Fünfeinhalb Jahre nach Erscheinen des Gastbeitrags "Die Klimabewegung hat ein Rassismusproblem" bei Klimareporter° bin ich eher zufällig darauf gestoßen. In dem Artikel berichtet die Ökonomin und Aktivistin Tonny Nowshin aus Bangladesch, wie sie innerhalb der Klimabewegung immer wieder mit Rassismus und Ausgrenzungen konfrontiert ist.
So wichtig dieses Thema ist, es könnte von meiner persönlichen Situation nicht weiter entfernt sein. Denn ich bin weiß, männlich, heterosexuell und "biodeutsch" bis in die siebte Generation. Und doch erlebe ich seit Beginn meiner aktiven Zeit im Klimaschutz etwas ganz Ähnliches: Ausgrenzung aufgrund von Herkunft.
Zugegeben, die Art und Weise ist eine andere, ich werde nicht wie Tonny Nowshin aus Fotos herausgeschnitten und vor allem nicht rassistisch beleidigt. Doch die grundlegende, gruppenbezogene Ablehnung ist auch für mich ein ständiger Begleiter. Woher kommt's?
Wo sich die Ablehnung bei Tonny Nowshin an ihrer Hautfarbe entzündet, ist es bei mir die Gesellschaftsschicht, aus der ich stamme: eine weit verbreitete, in der Klimabewegung jedoch nur homöopathisch vertretene Mischung aus Arbeiterschicht und kleinstädtischer Biergartenschnauze.
Diese Sprechweise, die man dem Spektrum von Diesel-Dieter bis zum fossilen Faschismus zuschiebt, ist direkt, ungeschönt und auch mal wertend, sie scheut weder den sprachlichen Ellenbogen noch die Durchsetzungsfähigkeit kommunikativer Härte – von schwarzem Humor und dreckigen Witzen ganz zu schweigen.
Wo bleibt die kommunikative Resilienz?
Ja, es ist wahr, dass auch unsere Gegner eine solche Sprache sprechen, denn auch unter ihnen gibt es viele "einfache" Leute. Und genau daher weht der Wind, wenn in unserer Bewegung eine grobe, weniger rücksichtsvolle Sprechweise zur Wertung führt: Dieser Mensch ist schlecht!
Doch ist ein Mensch wirklich per se schlecht, nur weil er sagt, was er denkt (oder fühlt), dabei nicht besonders zimperlich ist und seinem erwachsenen(!) Gegenüber in der kommunikativen Interaktion eine gewisse Resilienz abverlangt? Ist eine grobe Sprechweise ein Alleinstellungsmerkmal von Nazis, Diesel-Dieters und sonstigen Idioten?
Dominic Memmel
hat den S4F-Leipzig-Podcast von Scientists for Future gegründet, wechselte 2025 zum S4F‑Bundespodcast und ist auch demokratisch engagiert. Beruflich ist er in Kommunikation und Eventmanagement tätig.
Natürlich nicht! Was nicht verstanden wird – leider auch nicht verstanden werden will: Das ist die Sprache der Kneipe nach Mitternacht, der Industriehallen und Fankurven, während die Klimabewegung die Sprache der Universitäten spricht. Was also ein weites gesellschaftliches Spektrum abbilden könnte, findet nicht statt: der Schulterschluss zwischen diesen beiden Welten.
Und das trifft mich persönlich aufgrund meiner sozialen Herkunft, doch vor allem ficht es mich an, weil es die Bruchstelle ist, an der die Klimabewegung die Menschen verliert und letztlich erwartbar und unnötig zugrunde geht: der sprichwörtliche Elfenbeinturm, der für sich selbst genommen zwar schätzenswert ist, dort draußen in der Welt jedoch nicht funktioniert.
Ein zusätzliches Missverständnis ist, dass eine grobe Sprechweise etwas über das Denkvermögen aussagen würde, nicht zuletzt über das Begreifen gesamtgesellschaftlicher Zusammenhänge. Sprich: die Fähigkeit, planvoll und positiv auf diese Gesellschaft zu wirken – mit den eigenen Methoden. Viel zu oft fällt dann der hässliche Begriff der "Bildungsferne", die dem akademischen Bürgertum diametral gegenübersteht.
