Vor zwei Jahrzehnten, im Jahr 2006, startete das Bundesforschungsministerium ein Projekt namens "Klimaschutz-Moornutzungsstrategien". Zum ersten Mal wurde damit in Deutschland die Rolle der Moore im Klimawandel systematisch untersucht, lässt sich aus der Projektbeschreibung schließen.

Das Moor-Forschungsprogramm lief bis 2010, der Abschlussbericht erschien Anfang 2013. Er kam schon damals zu einem eindeutigen Schluss: "Klimaschutz durch Moorschutz ist volkswirtschaftlich sinnvoll, da die Treibhausgasminderungskosten vergleichbar sind mit den Schadenskosten des Klimawandels und weitere Nutzen, zum Beispiel für Biodiversität, Wasserschutz und Tourismus, entstehen." 

Bis zu dem Programm hatten Moore offensichtlich wenig interessiert. Nicht einmal die genaue Größe der Moorflächen, ob nass oder trocken, war zu der Zeit bekannt. So führt der Abschlussbericht dafür die Angabe aus der Bodenübersichtskarte für Deutschland auf. Die wies rund 1,8 Millionen Hektar Moorfläche aus, was der Hälfte der Fläche Baden-Württembergs entspricht.

Auf nur etwa 1,35 Millionen Hektar kam dagegen die im Bericht ebenfalls zitierte geologische Übersichtskarte – ein Viertel weniger! 

Anteil trockener Moore an Deutschlands Emissionen steigt

Klimapolitisch waren die Angaben damals genauer. Entwässerte Moore emittierten laut dem Bericht jährlich mehr als 45 Millionen Tonnen CO2. Das entsprach zu der Zeit 5,1 Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen.

Heutige Angaben gehen von mehr als 50 Millionen Tonnen CO2 aus, die aus trockengelegten Mooren stammen. Ihr Emissions-Anteil stieg auf sieben Prozent, weil Deutschland seit den 2010er Jahren seinen CO2-Ausstoß verringerte.

 

Insofern spielen Moore klimapolitisch künftig eine immer größere Rolle. Ihre Wiedervernässung stoppt dabei nicht nur die Emissionen, intakte Moore können längerfristig wieder zu CO2-Senken werden.

Davon ist Deutschland damals wie heute weit entfernt. Intakte nasse Moore sind aktuell nur auf 100.000 Hektar zu finden, 90 Prozent einstiger Moore sind noch immer trockengelegt.

Erst wenn man auf diese Daten schaut, lässt sich ermessen, welchen Anspruch das am Freitag von Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) vorgestellte Programm zur Wiedervernässung von Mooren hat.

Damit sollen 90.000 Hektar trockengelegter Moore wieder einen normalen Wasserstand bekommen. Die intakte Moorfläche würde sich also nahezu verdoppeln.

Moore sollen wieder Wasserspeicher und Kühlanlagen werden

Entsprechend sprach der Umweltminister bei der Präsentation der Vernässungs-Förderrichtlinie von einer "historischen Trendwende". Das Programm werde den "größten Beitrag" zur Wiederherstellung von Natur leisten, den man in den letzten Jahrzehnten in Deutschland gesehen habe, sagte Schneider.

Für die Vernässung wirbt das Umweltministerium denn auch mit zwei Argumenten, die eher weniger mit Klimaschutz zu tun haben.

Degradierte Moorböden werden meist landwirtschaftlich genutzt. Nach einer Wiedervernässung ist das nicht mehr wie bisher möglich. (Bild: Dušan Kostić/​Shutterstock)

Zum einen hat die agrarische Nutzung ein Ablaufdatum, weil viele Moorböden fortlaufend Kohlenstoff verlieren. "Landwirtschaft auf trockenen Moorböden wird mit der Zeit immer schwieriger und irgendwann unmöglich", warnte Minister Schneider.

Einige Moor-Bundesländer sollen, wie zu hören ist, sogar schon Listen erstellen, welche Moorflächen demnächst wegen fehlenden Kohlenstoffs aus der landwirtschaftlichen Nutzung fallen.

Zum anderen wirbt das Umweltministerium stark mit den Wirkungen der Moore auf den regionalen Wasserhaushalt. Extremregen könne gepuffert und für Dürrephasen gespeichert werden, auch die Grundwasservorräte füllten sich auf, erklärte der Minister.

"Moore und Feuchtgebiete können wieder die Wasserspeicher und Kühlanlagen fürs Klima werden", so Schneider weiter. Mit sogenannter nasser Landwirtschaft könne man zudem das Wasser in der Fläche halten, ohne die Nutzung aufgeben zu müssen.

Erstmals können Bodeneigner entschädigt werden

Auch finanziell stellt das Vernässungsprogramm eine Wende dar. Aus dem Transformations- und Klimafonds des Bundes sollen insgesamt 1,75 Milliarden Euro fließen. 1,3 Milliarden davon musste die EU beihilferechtlich genehmigen.

Das Geld ist vorerst bis 2029 im Bundeshaushalt eingeplant. Spätere Ausgaben sollen über sogenannte Verpflichtungsermächtigungen abgesichert werden.

Die Förderung schließt auch Schwachstellen bisheriger Programme. So können Bodeneigentümer künftig auch für den Wertverlust entschädigt werden. Auch landwirtschaftliche Ertragsverluste können ausgeglichen werden. Zuschussquoten bis zu 100 Prozent sind möglich.

Damit verbindet sich die Hoffnung, genügend freiwillige Interessenten für die Vernässung zu finden. Es bleibe bei dem Prinzip der Freiwilligkeit, betonte Schneider ausdrücklich.

Neue Chancen für Bewirtschaftung von Mooren 

Ein Schwerpunkt ist die Förderung der sogenannten Paludikultur: Auf den vernässten Flächen sollen zum Beispiel Faserpflanzen angebaut werden, aus denen sich dann ökologisch vorteilhafte Materialien wie Papier, Bau- und Dämmstoffe herstellen lassen.

Förderwürdig ist auch die Moor-Photovoltaik. Hier wird aber nur die Vernässung unterstützt, nicht der Aufbau der Solartechnik. Möglich ist auch, sich nur Natur, Wasser und Grün fördern zu lassen, also allein die Wiedervernässung.

Ein Raupenfahrzeug fährt über eine feuchte Wiese und erntet Gräser.
Ernte von Feuchtwiesengras: Nasse Moorstandorte zu bewirtschaften ist nicht einfach. (Bild: Tobias Dahms)

Zuständig für Anträge und Beratung ist die Landwirtschaftliche Rentenbank, die bundeseigene Förderbank für den ländlichen Raum. Starten soll das Programm mit mehreren Großprojekten ab 5.000 Hektar Moorbodenfläche in sogenannten Leuchtturmregionen.

Die Abkehr von der entwässerungsbasierten Moornutzung, die über Jahrhunderte gesellschaftlich gewünscht und gefördert wurde, stelle einen mehrfachen Paradigmenwechsel dar, lobt Sabine Wichmann vom Greifswalder Moorzentrum das Milliarden-Programm.

Zwar hätten zahlreiche Forschungsprojekte bereits gezeigt, wie Paludikultur funktionieren kann und wie vielfältig verwendbar die von Mooren gewonnene Biomasse ist, doch bisher habe die Skalierung gefehlt, erklärt die Moorexpertin weiter. Die neue Richtlinie biete erstmals eine gezielte Unterstützung, damit Erfahrungen von Pilotflächen von der Praxis aufgegriffen werden können.

Beirat plädiert für Vernässung von 50.000 Hektar jährlich

Keine echte Trendwende bringt all das allerdings bei der CO2-Minderung. Bezogen auf 2030 rechnet das Ministerium mit einer jährlichen Einsparung von 2,25 Millionen Tonnen CO2. Das ist sehr wenig angesichts der mehr als 50 Millionen Tonnen, die trockene Moore jährlich emittieren.

Das eingangs erwähnte Forschungsprogramm von 2006 wurde übrigens von dem Landschaftsökologen Matthias Drösler betreut. Heute hat Drösler eine Professur für Vegetationsökologie an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf inne und ist Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Natürlichen Klimaschutz (WBNK).

Um die Klimaziele zu erreichen, empfiehlt der Beirat, bis 2045 rund 80 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Moorflächen wiederzuvernässen. Das entspricht etwa einer Million Hektar. Jährlich müssten dafür künftig mehr als 50.000 Hektar umgestellt werden. Kosten: ungefähr eine Milliarde Euro – pro Jahr.

 

Erst 2023 legte das Thünen-Institut übrigens eine Übersicht vor, wie viel Moorfläche Deutschland nun tatsächlich hat. Mittlerweile werden diese Flächen als "Moor- und weitere organische Böden" erfasst. Sie bedecken 1,93 Millionen Hektar und damit etwa 5,4 Prozent der Landesfläche Deutschlands, besagt der einschlägige Projektbrief der Bundesforschungseinrichtung für ländliche Räume. 

61 Prozent der organischen Böden klassifiziert die Thünen-Erhebung dabei als "typische" Moorböden. Den größten Anteil davon wiederum machen Niedermoorböden aus, einen deutlich geringeren Hochmoorböden. 

Ein erheblicher Teil der organischen Böden hat sich dabei laut Thünen bereits in sogenannte Moorfolgeböden verwandelt. Dort ist der Torfkörper so stark zerstört, dass eine Vernässung nur schwer möglich ist und nicht immer ein Moor wiedererstehen kann.

Zerstörte Natur lässt sich auch mit dem größten Aufwand nicht in jedem Fall "reparieren". Wer zu spät kommt, dem hilft auch das beste Förderprogramm nichts.

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