Immer noch gilt: Die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels treffen den globalen Süden. Und das, obwohl er nur für einen sehr geringen Teil der weltweiten Treibhausgase verantwortlich ist.

Am deutlichsten wird das beim Bau und Betrieb von Kohlekraftwerken in Afrika, Asien und Lateinamerika. Diese werden oft von Unternehmen, Regierungen und Banken aus dem reichen Norden ermöglicht.

Diese Kohlekraftwerke, umgedeutet zu Entwicklungsprojekten, schaden der Umwelt, vertreiben Menschen aus ihrer Heimat und erhalten die wirtschaftliche Abhängigkeit des globalen Südens aufrecht.

 

Das Erbe von Kolonialismus und Energiekolonialismus

Die Expansion der Kohle schadet nicht nur der Umwelt, sie schreibt auch die Strukturen einer kolonialen Wirtschaft fort.

Die Weltbank, der Internationale Währungsfonds (IWF) und andere Kreditagenturen stellen immer noch Geld für Kohleprojekte im Rahmen intransparenter öffentlich-privater Partnerschaften zur Verfügung.

Dank ungleicher Kreditvereinbarungen haben Krisenländer wie Südafrika mit seinem kohlelastigen Stromerzeuger Eskom oder Pakistan mit seinem Thar-Kohlefeld kaum die Möglichkeit, ihre Unabhängigkeit zu bewahren und auf erneuerbare Energien umzustellen. Diese Länder bleiben aufgrund ihrer Verschuldung hoffnungslos abhängig von fossilen Brennstoffen.

Die Gewinne aus diesen Projekten gehen vor allem in Länder des globalen Nordens, während die Länder im globalen Süden unter Umweltverschmutzung, Gesundheitsrisiken und Naturzerstörung leiden.

So steht das Kohlekraftwerk Rampal in Bangladesch in der Nähe der Mangrovenwälder Sundarbans international in der Kritik, weil es ein Unesco-Welterbe gefährdet. Trotzdem fließen weiterhin Gelder, oft aus den Industrienationen. Dort wird Rendite über Verantwortung gestellt.

Bild: privat

Dianah Mugalizi

ist eine kenianische Klima­aktivistin, die derzeit unter anderem das Switch Coal Project koordiniert. Sie setzt sich für Klima­gerechtig­keit, eine gerechte Energie­wende und eine Stärkung lokaler Gemein­schaften ein. Letztes Jahr verlor Mugalizi durch die Flut in Kenia ihr Zuhause und ist seitdem auf Spenden angewiesen.

Die menschlichen Kosten der Kohle

Die meisten durch Kohle verursachten vorzeitigen Todesfälle und Krankheiten treten im globalen Süden auf. Tausende südafrikanische Kinder und ältere Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen der Luftverschmutzung in der Bergbau-Provinz Mpumalanga. In keiner anderen Region Afrikas stehen so viele Kohlekraftwerke.

Aufgrund der Luftverschmutzung durch Kohle sterben in Südafrika jährlich rund 2.200 Menschen. Unter Lungenkrankheiten, Quecksilberverschmutzung und der Belastung durch andere Schadstoffe aus der Kohleindustrie leiden viele Anliegergemeinden in Asien und Afrika.

Die Anlagen werden in der Regel ohne Rücksicht auf die Sorgen und Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung gebaut. Im Gegenteil, sie entwurzeln die Einheimischen, zerstören Ackerland und bieten nur selten Arbeitsplätze und Energie für die Region.

Aufstand des Südens

Trotz des Machtungleichgewichts wird der Widerstand im globalen Süden immer stärker. In Kenia wurde das mit chinesischer Unterstützung geplante Lamu-Kohlekraftwerk, ein Projekt im Umfang von zwei Milliarden US-Dollar, von lokalen Umweltschützer:innen und Fischer:innen verhindert.

Einige Regionen wie die Provinz Negros Occidental auf den Philippinen haben Maßnahmen ergriffen, um den Kohleabbau in ihren Gemeinden zu stoppen. Zivilgesellschaftliche Initiativen in Bangladesch protestieren gegen neue Kohleprojekte in der Nähe wichtiger natürlicher Ökosysteme.

Für alle diese Gruppen geht es nicht nur um Umweltverschmutzung, sondern darum, ihre Entwicklung selbst bestimmen zu dürfen.

In einigen Ländern konnten bereits wichtige Fortschritte erzielt werden.

Chile hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2040 alle Kohlekraftwerke abzuschalten. Seit 2023 hat das Land mehr als ein Drittel seiner Kohlekraftwerke stillgelegt und sich auf Solar- und Windenergie konzentriert, insbesondere in der Atacama-Wüste, einem der besten Solarstandorte weltweit.

Protest von Umweltorganisationen und Fischer:innen verhinderte in Kenia ein riesiges Kohlekraftwerk. (Bild: Decoalonize)

Im Rahmen einer Just Energy Transition Partnership (JETP) haben sich Länder wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien darauf geeinigt, ein 8,5-Milliarden-Dollar-Finanzierungspaket zur Verbesserung der erneuerbaren Energien und zur Unterstützung der von der Kohle abhängigen Bevölkerung Südafrikas bereitzustellen.

Vietnam, ein weiterer JETP-Partner, hat seine Pläne für weitere Kohlekraftwerke aufgegeben und setzt nun auf Offshore-Windkraft und Solarenergie, in der Hoffnung, den Ausstieg aus der Kohleverstromung einzuleiten.

Kohle weltweit ohne Zukunft

Fast überall in der Welt verliert die Kohle an Boden. Die neuesten Daten zeigen, dass im Jahr 2024 noch 44 Gigawatt an Kohlekraftwerken in Betrieb genommen wurden, verglichen mit durchschnittlich jährlich 72 Gigawatt in den zwanzig Jahren zuvor.

Während China mit einem Zuwachs von 30,5 Gigawatt die Hauptantriebskraft bleibt, gibt es in anderen Weltregionen eine Trendwende. Großbritannien hat sein letztes Kohlekraftwerk im September 2024 geschlossen, und selbst in den USA gehen die Kapazitäten zurück.

Nachdem die weltweite Kohlenachfrage im vergangenen Jahr einen Rekordwert von 8,77 Milliarden Tonnen erreichte, dürfte sie bis 2027 stagnieren, da die Rückgänge in den alten Industrieländern das Wachstum in den Schwellenländern ausgleichen.

Insgesamt zeigen die Zahlen sowohl das Ausmaß der Herausforderung als auch die Dynamik des Wandels.

Auf dem Weg zu echter Klimagerechtigkeit

Wirkliche Klimagerechtigkeit erfordert die Abkehr von einem Wirtschaftssystem, das den globalen Süden an fossile Brennstoffe bindet. Das beinhaltet:

  • Beendigung aller Kohlefinanzierungen durch Institutionen des globalen Nordens
  • Streichung illegitimer Schulden, die Länder des globalen Südens in die Abhängigkeit von fossilen Infrastrukturen treiben
  • Unterstützung von erneuerbaren Energien in kommunaler Hand und von integrativen, gerechten Übergangsstrategien
  • Umschulung von Arbeiter:innen und Reinvestition in nachhaltige, lokale Wirtschaftssysteme

 

Der Ausstieg aus der Kohle ist nicht nur gut für die Umwelt, er führt auch zu mehr Gerechtigkeit, Unabhängigkeit und Würde. Diese Vision von Gemeinschaften, die sich von der Kohle befreien, wird dank vieler lokaler Aktivist:innen und weltweiter Kampagnen wie Switch Coal Project immer realer.