Moralisierende Abgrenzung führt nicht weiter
Doch wenn man Menschen überhaupt in solche Schubladen stecken will, dann stehen wir Arbeiterkinder zwischen dem, was "Bildungsferne" tatsächlich bedeutet, und der bürgerlich-akademischen Hochsprache: Wir bilden quasi eine Brücke zwischen diesen Welten. Nur will die akademische Elite damit nichts zu schaffen haben, sie definiert sich ja dadurch, sich vom "stumpfen Diesel-Dieter" abzugrenzen.
Und so kommt es, dass wir Arbeiterkinder zwar hin und wieder als Feigenblatt dienen, wenn zum Beispiel über die "Vulnerabilität bildungsferner Schichten" referiert wird (ohne diese Schichten auf die Bühne zu laden), während man unsere Sprechweise weiterhin problematisiert, moralisch abwertet und weit von sich schiebt. Und wie gesagt: Wir sind nicht bildungsfern, wir sind schlicht ein bisschen gröber unterwegs.
Auch wenn ich hier von mir erzähle, ist die Motivation für diesen Gastbeitrag doch eine gänzlich andere: Ich will die Klimabewegung nicht scheitern sehen! Doch ich stehe daneben, sehe ihr Problem – und weiß, da kann ich lange stehen, ändern wird sich von alleine nichts.
Dabei braucht es nur eine einzige Sache: Offenheit für Menschen, die anders sind und anders agieren als man selbst. Auch da, wo es ein wenig Resilienz verlangt. Keinen moralischen Perfektionismus, sondern eine Kultur der Vielfalt, weit über Hautfarben und Geschlechterrollen hinaus. Eigentlich gar keine großartige Leistung, eher eine Selbstverständlichkeit.
Nur: Wird diese Selbstverständlichkeit jemals Realität, wird die Klimabewegung je ihre sprachliche Strenge ablegen und sich der Welt da draußen öffnen? Ich weiß es nicht, ich bin sogar skeptisch, doch ein kleiner Funken Hoffnung leuchtet weiterhin in meiner Brust.
Um diesem Funken eine Chance zu geben, habe ich euch diese Zeilen kredenzt. Ganz bewusst ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten, dafür aber ehrlich, konstruktiv und zugewandt. Oder um es mit Geist Nummer zwei in der mit Bill Murray verfilmten "Weihnachtsgeschichte" zu sagen: "Sometimes you have to slap them in the face, just to get their attention!"

Meiner Erfahrung nach ist "die Klimabewegung" offen für alle, die sich für den Klimaschutz engagieren möchten.
Das gilt sowohl für sog. "bildungsferne Schichten" als auch für "Superreiche". Verbindendes Element sollte allerdings die Sorge um die Auswirkungen menschlichen Handelns auf das Weltklima sein.
Und das, obwohl die persönliche Klimabelastung laut mehreren Studien (z.B. vom UBA) vom Einkommen abhängt und gerade nicht vom Umweltbewusstsein.
https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/keine-wende-in-sicht
https://klimareporter.de/gesellschaft/umweltbewusste-klimasuender
Auf der anderen Seite habe ich die Erfahrung gemacht, dass solche Art Witze weit verbreitet und kein Alleinstellungsmerkmal der "Klimabewegung" sind.
Cool das jemand das mal so schreibt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Surplus_(Magazin)
Man sollte Habitus nicht unterschätzen, aber die ökonomischen Verhältnisse sind natürlich grundlegend. Ich selbst lebe unter der Armutsgrenze, mir fehlt aber nichts Materielles. Ich arbeite Vollzeit, doch mit einem sinnvollen und zufriedenstellenden Arbeitsinhalt. Ich würde das nicht als Modell propagieren, denn ich möchte ja auch, dass öffentliche Einrichtungen, soziale Daseinsvorsorge usw. funktionieren. Es wäre schön, wenn linkssozialdemokratische Ideen weiterentwickelt statt immer nur torpediert würden. Aber wir müssen auch über den Grundgedanken des Immer-mehr reden.
Trotzdem danke für den kritischen Hinweis. Mir wird jedenfalls durch solche Antworten wie die deine klar, dass der Artikel nicht alles so rausarbeitet, wie ich gehofft hatte.
In Deutschland stagniert die Wirtschaft seit 2019, wir haben rund drei Millionen Arbeitslose, selbst Menschen mit guten Jobs haben also Angst abzurutschen. Und dank steigenden Mieten und Inflation schmelzen die Rücklagen. Der Surplus-Herausgeber Mauriche Höfgen schreibt: "Achtung, alarmierende Zahl: 47 Prozent der Erwachsenen haben in Deutschland keine 2.000 Euro als Notgroschen auf der Seite liegen. Jeder Fünfte sogar nur weniger als 500 Euro. Das ergab eine YouGov-Umfrage (...)" https://www.geldfuerdiewelt.de/p/jeder-zweite-ohne-echten-notgroschen In Deutschland ist jedes fünfte Kind von Armut betroffen. Das erklärt, warum die Menschen Angst haben mit einem neuen E-Auto oder einer Wärmepumpe finanziell überfordert zu werden. In den USA ist es noch schlimmer. Dort sorgt die Ungleichheit dafür, dass die oberen 10 Prozent die Hälfte des Konsums tätigen.(https://www.n-tv.de/wirtschaft/Amerikas-Wackelturm-Wirtschaft-haengt-nur-noch-an-den-Reichen-id30022691.html) Dort fühlen sich die Armen massiv bedroht, durch steigende Energiepreise. Wenn die Klimabewegung ein Klassenbewusstsein entwickeln möchte, sollte sie die ökonomischen Randbedingungen der unteren Klassen in den Blick nehmen. Die Klassenrealität erklärt die Ablehnung der Energiewende der unteren Schichten, welche gezielt von einigen Industrie-Lobbys instrumentalisiert wird. Die Leute werden mit berechtigten Ängsten aufgestachelt. Die Klimabewegung muss anfangen, sich für die Ökonomie zu interessieren. Sonst wird das nichts!
Natürlich sollten alle einkommensschwachen Leute stärker unterstützt und gerne auch gehört werden. Das ist aber nicht die "Klasse", die ich meine. Sondern:
Die Unterschiede, die aus verschiedenen Arbeits- und Lebenssituationen heraus verschiedene Arten in Umgang und Kommunikation erzeugen. Das ist keine Geldfrage, bzw. nur sehr bedingt. Sondern eine Frage von Dingen wie Mentalität und dem zwischenmenschlichen Umgang. In der Klimabewegung dominiert ein ausgesucht korrekter Ton, akademisch/institutionell bzw. "woke" geprägt. Nichts gegen diese Dinge - im akademischen Betrieb ist akademische Sprache ja sehr gut und wünschenswert. Auch "woke" ist nun wahrlich nichts Schlechtes. Und doch - Trommelwribel! - gibt es ein großes Aber:
In den Worten vieler Menschen da draußen: Die kommunikative Übervorsicht und Political Correctness, die viele (gröbere) Formen der Kommunikation oft und reflexhaft mit der Moralkeule erschlägt. Und damit ausgrenzt.
Mir kann's eigentlich egal sein, nur ist die Klimabewegung untrennbar mit der Klimadebatte verbunden. Diese Debatte ist in ihrem politischen/wirtschaftlichen Outcome der Hebel, bei dem es um alles geht: Die planetaren Grenzen. Unser Überleben! Und deshalb versuche ich diese "Übervorsicht und Political Correctness" etwas aufzubrechen. Damit sich die vielen (guten!) Menschen da draußen, die durch ihre etwas "härtere" Herangehensweise ans zwischenmenschliche Miteinander eine immense Wucht entfalten können, endlich eingeladen fühlen. Oder zumindest nicht mehr ausgeladen.
Diese "Klassenfrage" ist unabhängig davon, ob jemand hartzt oder drei Eigentumswohnungen besitzt. Es geht darum, wie jemand "tickt" - nicht politisch, sondern: Behavior.
