Klimareporter°: Herr Schuster, nach dem Cottbuser Ostsee soll die Lausitz einen noch größeren Tagebaufolge-See bekommen. Dazu ist geplant, ab Ende der 2030er Jahre das Restloch des Tagebaus Welzow-Süd im Süden Brandenburgs zu fluten. Wie groß soll dieser See werden?

René Schuster: Von der Fläche her ist mit 19,5 Quadratkilometern die Größe der beiden Braunkohlefolgeseen durchaus vergleichbar – allerdings wird zur Flutung von Welzow-Süd voraussichtlich mit einer Milliarde Kubikmetern viel mehr Wasser benötigt. Das ist ungefähr das Vierfache der Wassermenge, die für den Ostsee benötigt wurde.

 

Der Grund dafür ist: Der Tagebau Welzow-Süd hat einen viel größeren Grundwasserabsenkungstrichter erzeugt, verglichen mit dem Tagebau Cottbus-Nord, aus dem der Ostsee entstanden ist.

Um den Trichter und den See bei Welzow aufzufüllen, rechnet die Leag, die Lausitzer Energie AG, bisher mit einer Flutungsdauer von etwa 30 Jahren. Der lange Zeitraum rührt daher, dass gleichzeitig voraussichtlich noch die beiden anderen, derzeit noch laufenden Braunkohletagebaue Nochten und Reichwalde in Sachsen geflutet werden müssen.

Durch die neuen riesigen künstlichen Wasserflächen wird die Verdunstung weiter ansteigen. Das wird das Wasserproblem in der Lausitz weiter verschärfen.

Dabei hat der Landtag Brandenburg bereits im Jahr 2021 einstimmig beschlossen, dass darauf hinzuwirken ist, dass die neuen Tagebauseen hinsichtlich Lage, Größe und Form möglichst geringe Verdunstungsverluste aufweisen.

Porträtaufnahme von René Schuster.
Bild: Anna-Lena Herzmann

René Schuster

leitet die Bundes­kontakt­stelle Braun­kohle des ostdeutschen Umwelt­netz­werks Grüne Liga und ist lang­jähriger Vertreter der Umwelt­verbände im Braun­kohlen­ausschuss Branden­burg. Er ist in der Lausitz geboren und aufgewachsen und hat Landschafts­nutzung und Natur­schutz studiert.

Im Fall des Tagebaus Welzow-Süd zeichnet sich dabei die paradoxe Situation ab, dass gegenüber den ursprünglichen Plänen die Leag auf die Auskohlung eines Abbaufeldes verzichten will. Dennoch soll der Folgesee weiter so riesig werden.

Tatsächlich hat die Leag erst im Januar dieses Jahres angekündigt, den Tagebau Welzow-Süd gegenüber bisherigen Planungen zu verkleinern. Im Tagebau soll zwar weiterhin bis 2030 Kohle gebaggert werden, aber nicht mehr auf der gesamten bisher vorgesehenen Fläche.

Die Leag begründet den Verzicht mit der Unwirtschaftlichkeit des sogenannten "Restfeldes". Das war seit Jahren offensichtlich. Der Energiekonzern hat hier die Anwohner über Jahre hingehalten und die nötige Änderung des Braunkohlenplans bewusst verzögert.

Auf Kritik an den riesigen geplanten Seeflächen antwortet die Leag immer mit dem Totschlagargument, dass ja die Kohle unwiederbringlich verbrannt und das entsprechende Volumen weg ist. Es sei nicht genug Erde da, um das Loch wieder aufzufüllen.

Dann müssten aber bei einem Verzicht auf Abbaufelder die Seen auch kleiner werden. Genau das ist jedoch nicht vorgesehen.

Das Muster ist nicht neu. Schon als die Leag 2021 die geplante Umsiedlung von Proschim endgültig aufhob, blieben dadurch 204 Millionen Tonnen Kohle im Boden. Die geplante Seenfläche wuchs aber von 15,7 auf 19,5 Quadratkilometer. Erklärt hat das die Leag bis heute nicht.

