Eine grüne Landschaft mit Feldern, Büschen und ein paar kleinen Bäumen. Mittendrin: ein, zwei oder mehr gigantische, bis zu 25 Meter hohe, gräuliche Blöcke von der Größe Dutzender Fußballfelder, die aussehen, als wären sie aus Riesen-Legosteinen zusammengebaut. Im Inneren liefern tausende Server die Rechenleistung für den KI-Boom.
Auch wenn die riesigen hellgrauen Blöcke mal in einer kargen Wüstenlandschaft stehen, mal auf grünen Wiesen und mal mitten in der Stadt, erblickt man solche oder ähnliche Bilder an vielen Orten weltweit: Laut dem Logistikunternehmen Cargoson existieren schon etwa 12.000 Datenzentren, davon fast die Hälfte in Nordamerika und ein weiteres Viertel in Europa. Die restlichen verteilen sich auf die anderen Kontinente.
Während Rechenzentren schon seit Jahrzehnten für Webseiten, Unternehmens-IT oder Cloud-Datenspeicherung genutzt werden, beschleunigen große Big-Tech-Unternehmen wie Meta oder Amazon den Neubau gerade extrem – denn besonders ihre Large Language Models für die künstliche Intelligenz benötigen enorme Rechenkapazitäten. "Der Wettlauf, KI zu skalieren, hat einen Infrastrukturausbau ausgelöst, der zu den größten der jüngeren Geschichte gehört", schreibt die Beratungsfirma McKinsey.
Die Argumente der Branche für die vielen neuen Rechenzentren: Large Language Models könnten bahnbrechende Fortschritte in Bereichen wie Mobilität oder Bildung ermöglichen. "Und ohne Rechenzentren keine KI. Nur so können wir unsere digitale Souveränität stärken und zu den internationalen Technologieführern aufschließen", erklärt Bernhard Rohleder vom deutschen Digitalwirtschaftsverband Bitkom.
Aus diesen Gründen treibt auch Deutschland den Ausbau der riesigen grauen Datenblöcke voran. Derzeit sind laut Bitkom hierzulande 2.000 Rechenzentren installiert, darunter 100 größere. Im März hat das Bundesdigitalministerium eine nationale Rechenzentrumsstrategie vorgelegt. Danach sollen sich die Kapazitäten in den nächsten vier Jahren verdoppeln.
Globaler Widerstand gegen neue Datenzentren
Doch trotz der vermeintlichen Vorteile gibt es weltweit immer mehr Widerstand gegen die Rechenzentren. Die bisher heftigsten Proteste fanden in den USA statt. In vielen Gemeinden bilden sich Bürgerinitiativen, die mit Demonstrationen, Petitionen und lauten Protesten in Stadtratssitzungen Druck aufbauen und etliche Bauprojekte ins Wanken bringen.
Nach Berechnungen der US-Nichtregierungsorganisation Data Center Watch brachten die Demonstrierenden in den USA gemeinsam mit Verbündeten aus Politik und NGOs allein im Jahr 2025 insgesamt 48 Projekte zu Fall. "Der Widerstand gegen Datenzentren hat sich zu einer landesweiten politischen Kraft formiert", so die Organisation.
Auch in anderen Ländern protestieren Bürger:innen zunehmend erfolgreich gegen den Bau von Rechenzentren. In Irland führten anhaltende politische Forderungen sowie Warnungen von Fachleuten vor einer Überlastung des Stromnetzes dazu, dass in der Region Dublin vorerst keine neuen Rechenzentrumsanschlüsse mehr genehmigt werden sollen – eine Regelung, die bis mindestens 2028 gelten könnte.
Sorgen um Umwelt und Wasserverbrauch
Grund für die Proteste sind unter anderem Umweltbedenken. Rechenzentren verbrauchen für den Betrieb der Server und vor allem zur Kühlung der Anlagen enorme Mengen an Strom und Wasser. Ein einziges Rechenzentrum kann so viel Strom verschlingen wie eine kleine Stadt, heißt es bei der Nichtregierungsorganisation Algorithmwatch.
