Der Krieg um Iran droht nach Einschätzung der Vereinten Nationen das weltweite Hungerrisiko deutlich zu erhöhen. Das Welternährungsprogramm WFP warnte jetzt in einer Erklärung, bei einer längeren Eskalation der Blockade der Straße von Hormus könnten durch Knappheit und Verteuerung von Düngemitteln bis zu 45 Millionen Menschen zusätzlich in akute Ernährungsunsicherheit geraten.
Die Zahl könnte sogar auf 363 Millionen anwachsen und damit die Hungerwerte nach Russlands Invasion in der Ukraine 2022 übersteigen. "Geht dieser Konflikt weiter, wird er weltweit Schockwellen auslösen, und Familien, die sich ihre nächste Mahlzeit bereits nicht leisten können, werden am stärksten getroffen", sagte WFP-Vizegeschäftsführer Carl Skau.
Treiber der Düngerkrise ist eine Kettenreaktion auf den Energiemärkten. Die faktische Blockade der Straße von Hormus hat Öl- und Gaspreise stark steigen lassen. Das wirkt auf die Landwirtschaft, da Stickstoffdünger aus Erdgas hergestellt wird, zudem hängen auch Transport und Verarbeitung von Lebensmitteln von fossiler Energie ab.
Hinzu kommt: Durch die Hormus-Blockade ist der Export eines wichtigen Teils der globalen Düngemittelproduktion aus den Staaten der Golfregion praktisch gestoppt. Etwa ein Viertel der globalen Düngemittel-Exporte wird normalerweise durch die Meerenge verschifft.
Die aktuellen Spannungen haben die Produktion und den Export erheblich gestört. Bereits zwei Tage nach Beginn der Angriffe stiegen die Preise für Dünger in Nordafrika laut dem Forschungsdienst Raboresearch um fast 20 Prozent, in den USA laut dem Sender CNBC um rund 30 Prozent.
Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass die globalen Düngemittelpreise im ersten Halbjahr 2026 im Schnitt um 15 bis 20 Prozent höher liegen könnten, falls die Krise anhält.
Risiken sind deutlich größer als 2022
Am stärksten unter den Folgen leiden Länder in Subsahara-Afrika und Asien, die stark auf Lebensmittel- und Treibstoff-Importe angewiesen sind. Die Zahl der Menschen mit Ernährungsunsicherheit in diesen Regionen könnte um etwa ein Fünftel ansteigen, wird geschätzt. In Afrika hatten bereits die Preisexplosionen nach dem Ukraine-Krieg viele Landwirte gezwungen, weniger zu düngen – mit spürbaren Ernteverlusten.
Die jetzige Krise könnte weltweit noch gravierender werden, weil eine fast viermal so große Menge an Düngemitteln betroffen ist, hat die Forschungsgruppe Zero Carbon Analytics ermittelt. Wenn Bauern Dünger einsparen müssen, sinken die Erträge – und die Abhängigkeit der betroffenen Länder von teuren Import-Lebensmitteln oder Hilfslieferungen steigt.
Auch in Asien zeichnen sich Risiken ab. In Indien sind laut dem Expertennetzwerk GSCC bereits erste Düngemittelfabriken wegen ausbleibender LNG-Lieferungen heruntergefahren worden. Das könnte die wichtige Sommer-Anbausaison treffen – mit Folgen für Reis-, Mais- und Baumwollpreise schon im Spätsommer.
In Europa ist die Lage noch relativ entspannt. Viele Betriebe haben ihren Dünger für die laufende Saison bereits eingekauft oder sogar schon ausgebracht, sodass es wenig kurzfristige Engpässe geben dürfte. Allerdings wird auch berichtet, dass Betriebe mit Dünger-Neubestellungen zögern.
Die Kosten steigen auch in Europa, und bei anhaltend hohen Preisen drohen finanzielle Belastungen. Mittel- bis langfristig könnten damit auch hier die Erträge sinken – mit Folgen für die Lebensmittelpreise.
Das globale Ernährungssystem erweist sich einmal mehr als abhängig von fossilen Energien und anfällig für geopolitische Krisen. Langfristig sehen Fachleute jedoch auch mögliche Auswege.
2024 und 2025 erschienen zwei Studien, wonach eine stärker ökologische Landwirtschaft, bei denen fossile Düngemittel durch stickstoffbindende Pflanzen und Tierdung ersetzt werden, ähnliche Ernteerträge wie die konventionelle Landwirtschaft erzielen kann.
So zeigte eine Untersuchung mit 74 Landwirtschaftsbetrieben in Europa für 2020 bis 2023, dass Ertragsparität bei einem um 61 Prozent geringeren Einsatz von synthetischem Stickstoffdünger und einem um 75 Prozent geringeren Einsatz von Pestiziden erreicht wurde.
In Afrika wiederum ergab eine Metaanalyse von 39 Studien, dass Felder, auf denen ökologische Praktiken wie Mischkulturen, organische Düngung und Fruchtfolgen angewandt wurden, im Schnitt 39 Prozent höhere Ernteerträge erzielten als Monokultur-Systeme.

Und wer nun daherkommt und wissenschaftlich gestützt sagt, man könne auch anders wirtschaften mit ebenso hohem Ertrag, allerdings vielleicht mehr Arbeitsstunden, wird angegriffen oder gar gecancelt.