Unsere natürlichen Lebensgrundlagen befinden sich in einem kritischen Zustand. Dazu trug in den vergangenen Jahrzehnten auch die Landwirtschaft mit ihrer intensiven Bewirtschaftung bei – und sie tut es noch immer. Das führt zur Degradation von Böden, reduziert Biodiversität sowie Qualität und Verfügbarkeit von Wasser. Zugleich trägt die industrielle Landwirtschaft durch hohe Treibhausgasemissionen erheblich zum Klimawandel bei.
Diese Entwicklungen gefährden nicht nur unsere ökologischen Grundlagen, sondern auch die wirtschaftliche Stabilität von Lieferketten und Geschäftsmodellen. Extremwetter wie Dürren und Überschwemmungen rufen Ernteausfälle hervor. Diese setzen die Landwirtschaft selbst wie auch globale Märkte und Finanzsysteme unter Druck.
Die Landwirtschaft steht also vor enormen Herausforderungen. Sie ist aber nicht nur Teil des Problems, sie kann auch Teil der Lösung sein. Wenn sie ihre Bewirtschaftungspraktiken umstellt, kann die Landwirtschaft ein wichtiger Akteur für den Schutz und Erhalt der Lebensgrundlagen werden.
Eine Transformation hin zu einer ökologisch-regenerativen Landwirtschaft eröffnet dabei nicht allein die Chance, natürliche Ressourcen zu bewahren, sondern auch, diese aktiv wiederherzustellen. Dieser Ansatz stärkt die Gesundheit der Böden, fördert Kohlenstoffspeicherung, Humusaufbau und Biodiversität und schützt wertvolle Wasserressourcen.
Die Vorteile einer solchen Transformation reichen noch weiter: Gestärkt werden kann auch die Resilienz landwirtschaftlicher Betriebe gegenüber den Folgen des Klimawandels. Auch lässt sich die Abhängigkeit gegenüber chemischen Düngern und Pestiziden reduzieren. Langfristig stabile Lieferketten entstehen. All das eröffnet neue wirtschaftliche Chancen und verringert klimabedingte Risiken für die Unternehmen und den Finanzsektor.
Ökologisch nachhaltig und wirtschaftlich tragfähig
Doch die Umstellung ist kein einfacher Prozess. Die erste und größte Hürde liegt darin, dass derzeit die Wirtschaftlichkeit ökologischer Ansätze für viele Agrarbetriebe nicht gegeben ist. Um die Transformation zu ermöglichen, sind Investitionen, Planungssicherheit, Wissenstransfer und die Zusammenarbeit aller Akteure notwendig – von der Landwirtschaft über die Wissenschaft bis hin zu Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.
Eine umgehende Transformation des Agrar- und Ernährungssystems ist unerlässlich, da ohne sie Wohlstand, Ernährungssicherheit und letztlich die natürlichen Lebensgrundlagen gefährdet sind.
Claudia Bühler
ist Vorständin der Umweltstiftung Michael Otto. Sie war mehr als 20 Jahre in Führungspositionen in der Otto Group tätig und ist Expertin für Agrarmanagement und nachhaltige Wirtschaftsweisen. Bühler setzt sich für den Brückenbau zwischen Umweltschutz, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik ein, um zukunftsorientierte Win-win-Lösungen für den Schutz der Lebensgrundlagen zu entwickeln.
Viele Lösungen für einen systemischen Wandel sind heute bereits bekannt. In diesem Zusammenhang hat es sich die Umweltstiftung Michael Otto zur Aufgabe gemacht, Brücken zwischen Umwelt- und Naturschutz, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu bauen sowie innovative Ansätze zu erproben, um die Balance zwischen menschlichen Bedürfnissen und ökologischen Grundlagen wiederherzustellen.
So zeigt das "FRANZ-Projekt", wie Biodiversität in der konventionellen Landwirtschaft erhalten und gefördert werden kann. Seit fast zehn Jahren kooperiert die Stiftung dazu mit dem Deutschen Bauernverband, wissenschaftlich begleitet vom Thünen-Institut, vom Michael-Otto-Institut im Naturschutzbund sowie der Uni Göttingen. Ziel ist es, praxisnahe Lösungen zu entwickeln, die sowohl ökologisch als auch ökonomisch tragfähig sind.
Ein weiteres Beispiel ist die "Tomoorow-Initiative", die sich der Wiedervernässung von trockengelegten Mooren widmet, die dann als landwirtschaftliche Flächen genutzt werden. Das Projekt strebt entwicklungsfähige Wertschöpfungsketten mit Rohstoffen aus wiedervernässten Mooren an und schafft so eine wirtschaftliche Perspektive für Landwirt:innen.
Zugleich erhält die Wirtschaft regionale und nachwachsende Rohstoffe. Das trägt zum Klima- und Biodiversitätsschutz bei, indem weniger Treibhausgasen aus entwässerten Mooren freigesetzt werden und moortypische Lebensräume für Flora und Fauna wiederherstellt.
Wie die Landwirtschaft von morgen in diesem Kontext zu gestalten ist, wollen wir insbesondere auch beim Symposium zu Ehren von Hartmut Graßl beim Workshop "Ein Feld. Eine Zukunft!" diskutieren.
Umweltkrise und Demokratie
Hartmut Graßl ist einer der bedeutendsten Klimaforscher unserer Zeit. Zu seinem 85. Geburtstag veranstaltet die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) am 25. September 2025 in Hamburg das interdisziplinäre und intergenerationelle Symposium "Von den Alpen bis zum Watt". Es geht um Themen, die Hartmut Graßl besonders bewegen: Ursachen und Folgen der Klimakrise, Verlust von Biodiversität – und wie eine gerechte sozial-ökologische Transformation gelingen kann. Klimareporter°, zu dessen Herausgeberrat Graßl gehört, ist Medienpartner und begleitet das Symposium mit einer Beitragsserie.
