Klimareporter°: Herr Drösler, in den letzten Jahren fragten wir bei den wichtigsten Moor-Bundesländern in Deutschland regelmäßig nach, wie viele Hektar trockengelegter Moore wiedervernässt wurden. Das wusste nur Schleswig-Holstein stets recht genau. Wie sieht es in Bayern aus, wo Sie wissenschaftlich tätig sind?
Matthias Drösler: In Bayern haben wir das Klimaprogramm "KLIP 2020/2050". Das fördert die klimaschutzorientierte Moor-Renaturierung. Auf diese Weise ist sehr gut nachvollziehbar, welche Flächen wiederhergestellt worden sind.
Beim Moorschutz stehen wir vor einem Durchbruch, wenn demnächst vom Bundesumweltministerium die Förderrichtlinie für die Paludi-Bewirtschaftung wiedervernässter Moore veröffentlicht wird.
Da geht es weniger um Renaturierung und mehr um Wiedervernässung. Das heißt, der Wasserstand wird auf ein bestimmtes Niveau angehoben.
Weil die Angaben aus den Ländern zu den Mooren nicht konsistent sind, gibt es auf Bundesebene keine Jahresbilanz wiedervernässter Moore. Das bestätigte uns das zuständige Thünen-Institut kürzlich.
In Politik und vielen Medien gelten Moore als die Klimaretter, tatsächlich aber sind sie, wie schon die fehlende Statistik zeigt, eher das Stiefkind des natürlichen Klimaschutzes.
Inzwischen können wir sehr gut bestimmen, wie groß der Mehrwert der Moore ist, wenn wir sie wiedervernässen und umnutzen.
Das soll nicht heißen, dass wir in der Fläche schon viel erreicht haben – dennoch sind inzwischen Wege geöffnet. Es gibt Förderprogramme, klare politische Bekenntnisse und Ziele. All das halte ich für hilfreich. Daran kann Politik gemessen werden.
Wir brauchen natürlich auch verlässliche Daten. Nur dann können wir einschätzen, ob der Weg beim Moorschutz, den wir eingeschlagen haben, der richtige ist.
Das Problemfeld hat mehrere Komponenten. Zunächst müssen Moorschützer schon eine unerschütterliche Motivation mitbringen und auch ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz.
Matthias Drösler
hat die Professur für Vegetationsökologie an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf inne und leitet dort das Peatland Science Centre (PSC) und das Institut für Ökologie und Landschaft (IÖL). Der Landschaftsökologe war koordinierender Leitautor für das "Wetlands Supplement" beim Weltklimarat IPCC. Mit Anke Herold vom Öko-Institut ist er Co-Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Natürlichen Klimaschutz (WBNK). Das Gremium berät das Bundesumweltministerium und begleitet die Umsetzung des "Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz".
Der Nutzen der Moore für Klima, Wasserhaushalt und Biodiversität ist kaum überzubewerten. Dennoch geht es nur im Schneckentempo voran.
Beurteilt man den Fortschritt nur daran, wie langsam wir beim Moorschutz in den letzten zehn, 15 oder 20 Jahren vorangekommen sind, kann man leicht sagen: "Das bringt nichts, das lassen wir jetzt sein."
Tatsächlich haben wir in dieser Zeit aber viele Rahmenbedingungen identifiziert und adressiert, an denen man sich orientieren kann: So, in diese Richtung muss es gehen.
Und wenn wir ehrlich sind, ist die Klimaneutralität 2045 ohne biologische CO2-Senken nicht zu schaffen.
Der WBNK, der Wissenschaftliche Beirat für Natürlichen Klimaschutz, setzt sich dafür ein, Moorwiedervernässung gesetzlich als Vorhaben von "überragendem öffentlichen Interesse" anzuerkennen. Was spricht denn dafür?
Gerade bei der Klimaanpassung stellt sich die zentrale Frage: Wie erreichen wir Resilienz gegenüber den unvermeidlichen Veränderungen im Klimasystem? Bei Mooren gibt es besonders auffällige Effekte.
Werden Moore nass gemacht, schaffen wir einen Klimaschutz-Effekt und gleichzeitig werden sie widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel. In Experimenten konnten wir zeigen, dass vernässte Moore auf eine Erwärmung um 1,5 Grad deutlich robuster reagieren.
Anpassung bedeutet auch zu überlegen, welche zusätzlichen Funktionen Systeme übernehmen können. So verbessern Moore den Wasserhaushalt einer Region, davon profitiert auch die Biodiversität. Wer Flächen begrünt, schafft Verdunstung und Verschattung.
Das Charmante an natürlichen Senken ist ihre Multifunktionalität. Das ist gar nicht hoch genug zu bewerten. Es ist etwas ganz anderes, als wenn per Technik mit einem hohen Energieaufwand CO2 vergraben wird – eine Maßnahme, die ansonsten keinen weiteren Vorteil bringt.
Und wie ist das Echo aus dem Bundesumweltministerium auf den Vorschlag des WBNK, der Moorvernässung ein "überragendes öffentliches Interesse" zuzuerkennen?
Das Ministerium ist in einem Abwägungsprozess. Der Beirat hat die Gründe für seine Bewertung der Moorvernässung dargelegt. Ein rechtliches Gleichgewicht mit anderen Sektoren kann dafür sorgen, dass der Moorschutz bei Planungen nicht hinten herunterfällt.
Zu einem rechtlichen Gleichgewicht gehörte auch, als letztes Mittel Moorflächen enteignen zu können. In Deutschland wird für Braunkohletagebaue und für den Bau von Straßen oder Erdgasleitungen enteignet – bei der Wiedervernässung aber kann noch immer ein einzelner Flächenbesitzer Projekte praktisch auf ewig blockieren.
Ein Hauptproblem ist, dass die Wiedervernässungsmaßnahmen nicht so leicht begrenzbar sind. Nachbarflächen sind immer mitbetroffen.
Zudem befinden wir uns derzeit in einer Übergangsphase. Die Angebote zur Förderung oder zur Abfederung der Vernässungsfolgen für Nachbarflächen werden gerade erst ausgerollt.
Ein Flächenbesitzer, der sich die Vernässung vorstellen kann, ist immer auch Teil des sozialen Netzes vor Ort. Sobald er ans Wasser geht, kann er Schwierigkeiten mit den Nachbarn bekommen.
In Deutschland gibt es eine lange Tradition der Entwässerung und keine des Wassermanagements. Wir müssen aufhören, gegen das Wasser zu arbeiten, sondern müssen mit dem Wasser wirtschaften.
Vom Wasserrückhalt durch wiedervernässte Moore können Landwirte auf angrenzenden Flächen doch auch profitieren?
Unser Hauptargument gegenüber den Landwirten ist: Ihr erhaltet zwar jetzt eine Förderung aus den europäischen Töpfen, wenn ihr aber euren Moorboden dauerhaft trocken bewirtschaftet, werdet ihr eure Böden und damit eure Bewirtschaftungsgrundlage in 30 bis 40 Jahren verlieren.
Der Moorboden unterliegt unter entwässerten Bedingungen einem Schrumpfungsprozess. Er sackt langsam ins Grundwasser ab. Das gilt zwar nicht für alle Standorte, aber viele sind davon betroffen. Wenn die Landwirte das verstanden haben, hören sie zu. Dann tut sich etwas.
Die kommende Förderrichtlinie für Paludi-Kultur eröffnet noch weitere Möglichkeiten.
Bei der Paludi-Kultur kommt noch die Wertschöpfungskette mit landwirtschaftlichen Produkten oder mit Photovoltaik-Strom hinzu. Das wird sich möglicherweise noch mit der Ausgabe von CO2-Zertifikaten kombinieren lassen, sodass Landwirte mehrere Einnahmequellen haben.
Dann werden die Nutzer sagen: Das ist ökonomisch interessant. Im Moment sind trockene Moore ökonomisch interessanter.
Sie setzen also mehr auf die Überzeugungskraft.
Wir sollten erst prüfen, wie all die Angebote und Instrumente zur Moorvernässung angenommen werden. So lange würde ich ungern zum Ordnungsrecht greifen. Im Moment ist das Prinzip der Freiwilligkeit der bessere Weg.
Sollte sich irgendwann herausstellen, mit der Vernässung geht es doch zu langsam voran, kann über den Einsatz des Ordnungsrechts nachgedacht werden – aber nicht in Form einer Enteignungsdrohung.
Wir sollten dann vielmehr überlegen, ob die Nutzung trockengelegter Moore noch förderfähig sein sollte.
Für den natürlichen Klimaschutz stehen bis 2029 etwa 3,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Der WBNK veranschlagt die Kosten allein für einen Klimaziel-konformen Moorschutz auf rund eine Milliarde Euro jährlich. Das ist doch eine erhebliche Diskrepanz.
Die Milliarde pro Jahr beruht auf Bedarfsschätzungen, wenn die Wiedervernässung richtig Fahrt aufnimmt.
Den Kosten steht aber ein viel höherer volkswirtschaftlicher Nutzen gegenüber. Der natürliche Klimaschutz entfaltet eine Vielzahl positiver Wirkungen, die sich in klassischen Kostenrechnungen oft gar nicht vollständig abbilden lassen.
Moore zu schützen bedeutet nicht nur, große Mengen CO2 zu binden. Es stärkt zugleich die Biodiversität, hält Wasser in der Region und ist zentral für die Klimaanpassung.
Diese Leistungen lassen sich kaum monetarisieren, sind für unsere Gesellschaft aber von enormem Wert. Deshalb sollten wir die notwendigen Investitionen in den Moorschutz nicht scheuen.
Ein wesentliches Maß für den Nutzen sind auch die CO2-Vermeidungskosten. Diese liegen bei Moor-Ökosystemen bei 30 bis 70 Euro pro Tonne CO2. Bei Biogasanlagen sind wir schon bei 180 Euro.
Natürlicher Klimaschutz ist die preiswerteste Art, das Klima zu schützen.