Mit dem jetzt verkündeten Verzicht auf das "Restfeld" werden nach unserer Kenntnis weitere 83 Millionen Tonnen Kohle nicht gefördert. Es gibt also Potenzial, den Folgesee zu verkleinern. Dem verweigert sich das Unternehmen bisher, wohl weil ein kleinerer See mehr kosten könnte.

Blick von einem Aussichtsturm auf die steppenartige Landschaft des ehemaligen Braunkohletagebaus Cottbus-Nord im Jahr 2018.
Der ehemalige Tagebau Cottbus-Nord im Jahr 2018 vor der Flutung. Diese ist für Tagebaubetreiber die kostengünstigste Art der "Rekultivierung". (Bild: Friederike Meier)

Über die Ausmaße des Tagebausees Welzow-Süd wurde jüngst auf einer Sitzung des Braunkohleausschusses Brandenburg diskutiert. Was kam dabei heraus?

Das war eine absurde Veranstaltung. Der Vortrag der Leag-Vertreter war in keinem Punkt konkreter als ihre Ankündigung vom Januar. Das Unternehmen will sich nicht in die Karten schauen lassen und im Ausschuss nicht einmal die Zahlen nennen, wie viele Hektar und wie viel Kohle es nicht mehr abbaggern will.

Die Brandenburger Planungsbehörde erwartet nun von der Leag sogenannte "verfahrenseinleitende Unterlagen", um die Überarbeitung des Braunkohlenplanes neu beginnen zu können. Die soll jetzt erst 2029 abgeschlossen sein – ein Jahr, bevor der Tagebau Welzow-Süd schließen soll.

Während er in Welzow-Süd den Tagebau wegen Unwirtschaftlichkeit verkleinert, beharrt der Energiekonzern weiter darauf, im sächsischen Tagebau Nochten das Teilfeld Mühlrose abzubaggern, und treibt entsprechende Enteignungen voran. Wie passt das zusammen?

Die Grüne Liga hat in ihrer Stellungnahme zum Teilfeld Mühlrose bereits im August 2025 vorgerechnet, dass schon bei moderaten Änderungen der Leag-Einsatzplanung weder das "Restfeld" von Welzow-Süd noch das Teilfeld Mühlrose abgebaggert werden müssen. Beides ist energiepolitisch nicht notwendig. Es verbleibt sogar ein Spielraum, um den Tagebau Nochten noch weiter zu verkleinern.

Die Mengen an Braunkohle, die das Unternehmen bis 2038 noch verbrennen will, sind nach wie vor unvereinbar mit dem Pariser Klimaabkommen. Das ist auch ein Hauptargument, mit dem eine Familie, deren Wald für den Weiterbetrieb des Tagebaus Nochten enteignet wurde, ihre Verfassungsbeschwerde dagegen begründet hat.

 

Brandenburg hat jetzt eine neue Landesregierung mit einer SPD-CDU-Koalition bekommen. Im Koalitionsvertrag kommt die Braunkohleverstromung nicht mehr vor. Ändert sich hier die bisher äußerst kohlefreundliche Haltung?

Da darf man nichts hineininterpretieren. Der neue Koalitionsvertrag ist grundsätzlich kürzer und unkonkreter als der bisherige der SPD-BSW-Koalition.

Bei der Braunkohleverstromung ist die Brandenburger Landesregierung eher nur Zuschauer. Das marode Kraftwerk Jänschwalde gibt es nicht mehr lange und wie viel Kohle in Schwarze Pumpe bis 2038 noch verbrannt wird, kann die Landesregierung kaum beeinflussen. Der Kohleabbau dafür müsste in sächsischen Tagebauen stattfinden, und über die Auslastung des Kraftwerks entscheiden inzwischen hauptsächlich die Einspeisemengen von Wind- und Solarstrom, teilweise auch noch die Gas- und CO2-Preise.

Bei den Tagebaufolgen und ihren Kosten – zum Beispiel der Größe der Seen – ist das anders. Hier müsste die Landesregierung dem Unternehmen dringend mehr Vorgaben machen. An dieser Frage wird sich zeigen, ob der Draht zwischen der Leag und dem SPD-Ministerpräsidenten Woidke weiter so kurz ist wie bisher.

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