Allgemein erscheint es als völlig normal, dass Rinder durch Beweidung Grünland offenhalten können. Tatsächlich aber liegt das an einem Alleinstellungsmerkmal der Gräser: Diese wachsen nach dem Biss weiter.

Und mehr noch: Obwohl die Nutzung ihnen Biomasse entzieht, profitieren Gräser sogar davon. Denn jeweils wird ein Wachstumsimpuls ausgelöst, der ihre Photosyntheseleistung sogar verstärkt.

 

Nur langsam verbreitet sich die Erkenntnis, wie entscheidend die Ko-Evolution von mineralischen Grasland-Ökosystemen und Weidetieren für die Entwicklung der weltweit fruchtbarsten Böden ist. Über Millionen von Jahren erfolgte die Nutzung der Gräser allein durch den Biss.

Ob es die Prärien in Nordamerika, die Pampas in Südamerika oder die Schwarzerden in Eurasien sind – in der Bodenkunde dominiert die Vorstellung, allein klimatische Gegebenheiten hätten die Entwicklung der fruchtbarsten Ackerböden, der Tschernoseme, ermöglicht oder begrenzt.

In Wahrheit boten die hohen und einst unbelebten Anteile von mineralischem Löss zwar eine günstige Voraussetzung für Bodenfruchtbarkeit, belebt aber wurden diese Böden – wie alle anderen auch – durch den Bewuchs und somit von oben, gesteuert durch das Fressverhalten der Weidetiere.

Unsichtbarer Unterschied zwischen Gräsern und Bäumen

Die Koevolution der Gräser und der Graser entwickelte sich nach und nach, seitdem die Gräser vor etwa 20 Millionen Jahren begannen, rasenartig zu wachsen. Die Grasland-Ökosysteme haben sich dabei so sehr an die Beweidung angepasst, dass sie verbuschen oder, wenn mehr Wasser verfügbar ist, verwalden – sofern den Gräsern ihre Ko-Evolutionspartner, die Weidetiere, nicht zur Verfügung stehen.

Dieser üblicherweise als natürliche Sukzession bezeichnete Prozess ist meistens menschengemacht. Früher wurden die Weidetiere vertrieben oder ausgerottet, heute werden sie eingezäunt.

Bild: Katrin Denkewitz

Anita Idel

ist Tierärztin und Mediatorin zwischen Land­wirt­schaft, Natur- und Tierschutz. Sie forscht und lehrt zur Ko­evolution von Gras­land und Weide­tieren, ist Mit­begründerin der Arbeits­gemein­schaft Kritische Tiermedizin und des Gen-ethischen Netzwerks, war Lead-Autorin des Welt­agrar­berichts und engagiert sich unter anderem in der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler und bei Slow Food. Für ihr Buch "Die Kuh ist kein Klima-Killer" erhielt sie mehrere Preise.

Grasland-Ökosysteme und Wälder bilden jeweils die größten Biome auf der globalen Landfläche. Beides sind dauerhafte, in sich stabile Vegetationsgesellschaften, aber Gräser und Bäume unterscheiden sich in mehrfacher Hinsicht grundsätzlich.

So überwiegt bei Bäumen die oberirdische Biomasse gegenüber der Biomasse der Wurzeln, bei Gräsern ist es natürlicherweise umgekehrt. Dazu kommt die unterschiedliche Qualität der Wurzeln: Anders als bei den Bäumen besteht die Wurzelbiomasse bei Gräsern überwiegend aus Feinwurzeln.

Diese sind wichtig für die Humusbildung, die ihrerseits wesentlich auf der Zersetzung organischer Substanz durch Bodenorganismen basiert. Der Hauptteil der Substanz stammt dabei von verrotteten Feinwurzeln sowie den energiereichen Nährstoffen, den sogenannten Exsudaten, die die Feinwurzeln zuvor an die umgebende Rhizosphäre abgegeben haben.

Als Feinwurzler tragen Gräser besonders gut zur Vermehrung der Mikroorganismen im Boden bei. Deren Enzyme machen dort gebundene Nährstoffe für die Gräser verfügbar, und die Biomasse der Mikroorganismen dient der Bildung der Bodenporen.

Weidetiere machen Grasland klimaschutzwirksam

Zwar bedecken Grasland- und Wald-Ökosysteme eine jeweils ähnlich große Landfläche der Erde, aber der gebundene organische Kohlenstoff – oberirdisch im Spross sowie unterirdisch in den Wurzeln und im Humus – ist bei den Gräsern größer wegen ihres besonderen Bodenbildungspotenzials.

Aber wir nehmen das nicht wahr. Denn Bäume speichern überwiegend in ihrer eigenen Biomasse, und die vor allem oberirdisch – und somit sichtbar. Hingegen haben Gräser und besonders Dauergräser – infolge der Koevolution mit Weidetieren – die Eigenschaft, Kohlenstoff hauptsächlich in den Boden abzugeben.