Teilweise sollen die Datencenter mit neuen Kraftwerken betrieben werden, häufig Gaskraftwerken. "Der Wettbewerb um immer mehr Rechenleistung bringt so auch in Deutschland die Klimaziele in große Gefahr", warnt Julian Bothe von Algorithmwatch.
Zudem können Rechenzentren in trockenen Gebieten zu akuter Wasserknappheit führen. Einem Bericht der United Nations University zufolge hatten sie im Jahr 2025 weltweit einen Wasserbedarf von 4.500 Milliarden Litern.
Gleichzeitig schaffen die Rechenzentren – entgegen den Versprechen der Branche – kaum einen Zuwachs von Arbeitsplätzen. Trotz ihrer immensen Größe benötigen sie für den laufenden Betrieb lediglich einige wenige Techniker:innen. Auch die Gewerbe- und Lohnsteuereinnahmen bleiben laut einer Analyse der Kölner Beratungsgesellschaft IW Consult gering.
Die Anwohnenden müssen also die negativen Auswirkungen der Rechenzentren erdulden, werden aber nicht an den Milliardengewinnen der Projekte beteiligt. Die fließen in großen Teilen zurück an die Tech-Giganten.
Wie entwickeln sich die deutschen Proteste?
Aus diesen Gründen entwickeln sich auch in Deutschland allmählich Protestbewegungen gegen Rechenzentren. Beispielsweise verhinderten zwei Ruheständler ein neues Gaskraftwerk für ein Rechenzentrum bei Frankfurt am Main, wie der Spiegel im Mai berichtete. Dort im Maintal plante der Betreiber Edgeconnex eines der größten Rechenzentren Deutschlands sowie ein dazugehöriges Gaskraftwerk.
Um dies zu verhindern, sammelten die beiden Männer dem Bericht zufolge Daten zum Projekt und errechneten den jährlichen CO2-Ausstoß des geplanten Gaskraftwerks. Er würde bei circa 600.000 Tonnen CO2 pro Jahr liegen. Sie verteilten Flugblätter, reichten Einspruch beim Regierungspräsidium ein und sprachen mit Verordneten im Stadtparlament.
Nach anhaltenden Protesten in der Bevölkerung Anwohnern und zunehmendem Widerstand aus der Stadtverordnetenversammlung informierte die parteilose Bürgermeisterin Monika Böttcher dem Bericht nach die Stadtverordneten, dass Edgeconnex das Projekt vorerst auf Eis gelegt hat. Der Konzern suche jetzt nach Alternativen zur Stromversorgung.
Wie erfolgreich solche Proteste sein können, zeigt auch der Fall Groß-Gerau. Dort wollte ein Investor eines der bislang größten Rechenzentren in der Rhein-Main-Region bauen. Doch nachdem sich eine Bürgerinitiative gegen die Rechenzentren formierte und Widerstand leistete, stimmten die Stadtverordneten im Februar gegen die Ansiedlung des Rechenzentrums.
Laut einer Analyse der Deutschen Bank lassen sich die Proteste als Teil eines größeren KI-Konflikts verstehen – auch in Deutschland. Denn neben disillusionment, also sinkenden Erwartungen an den tatsächlichen Nutzen von KI, und dislocation durch Infrastrukturengpässe wie Stromnetze und Wasserversorgung wächst vor allem distrust – das Misstrauen gegenüber KI-Systemen.
"Die Angst vor KI wird in diesem Jahr von einem leisen Hintergrundrauschen zu einem lauten Aufschrei werden", sagen die Autoren der Analyse voraus. Die Proteste könnten sich also auch hierzulande weiter verstärken.

https://klimareporter.de/technik/ki-boom-verschaerft-nutzungskonflikte-um-wasser