Ich möchte versuchen, deine und meine Position zusammenzuführen. Die Abwertung, die du beschreibst ist real. Wer nicht weiß, wie man zu sprechen und sich zu verhalten hat, wird schnell aussortiert. Das resultiert daraus, dass die Klimabewegung von Akademikerkindern aus Großstädten getragen wird, die sich nur mit Akademikerkindern aus den guten Vierteln der Großstädten umgeben. Diese Blasen- bzw. Klassenbildung hat aber eine materielle Basis: Um in ein gutes Viertel zu ziehen, eine gute Schulde zu besuchen, eine gute Ausbildung/Studium zu absolvieren und ein „gutes“ Verhalten zu erlernen, braucht es Geld und Bildung. Klassen entstehen daraus, dass sich die Leute (oft unbewusst – es fehlt Klassenbewusstsein) nur mit ihresgleichen umgeben. Wenn Kinder aus schlecht verdienenden Haushalten in Stadtvierteln wohnen, wo man unter sich ist, und dann schlecht ausgestattete Schulen besuchen, ist es kein Wunder, dass man bspw eine andere Sprache, einen anderen Kleidungsstil, einen anderen Habitus entwickelt.
Die Klimabewegung sollte sich daher massiv dafür einsetzen, dass Menschen aus nichtakademischen Haushalten und schlechten Stadtvierteln mit Menschen aus den besseren Vierteln gemischt werden. Diese Mischung kann aber nur erfolgen, wenn ökonomische Rahmenbedingungen geändert werden. In die schlechten Schulen und schlechten Viertel muss investiert und ökologisch modernisiert werden. Die Löhne am unteren Rand müssen steigen, und oben muss Vermögen umverteilt werden. Ohne eine Veränderung dieser materiellen Rahmenbedingungen wird sich nichts ändern. Nur nett zueinander sein, reicht doch nicht!?
Vielleicht hilft dieser Podcast weiter. Thema: „Hanno Sauer: Wenn Reiche über Klasse nachdenken“ https://www.youtube.com/watch?v=InxOt8DXuZg
Ich gehe davon aus, dass da keine Absicht dahinter steckt. Auch davon, dass du dir dessen nicht bewusst bist, was du hier schreibst. Daher mal kurz gespiegelt:
"Wer nicht weiß, wie man zu sprechen und sich zu verhalten hat..." Das sagt nichts anderes aus, als dass wir dumm und schädlich seien und man uns in Sachen Sprechen und Verhalten erst erziehen muss.
" Um in ein gutes Viertel zu ziehen, eine gute Schulde zu besuchen..." Oh, unsere Nachbarn sind auch schlecht, von denen muss man wegziehen, sich also räumlich distanzieren. Kontaktschuld?
"Wenn Kinder aus schlecht verdienenden Haushalten in Stadtvierteln wohnen, wo man unter sich ist, und dann schlecht ausgestattete Schulen besuchen, ist es kein Wunder, dass man bspw eine andere Sprache, einen anderen Kleidungsstil, einen anderen Habitus entwickelt." Wir sind also in Sachen Sprache, Kleidungsstil, Habitus schlecht. Weil unsere Bildung, unsere Herkunft, unsere Nachbarn (unsere Eltern?) schlecht sind. Was an uns ist eigentlich nicht schlecht?
Abgesehen davon, dass ich weiterhin nie von der sozialen/finanziellen Schicht gesprochen habe und mir diesen Klassizismus deutlich verwehre: Man ist nicht automatisch ein bildungsferner Proll im Bürgergeld, nur weil man nicht spricht wie der edle Herr Professor vor dem Auditorium. Man ist einfach ein Mensch.
Natürlich meinst du es nicht so. Und trotzdem: Deutlicher und beleidigender hab ich selten gehört, wie schlecht ich bin und dass die Lösung nur darin liegt, so zu werden, wie du.
Denk mal darüber nach, ob diese Haltung nicht Teil des Problems ist, anstatt eine "handreichende Lösung". Ich bin nun erst mal raus aus der Diskussion.
Ist halt nicht das Thema des Artikels.
Und ändert nichts an dem Feedback, das ich dir zu deinen Aussagen gegeben habe.
Also weiterhin die Bitte: Bitte mal reflektierrn, wie deine Aussagen ankommen. Wie gesagt: Nicht cool.
Energieprofessor Michael Sterner von der OTH Regensburg ist übrigens Arbeiterkind und redet öffentlich darüber.
https://www.youtube.com/watch?v=q7n8bjfkvUA&t=108s