Zum Regierungsantritt im Mai 2025 hoffte Fridays for Future noch auf die Lernfähigkeit von Merz und Co. Doch die Befürchtungen von einem Rollback haben sich bestätigt. (Bild: Pia Hesse)

Dürren, Waldbrände, Hitzewellen – 2025 war geprägt von der sich immer mehr zuspitzenden Klimakrise. Wir können es selbst nicht mehr hören, um ganz ehrlich zu sein.

Ob es der nächste Bluesky-Post, das nächste Instagram-Video oder dieser Gastartikel ist – sie beginnen mit den immer gleichen Worten und dem gleichen Versuch, die Drastik der ökologischen Krise um uns herum ein bisschen verständlicher zu machen – verbunden mit der Absicht und der Hoffnung, irgendwie dazu beitragen zu können, dass die Treibhausgasemissionen endlich sinken. 

Das Problem ist nur: Was sich anfühlt wie eine dystopische Dauerwerbesendung, eine Schallplatte mit Sprung oder der nicht enden wollende Erklärversuch eines verzweifelten Mittelstufenlehrers, entspricht leider der Realität. 2025 war eins der heißesten Jahre überhaupt und die vergangenen zehn Jahre waren allesamt die zehn heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Während die Szenarien der Klimaforschung längst Realität sind, ist die Bundesregierung offensichtlich in einem völlig anderen Universum unterwegs. Statt mit einem Kurswechsel zum Schutz unser aller Zukunft war das politische Berlin nach der vorgezogenen Bundestagswahl oft vor allem mit einem beschäftigt: der aktiven Klimazerstörung.

Die neue Bundesregierung – erst seit acht Monaten im Amt – hat es direkt auf ganzer Linie geschafft, sich als Koalition fossiler Ideen zu etablieren. Ganz vorne dabei waren immer Kanzler Friedrich Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche.

Das Spitzenpersonal ist der Aufgabe nicht gewachsen

Die frühere Erdgas-Lobbyistin Reiche fällt seit Tag eins vor allem mit Rückendeckung für immer neue Gasinfrastruktur auf. Neue Gaskraftwerke, weniger Geld für Wind- und Solarenergie und ein verzerrter "Realitätscheck für die Energiewende" sind hier die Stichworte.

Nicht das viel gepriesene Wissen über das Energiesystem und seinen nötigen Umbau, sondern maximal einen schnellen Draht zu den Gaskonzernen brachte Reiche mit in ihr neues Büro im Wirtschaftsministerium. 

Bild: Santiago Rodriguez

Nele Evers

studiert Germanistik und Politik­wissen­schaften. Die Braun­schweigerin ist seit fünf Jahren bei Fridays for Future aktiv und beschäftigt sich dort derzeit mit Gas­bohrungen in Deutsch­land und der Energie­wende. Sie hat die Klima­proteste auf und um Borkum mit­organisiert.

Scheinbar ohne Rücksicht auf Verluste – oder vielleicht nicht wissend, was sie anrichtet – tut die Wirtschaftsministerin alles, um die deutsche Energieversorgung an fossile Energien zu ketten. Davon profitieren nur die Gaskonzerne, die sich über staatliche Garantien und hohe Profite freuen. 

Friedrich Merz ist als Außenkanzler angetreten, hat aber nicht nur Brasilien, das Gastgeberland der diesjährigen Weltklimakonferenz, auf der Weltbühne beleidigt, sondern auch immer wieder Standpunkte der deutschen emissionsintensiven und transformationsblockierenden Industrie aufs internationale Parkett manövriert – unter dem Deckmantel von "wirtschaftlicher Vernunft und Wohlstand".

Zum klimapolitischen Großereignis des Jahres wäre Deutschland beinahe mit leeren Koffern gefahren. Vor der Weltklimakonferenz sollten eigentlich alle Staaten ihre Klimaschutzpläne nachschärfen, als Deadline dafür hatten sie Anfang 2025 vereinbart. Deutschland und die EU schafften es gerade so, am Wochenende vor Konferenzbeginn etwas vorzulegen.

Beim Treffen der Regierungschefs unmittelbar vor dem eigentlichen Gipfel gelang es Merz, in seiner fünfminütigen Rede die Hauptursache der Klimakrise nicht ein einziges Mal zu erwähnen. Fossile Energien ließ er komplett außen vor und konzentrierte sich stattdessen auf seine uninspirierten Phrasen von Wohlstand und Wirtschaft.

Jetzt einzuknicken würde die Realität gleich doppelt verkennen

Diese Agenda schreibt die schwarz-rote Bundesregierung in Berlin und auch in Brüssel fort: Verbrenner-Aus abschwächen, EU-Klimaziel aufweichen und CO2-Märkte für zweifelhafte Zertifikate öffnen, Fliegen verbilligen und Deutschland-Ticket verteuern. 

Diese Aufzählung von vermeintlich verschmerzbaren klimapolitischen Rückschritten entfaltet ihre Wucht erst, wenn man sie als das begreift, was sie ist: der Angriff eines zutiefst fossilen Geschäftsmodells auf unsere Lebensgrundlagen.

