unter dem Kürzel LULUCF fimiert.
Wie groß die Gabe gerade für die deutsche Landwirtschaft ist, stellt eine vom Thinktank Agora Agrar jetzt vorgelegte Untersuchung zu Landnutzung und Ernährung heraus.
Landwirtschaft verursacht so viele Emissionen wie Gebäudesektor
Die Forscherinnen und Forscher rechneten für das Jahr 2020 die Emissionen der Landwirtschaft laut den Vorgaben des Klimaschutzgesetzes mit denen zusammen, die aus agrarisch genutzten Moorböden stammen. Ergebnis sind jährliche CO2-Emissionen von rund 103 Millionen Tonnen – gut das Doppelte von dem, was das Klimagesetz damals der Landwirtschaft zuordnete.
An der Größenordnung von über 100 Millionen Tonnen hat sich in den fünf Jahren bis heute nichts geändert. In der Klimarealität verursacht die Landwirtschaft fast so viele Klimagase wie der Gebäudesektor.
Der steht klimapolitisch stets am Pranger, die Landwirtschaft nicht. Das ist ganz im Sinne der hierzulande politisch tief verankerten Agrarlobby.
Die trügerische Klimabilanz wenigstens optisch zu korrigieren – dafür spricht sich Agora-Agrar-Direktorin Christine Chemnitz aus. Eine gemeinsame Darstellung der Emissionen aus Landwirtschaft und landwirtschaftlich genutzten Mooren sei sinnvoll, erklärt sie anlässlich der Veröffentlichung der Studie.
Die gesamten landwirtschaftlichen Emissionen seien so auf einen Blick sichtbar, entscheidend aber blieben "ambitionierte Minderungsziele" für beide Bereiche, betont die Agrarwirtschaftlerin weiter.
Acht Milliarden Euro für Moor-Vernässung
Für eine "Moor-Renaissance" greift die Untersuchung von Agora Agrar ähnlich ehrgeizige Ziele auf, wie sie schon der Wissenschaftliche Beirat für Natürlichen Klimaschutz des Bundesumweltministeriums fordert.
Danach sollen bis 2045 etwa 80 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Moore wiedervernässt werden. Für die übrigen 20 Prozent schlägt Agora Agrar jetzt vor, sie "überwiegend als flach entwässertes Grünland" zu nutzen.
Die Kosten für die Vernässung schätzt der Thinktank auf etwa acht Milliarden Euro für die Zeit von 2025 bis 2045. Wiedervernässungsprämien könnten dabei für einen Übergangszeitraum von zehn bis 20 Jahren den Verzicht auf die trockene Nutzung kompensieren, heißt es in der Studie. Langfristig ginge es aber darum, neue Wertschöpfungsketten für Paludikulturen aufzubauen, also die Moore wirtschaftlich zu nutzen.
Mit der Ausarbeitung will Agora Agrar aber nicht nur den Klimaschutz voranbringen, sondern den Agrarsektor generell umbauen. Denn die Last, die künftig auf die Landwirtschaft drückt, erscheint enorm: Sie muss genug Lebensmittel für eine gesunde Ernährung liefern, genug Rohstoffe für eine zukünftige Bioökonomie sowie genug Klimaschutz und Artenvielfalt.
Einen Vorteil gibt es: Deutschland sei ein "landwirtschaftlicher Gunststandort", erläutert Christine Chemnitz. Das Land könne einen großen Teil seines künftigen Biomassebedarfs selbst decken, ist sie sicher.
Derzeit nimmt Deutschland laut der Studie noch vier Millionen Hektar im Ausland in Anspruch, um den Bedarf nach Biomasse wie Holz, Öle sowie Futter- und Nahrungsmitteln zu decken. "Unser Szenario zeigt, dass Deutschland seine Agrarimporte – auf die Fläche umgerechnet – von vier auf eine Million Hektar senken kann", erklärt Chemnitz.
Dass Deutschland seinen virtuellen Flächenimport verringert, ist für sie auch deshalb wichtig, weil der Druck auf globale Landflächen in den nächsten Jahren steigen wird. Auch die Folgen des Klimawandels würden auf manchen Flächen die Erträge mindern, sagt Chemnitz.
Pflanzenbasierte Ernährung ermöglicht andere Flächennutzung
Wie ist das alles nun anzugehen? Als zentral sieht das Agora-Team eine stärker pflanzenbasierte Ernährung im Wechselspiel mit einer veränderten Flächennutzung an.
So kann laut der Studie der Konsum tierischer Produkte bis 2045 um etwa 50 Prozent zurückgehen, verbunden mit einem entsprechenden Rückgang der Tierproduktion und einer verringerten Nachfrage nach Futtermitteln. Diese werden zurzeit noch auf 60 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Deutschlands angebaut.
Für eine stärker pflanzenbasierte Ernährung braucht es "faire Ernährungsumgebungen", wie es in der Untersuchung heißt. Damit sind Rahmenbedingungen gemeint, in denen gesunde und nachhaltige Lebensmittel leicht verfügbar und bezahlbar sind.
Dazu wird in der Studie unter anderem ein Programm des Bundes für eine entsprechende Kita- und Schulverpflegung vorgeschlagen, zudem eins für Obst- und Gemüse, das gesunde Ernährung mit regionaler Wertschöpfung verbindet. Die Autorinnen und Autoren halten auch eine Servicestelle für möglich, die Kommunen dabei unterstützt, eine gesunde und nachhaltige Ernährung zu fördern.
Mit dem in der Folge geringeren Flächenanspruch für Ernährung kann dann mehr Biomasse für die Bioökonomie produziert werden, ohne den Druck auf die Flächen in anderen Ländern zu erhöhen, schlussfolgern die Forschenden.
Die so gewonnene wertvolle Biomasse solle dann vor allem dort eingesetzt wird, wo keine anderen effizienteren Technologien für Klimaneutralität verfügbar sind. Entsprechend plädiert Agora Agrar für eine stärkere stoffliche Nutzung von Biomasse, die heute noch zu häufig energetisch eingesetzt werde.
EU-Agrarpolitik soll Gemeinwohl und Nachhaltigkeit fördern
Um all das zu realisieren, müsse die Politik eine nachhaltigere Nachfrage in der Ernährung und der Bioökonomie fördern und Gemeinwohl-Leistungen der Land- und Forstwirtschaft honorieren, fordert der Thinktank weiter.
Christine Chemnitz hat hier gerade die Mittel der europäischen Agrarpolitik im Blick. Diese müssten gerade in Zeiten knapper Kassen gezielt für Gemeinwohlleistungen eingesetzt werden, sagt sie.
Darunter versteht die Agora-Studie zum Beispiel den Aufbau von CO2-Senken durch vernässte Moore oder neue Wälder. Auch der Schutz von Oberflächen- und Grundwasser sowie der Artenvielfalt fallen darunter.
Derzeit würden in der bis 2027 laufenden Förderperiode noch mehr als 60 Prozent der EU-Agrarmittel kaum oder gar nicht für Gemeinwohlleistungen und Nachhaltigkeitsziele verwendet, merkt die Arbeit an. Entsprechend stehe die deutsche Agrar- und Waldpolitik vor der Aufgabe, die Wettbewerbsfähigkeit jener Betriebe zu stärken, die Gemeinwohlleistungen erbringen.
Einen großen Wert misst die Untersuchung dem Kampf gegen Lebensmittelverschwendung bei. Hier liege – neben der stärker pflanzenbetonten Ernährung – einer der "zentralen Hebel" für mehr Nachhaltigkeit, betont Christine Chemnitz, räumt aber auch ein: "Um Lebensmittelabfälle wirksam zu reduzieren, braucht es eine bessere Datengrundlage, wo diese anfallen – von der Landwirtschaft bis hin zu den privaten Haushalten."
Die fehlende Datenlage hindert die Forscherinnen und Forscher aber nicht, in der Studie den fragwürdigen Rat zu erteilen, im Sinne einer effizienten Nutzung überschüssige Lebensmittel, die für den menschlichen Verzehr geeignet sind, weiterzuverarbeiten oder, so wörtlich, über die "Tafeln und andere Netzwerke" zu verteilen.
Nimmt man das für bare Münze, soll ehrenamtliche Armutshilfe, wie sie über die Tafeln stattfindet, ein Weg sein, um das Ernährungssystem nachhaltiger zu gestalten. Das stempelt die etwa 1,5 Millionen bedürftigen Menschen, die in Deutschland gezwungenermaßen über die Tafeln ihr Leben sichern müssen, in gewisser Weise zu einer Art landwirtschaftlichem Effizienzfaktor ab.
Nach einer tragfähigen Lösung fürs Klimaproblem sieht das nicht aus.

Der Rat mag ein Geschmäckle haben, ist aber trotzdem sinnvoll.
Es ist immer noch besser, für den Verzehr geeignete Lebensmittel an Bedürftige zu verteilen, als diese in den Müll, Kompost oder die Biogasanlage zu werfen.
China produziert nun selbst Schweinefleisch, so dass dieser Markt für deutsche Schweinebauern weggebrochen ist.
https://www.gtai.de/de/trade/china/branchen/china-hat-hunger-auf-fleisch--1747254