Porträtaufnahme von Hubert Weiger.
Bild: Julia Puder

Hubert Weiger

war Vorsitzender des Umwelt­verbandes BUND bis 2019. Er ist Vorstands­mitglied der Vereinigung Deutscher Wissen­schaftler und der Stiftung Euronatur. Weiger studierte Forst­wirtschaft in München und Zürich und promovierte über die Aus­wirkungen von Stickstoff­einträgen in Wald­ökosysteme. Bis 2024 war er Honorar­professor an der Uni Kassel. Er war Mitglied in der Kohle­kommission und im Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. 

Humus besteht zu mehr als 50 Prozent aus dem Kohlenstoff des CO2, den die Pflanzen bei der Photosynthese aufnehmen.

Der hier zugrundeliegende biologische Mechanismus besteht darin, welchen Weg die Energie aus der Photosynthese nimmt und wie sie verteilt wird: Dauergräser sind dadurch charakterisiert, an ihrem jeweiligen Ort zu verbleiben und dort durch die Nutzung – Beweidung oder Mahd – verstärkt Halm- und Wurzelbiomasse sowie Exsudate zu bilden, sodass sie in der Folge zur Bodenbildung beitragen können.

Werden die Gräser aber nicht genutzt, verlagern auch sie Energie von der Basis nach oben, um Blüten zu bilden. Diese Energie steht dann nicht mehr für die Bodenbildung zur Verfügung. Die entstehenden Samen stellen dann den Versuch der Pflanze dar, sich an einem anderen Ort erneut dauerhaft zu etablieren.

Die Beweidung von Baumschösslingen, der Verbiss, führt hingegen zu einem Wachstumsstopp, obwohl das Weidetier quasi dasselbe macht wie bei den Gräsern. Viele Pflanzen betreiben einen hohen Energieaufwand, um sich gegen Verbiss zu wehren, etwa mit Dornen und Stacheln und besonders mit Bitterstoffen.

Kuhfladen, Insekten und Biodiversität

Die völlig unterschiedlichen Wachstumsdynamiken von Gräsern und Bäumen führen dazu, dass die Graslandböden weltweit in Summe 50 Prozent mehr Kohlenstoff speichern als die Waldböden.

Dieses Potenzial wird aber zunehmend beschränkt, wenn Grünland nicht beweidet, sondern gemäht wird. Dies löst zwar auch den Wachstumsimpuls aus, aber gedüngt wird dann mit Gülle aus immer schwereren Fässern auf Fahrzeugen, die den Boden verdichten und die Feinwurzeln daran hindern, in die Tiefe zu wachsen. Inzwischen sind in den intensiv genutzten Agrarregionen die Grünlandböden stärker verdichtet als die Ackerböden.

Mit dem Umbruch von Grünland zu Ackerland wird nicht nur ein großes Potenzial zur CO2-Bindung verschenkt. Weil auch immer weniger Kühe auf die Weide kommen, fehlen auch die Kuhfladen in der Nahrungskette.

Eine einzelne Kuh bildet pro Monat etwa eine Tonne Dung. Das ist die Nahrungsgrundlage für etwa zehn Kilogramm Insektenbiomasse und diese wiederum für Vögel, Fledermäuse und weiteres Kleingetier. Voraussetzung dafür ist die Weidehaltung.

 

Über Jahrhunderte wurde das Bodenbildungspotenzial der Gräser mit der Dreifelderwirtschaft genutzt. Die Brache bedeutete hier nicht Nichtstun, sondern temporäre Beweidung, um erodierte Ackerböden wieder fruchtbarer zu machen.

Schon vor dem beginnenden Chemiezeitalter erkannte der wichtigste deutschsprachige Grünlandexperte Ernst Klapp Anfang der 1950er Jahre, dass dieses Wissen um die Weide verloren gehen würde, wenn chemisch-synthetische Stickstoffdünger erst flächendeckend und billig verfügbar sein würden. 70 Jahre später sind die durch die Chemisierung verursachten Schäden unübersehbar.

Heute können wir auch aus Klimaschutzgründen auf eine Beweidung nicht verzichten, besonders in den Regionen, die zu feucht und zu kühl für Ackerbau sind.

Umweltkrise und Demokratie

Hartmut Graßl ist einer der bedeutendsten Klimaforscher unserer Zeit. Zu seinem 85. Geburtstag veranstaltet die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) am 25. September 2025 in Hamburg das interdisziplinäre und intergenerationelle Symposium "Von den Alpen bis zum Watt". Es geht um Themen, die Hartmut Graßl besonders bewegen: Ursachen und Folgen der Klimakrise, Verlust von Biodiversität – und wie eine gerechte sozial-ökologische Transformation gelingen kann. Klimareporter°, zu dessen Herausgeberrat Graßl gehört, ist Medienpartner und begleitet das Symposium mit einer Beitragsserie.