Nachdem ein grün geführtes Wirtschaftsministerium mit dem Versuch einer technischen, im Alltag unauffälligen Transformationsagenda trotz des allgemeinen Zuspruchs für Klimaschutz gescheitert ist, versucht die fossile Lobby nun an allen Ecken und Enden Veränderung rückgängig zu machen und ihre Interessen in Form von Infrastruktur und Gesetzen für Jahrzehnte festzuschreiben. 

Bild: Jon Klockow

Carla Reemtsma

ist Mit­begründerin von Fridays for Future und Presse­sprecherin der Berliner Gruppe der Klima­gerechtigkeits­bewegung. Durch Auftritte in Talkshows, Interviews und Reden zählt die Studentin der Wirtschafts- und Politik­wissen­schaften zu den bekannten Gesichtern der deutschen Klima­bewegung.

Es wäre eine durchaus verständliche Reaktion, Massenmobilisierung und progressive Klimaproteste jetzt als erfolglos abzuschreiben und sich dem politischen Biedermeier hinzugeben.

Aber das würde die Realität gleich doppelt verkennen. Ein solches Einknicken übersieht die Fortschritte, die tatsächlich passiert sind – von Nachhaltigkeitsmanagern in kommunalen Krankenhäusern über Stadtwerke, die den Gasnetzausstieg planen, bis zum Siegeszug der Solarenergie.

Vor allem aber verkennt ein solches Einknicken, dass wir in genau dieser Zeit, während der komplexen Transformation mindestens genauso schnell lernen müssen, unter anderen Umständen politisch zu streiten, wie wir eben diese Umstände verändern wollen.

Die Frage ist, wie zwischen emotionaler Verzweiflung und Abstumpfung etwas Produktives wachsen kann, wie wir etablierte eigene Praktiken hinterfragen und anpassen können, ohne das langfristige Ziel aus den Augen zu verlieren – eine Welt ohne eskalierende Klimakrise und eine gerechtere Zukunft.

Borkum als Symbol der fatalen Erdgas-Strategie

Eine Auseinandersetzung, die exemplarisch für unseren Kampf und unsere Handlungsmöglichkeiten gegen den schwarz-roten Gasrausch steht, spielt sich in der niedersächsischen Nordsee ab.

Vor der Nordseeinsel Borkum möchte der niederländische Konzern One Dyas nach Erdgas bohren. Dazu fehlt ihm noch ein Abkommen zwischen deutscher und niederländischer Regierung, denn das Gasfeld liegt im Gebiet beider Staaten.

 

Während sich Bundestag, Bundesregierung und Bundesrat streiten, hat die klimabewegte Zivilgesellschaft gezeigt, dass es eben doch funktionieren kann, unter diesen widrigen Umständen, in denen Erdgas als "Beitrag zur Versorgungssicherheit" zur Staatsräson wird, effektiv zu kämpfen.

Bei jedem noch so kleinen politischen Schritt, der diese Gasbohrungen betrifft, war die Klimabewegung dabei: Demonstrationen in Berlin, ein Camp auf der Insel, Petitionen, Gutachten, Klagen.

Noch ist über die Gasbohrungen vor Borkum nicht endgültig entschieden – und 2026 werden wir alles daran setzen, dass sie nicht beginnen. Alles ist noch offen, alles ist möglich.

Nach dem Kohleausstieg kommt jetzt der Gasausstieg

CDU, CSU und SPD haben in den ersten acht Monaten Regierungszeit vor allem eines gezeigt: Sie sind und bleiben eine fossile Koalition. Die Erzählungen von Friedrich Merz und Katherina Reiche über eine sterbende Wirtschaft, die dem Klimaschutz zum Opfer fallen würde, über Dunkelflauten und finanzielle Risiken, verunsichern die Menschen.

Doch die Taktik ist durchschaubar: Zuerst wird Stimmung gegen Klimaschutz gemacht, um dann behaupten zu können, dass die Menschen ja gar keinen Klimaschutz wollen würden.

Es wäre Aufgabe einer verantwortungsvollen Regierung, für Klimaschutz zu werben, Maßnahmen gut zu begründen und zu verteidigen, sozialen Ausgleich zu schaffen, wo er benötigt wird.

Stattdessen verweigert sich diese Bundesregierung der Realität der Klimakrise und beweist immer wieder ihre tiefe Liebe zu fossilen Energien. Dabei ist klar: Jede weitere Tonne Kohle, Öl und Gas befeuert die Klimakrise. Solange wir CO2 emittieren, verschlimmern wir die Situation.

 

Es wäre ein Leichtes, unter diesen Umständen aufzugeben. Klimapolitik frustriert an allen Ecken und Enden und die ökologische Realität wird immer bedrohlicher. Doch wir müssen lernen, genau damit umzugehen und weiter für eine gerechte Zukunft einzustehen – auch wenn wir gerade noch nicht genau wissen, wie das geht.

Vielleicht ist der Kampf gegen die Gasbohrungen vor Borkum ein Anfang dafür. Mit Borkum retten wir nicht die Welt, aber jede Tonne Erdgas, die unter der Nordsee bleibt, bedeutet ein bisschen weniger Klimakrise.

In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat die Klimabewegung den Kohleausstieg erkämpft. Jetzt nehmen wir uns den Gasausstieg vor. Uns bleiben wenige Jahre, um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten.