Der eigene Garten ist für viele Menschen nicht mehr nur ein Ort für kurz geschnittenen Rasen, akkurat gestutzte Hecken und makellose Rosenbeete. Offenbar wächst das Bewusstsein dafür, dass die privaten Grünflächen auch Rückzugsräume für Vögel, Insekten und andere Tiere sein können.

Eine neue Auswertung der staatlichen Förderbank KfW zeigt: Die große Mehrheit der Gartenbesitzerinnen und Gartenbesitzer bemüht sich nach eigenen Angaben, die Artenvielfalt zu schützen.

 

Rund 93 Prozent der Privathaushalte mit Garten verzichten demnach vollständig oder weitgehend auf Pestizide und synthetische Düngemittel. 82 Prozent stellen Nisthilfen, Futterstellen oder Insektenhotels auf. 79 Prozent pflanzen bewusst Gewächse, die Vögeln und Insekten Nahrung bieten. 81 Prozent achten darauf, keine invasiven Arten anzusiedeln, die heimische Pflanzen verdrängen können.

Die Zahlen stammen aus dem KfW-Energiewende-Barometer, einer repräsentativen Befragung privater Haushalte durch die Förderbank. Die Ergebnisse wurden unlängst zum "Tag des Gartens" veröffentlicht. Danach verfügen rund 60 Prozent der Haushalte in Deutschland über einen eigenen Garten.

Deutlicher Bewusstseinswandel

Insgesamt gibt es laut KfW etwa 17,2 Millionen private Gärten. Sie bedecken zusammen rund 7.000 Quadratkilometer, knapp zwei Prozent der Fläche Deutschlands. Das entspricht fast dem Achtfachen des Berliner Stadtgebiets.

Auf dem Land sind Gärten natürlich deutlich häufiger als in den Städten vorhanden. In Kommunen bis 5.000 Einwohnerinnen und Einwohner besitzen 77 Prozent der Haushalte einen Garten, in Großstädten mit über 500.000 Bewohnern immerhin noch 41 Prozent.

Ein Mähroboter fährt über einen Rasen.
Kurz soll der Rasen sein. Aber nicht bei allen. (Bild: Markus Distelrath/Pixabay)

Damit sind die privaten Gärten ein wichtiger Faktor für die biologische Vielfalt. Hier gibt es Blühflächen, alte Bäume, Totholz, Teiche und unversiegelte Böden. Gerade in dicht bebauten Regionen bilden Gärten kleine Rückzugsräume und Verbindungskorridore für Tiere und Pflanzen.

Entscheidend ist allerdings, wie sie bewirtschaftet werden. Ein Garten mit heimischen Blumen, Sträuchern und unterschiedlichen Strukturen bringt ökologisch viel mehr als eine Rasenfläche, die häufig gemäht und gedüngt wird.

Die KfW sieht in den aktuellen Ergebnissen einen deutlichen Bewusstseinswandel. Zum Vergleich zieht sie eine EU-weite Erhebung aus dem Jahr 2015 heran, in der auch die Haushalte in Deutschland befragt wurden, die einen Garten oder einen Balkon beziehungsweise eine Terrasse besaßen. Damals gaben 78 Prozent an, auf Pestizide zu verzichten, inzwischen sind es laut KfW 89 Prozent.

Der Anteil der Haushalte, die Nisthilfen oder Futterstellen bereitstellen, stieg von 51 auf 66 Prozent. Bei der Auswahl vogelfreundlicher Pflanzen erhöhte sich der Wert von 41 auf 74 Prozent. Die Abweichungen zu den aktuellen KfW-Zahlen erklären sich unter anderem daraus, dass die Befragungen unterschiedliche Gruppen und Fragestellungen erfassen.

"Biodiversität ist ein harter ökonomischer Faktor" 

Allerdings beruhen alle Angaben auf Selbstauskünften. Ob tatsächlich vollständig auf chemisch-synthetische Mittel verzichtet wird und was die Befragten jeweils unter Pestiziden verstehen, lässt sich daraus nicht ablesen. Auch biologische oder als "natürlich" beworbene Pflanzenschutzmittel können für bestimmte Organismen problematisch sein.

Trotzdem sprechen die Ergebnisse dafür, dass der Einsatz von Spritzmitteln im Privatgarten inzwischen deutlich kritischer gesehen wird als noch vor einigen Jahren.

Seit 2021 ist der Einsatz bestimmter Herbizide und Insektizide auf Flächen, die von der Allgemeinheit genutzt werden, stark eingeschränkt. Dazu zählen Parks, öffentliche Gärten, Schul- und Sportplätze sowie Spielplätze. Im Haus- und Kleingarten dürfen Pflanzenschutzmittel nur angewendet werden, wenn sie ausdrücklich für diesen Bereich zugelassen sind.

Fachleute empfehlen, Schädlinge möglichst durch robuste Pflanzen, Mischkulturen, mechanische Verfahren und die Förderung natürlicher Gegenspieler einzudämmen.

"Es stimmt positiv, dass so viele Bürgerinnen und Bürger sich um artenreiche Gärten bemühen", sagte KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher. Das könne ein wichtiges Puzzlestück für den Erhalt der biologischen Vielfalt sein. Biodiversität sei zudem ein "harter ökonomischer Faktor", weil intakte Ökosysteme dauerhaft Nahrung, Trinkwasser, Medizin und fruchtbare Böden bereitstellten sowie Schutz vor Hitze und Überschwemmungen böten.

Einsatz in der Landwirtschaft stagniert auf hohem Niveau

Ein grundsätzlich anderes Bild zeigt allerdings der gewerbliche Pflanzenschutz, vor allem in der Landwirtschaft. Dort liegt die Menge der verkauften Wirkstoffe seit langer Zeit auf hohem Niveau.

Nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) wurden 2024 in Deutschland rund 87.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel verkauft. Darin enthalten waren fast 29.000 Tonnen Pestizid-Wirkstoffe.

Herbizid
Glyphosat und Co bleiben die Mittel der Wahl auf den meisten Feldern. (Bild: Frank Vincentz/Wikimedia Commons)

Die verkaufte Wirkstoffmenge schwankt von Jahr zu Jahr, etwa wegen des Wetters, der Anbauflächen und des Auftretens bestimmter Schädlinge. Ein Rückgang ist laut UBA-Statistik jedoch nicht zu erkennen.

Besonders auffällig war 2024 die Entwicklung bei Glyphosat: Der Absatz des umstrittenen Totalherbizids nahm gegenüber dem Vorjahr um rund 75 Prozent zu. Das Mittel steht seit Jahren wegen möglicher Folgen für die Artenvielfalt und wegen seiner großflächigen Anwendung in der Kritik.

Die Absatzmengen sagen freilich nicht exakt aus, wie stark Umwelt und Gesundheit belastet werden. Verschiedene Wirkstoffe unterscheiden sich erheblich in ihrer Giftigkeit, ihrer Abbaubarkeit und den eingesetzten Mengen. Fachleute fordern deshalb, nicht nur die Tonnenzahlen zu betrachten, sondern auch Risiken für Insekten, Gewässer, Böden und die menschliche Gesundheit.

Dennoch zeigen die langfristig hohen Verkaufszahlen, dass das Ziel einer deutlichen Verringerung des Pestizideinsatzes bisher nicht erreicht wurde. Die Bundesregierung hat sich eigentlich vorgenommen, die mit Pflanzenschutzmitteln verbundenen Risiken bis 2030 deutlich zu senken.

Pestizide sind ein Hauptfaktor beim Vogelsterben

Auf EU-Ebene war zeitweise sogar eine verbindliche Halbierung vorgesehen. Ein entsprechender Verordnungsentwurf wurde jedoch nach heftigen Protesten von Landwirtschaftsverbänden und mehreren Mitgliedsstaaten zurückgezogen. Damit fehlt weiterhin eine einheitliche europäische Regelung, die konkrete Reduktionsziele festschreibt.

Umweltverbände halten eine Verringerung dennoch für unverzichtbar. Pestizide gelten neben dem Verlust von Lebensräumen, der intensiven Landwirtschaft und dem Klimawandel als ein wichtiger Faktor beim Rückgang vieler Insekten- und Vogelarten.

Besonders problematisch ist, dass die Mittel nicht ausschließlich die Organismen treffen, gegen die sie eingesetzt werden. Rückstände können auch in Böden und Gewässer gelangen und dort andere Arten beeinträchtigen.

 

Die KfW-Zahlen zeigen immerhin, dass sich im privaten Bereich etwas bewegt. Wer einen Garten hat, betrachtet so ein Grundstück offenbar immer häufiger als Teil eines größeren Ökosystems.

Der Verzicht auf Pestizide und Kunstdünger allein macht aus einem Garten noch kein Naturparadies. Zusammen mit heimischen Pflanzen, weniger Versiegelung, seltenerem Mähen und vielfältigen Lebensräumen kann er jedoch einen wichtigen Beitrag leisten.

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