In der Hitzewelle Ende Juni zog es offenbar nicht wenige Menschen in die gefühlte Kühle des Internets. In den sozialen Medien wurde dabei immer wieder dieselbe Frage laut: Warum hört man eigentlich nichts von der Regierung?
Das gesellschaftliche Leben im Ausnahmezustand und die zahlreichen Todesfälle schienen den Regierenden keine besondere Aufmerksamkeit abzuverlangen. Zynisch ließe sich hinzufügen: Dafür waren offenbar nicht einmal die platzenden Autobahnen hinreichend dramatisch.
Als die Hitze nach dem Rekordwochenende nachließ und die Presse bei Regierungssprecher Stefan Kornelius nachfragen konnte, reagierte dieser sichtlich irritiert. Ein Eingreifen des Kanzlers würde doch schließlich "das Wetter nicht ändern", so Kornelius' lakonischer Kommentar in der Bundespressekonferenz am 29. Juni. "Die Klimastrategie der Bundesregierung wirkt", fügte er noch hinzu.
Sofern diese Strategie darin besteht, es auf immer krassere Hitzewellen ankommen zu lassen, mochte seine Einschätzung sogar korrekt sein. Das Statistische Bundesamt vermeldete jedenfalls für die Woche der Hitzewelle 6.800 Todesfälle mehr als noch zwei Wochen zuvor. Damit starben 30 Prozent mehr Menschen als normalerweise zu dieser Jahreszeit erwartbar. Zahlen, an die kaum ein anderes Katastrophenereignis heranreichen kann.
Nicht allein dank solch plakativer Reaktionen auf ein solch existenzielles Ereignis veranschaulicht diese Hitzewelle einige Grundzüge des in Deutschland noch frischen Feldes der Hitzepolitik – und zur Rolle von Staat und sozialen Bewegungen darin.
Eigenverantwortung oder staatliche Aufgabe?
Erstens betrachtet der Staat den Hitzeschutz tatsächlich im Wesentlichen als Frage der Eigenverantwortung. So verbreitete das Bundesumweltministerium am letzten Juniwochenende in den sozialen Medien generische Tipps – Wasser trinken, nachts querlüften und besser kein Sport zur Mittagszeit.
Umweltminister Carsten Schneider (SPD) wies am darauffolgenden Montag aber Forderungen nach zusätzlichen Finanzmitteln für die Hitzeanpassung in Krankenhäusern umgehend zurück. Er deutete zwar an, den Bedarf in Pflegeheimen anzuerkennen. Doch sein Ministerium befüllte den genau dafür vorgesehenen Fördertopf, der in den letzten Jahren die Nachfrage nicht annähernd decken konnte, zuletzt überhaupt nicht mehr.
Die staatliche Reaktion auf die Hitzewelle fügt sich nahtlos in die allgemeine deutsche Klimaanpassungspolitik ein. Diese folgt weitgehend dem Leitbild eines informierenden Staates. Dieser betreibt allerlei Monitoringprojekte zu Klimafolgen, stellt Wissen in Datenbanken für Fachplaner:innen bereit und klärt die interessierte Bürgerin in freundlichen Infoportalen auf.
Diese Ansätze prägen auch die 2024 aktualisierte offizielle deutsche Anpassungsstrategie, an der sich nun auch die schwarz-rote Regierung orientieren will. Diese Strategie zur Anpassung an den Klimawandel verzichtet aber weitgehend auf ordnungspolitische Regelsetzungen und hält sich in Finanzierungsfragen vornehm zurück.
Fragen des Hitzeschutzes am Arbeitsplatz wurden denn auch in das unverbindliche Restekapitel der Anpassungsstrategie verbannt – dorthin, wo auf messbare Indikatoren gleich ganz verzichtet wird. So lässt sich ein bisschen besser kaschieren, dass gesundheitsgerechte Klimaanpassung im klassischen Interessenkonflikt Kapital–Arbeit offensichtlich nur begrenzt mit sachlicher Aufklärung erreichbar ist.
Hitzeanpassung kostet Geld
Zweitens untergräbt gerade die schwarz-rote Sparpolitik alle Anpassungsbemühungen. Klimaanpassung ist in wesentlichen Teilen eine Frage physischer, nicht gratis verfügbarer Infrastrukturen. Ohne stabile öffentliche Finanzierung kann Klimaanpassung schlicht nicht funktionieren.
Die deutsche Anpassungsstrategie spricht offiziell von Verhaltens- und Verhältnisprävention. Das bedeutet etwa, Hitzeschocks im Alltag durch hitzeangepasstes Verhalten zu entschärfen. Die Möglichkeiten zu solchem Verhalten sind aber durch institutionelle und bauliche Verhältnisse bestimmt, die es ebenso anzupassen gilt.
Will man diese Verhältnisse aber nun politisch partout nicht anrühren, verengt sich die praktisch stattfindende Prävention schließlich doch auf die Verhaltensebene.
Ohne Hitzefreiregelungen bei untragbaren Temperaturen am Arbeitsplatz oder gedämmte und klimatisierte soziale Einrichtungen wird das umso bemühtere Beharren auf freundliche Verhaltenshinweisen zur offensichtlichen Farce. So ist Menschen, deren Wohnraum oder Arbeitsplatz keinen Schutz vor Hitze bieten kann, definitiv nicht geholfen.
Lasse Thiele
ist promovierter Politikwissenschaftler und Autor und seit vielen Jahren für Klimagerechtigkeit aktiv. Er arbeitet derzeit schwerpunktmäßig zu politischen Konflikten um Klimaanpassung.
Endgültig skurril wird diese Schieflage im Angesicht jener öffentlichen Infrastrukturen, die vor der jüngsten Hitzewelle kapitulierten: Weder verklebten Straßenbahnschienen noch aufgeplatzten Autobahnen ist mit Infotafeln beizukommen.
Klimaangepasste Infrastrukturplanung bleibt eine öffentliche Aufgabe, bei der Wissen ungemein hilfreich ist – aber nur, sofern es in tatsächlich durchgeführten baulichen Maßnahmen Anwendung findet.
Tragischerweise kommt hinzu, dass sich Anpassungspolitik nicht so recht in die Logik des deutschen Föderalismus einfügen mag. Anpassungserfordernisse unterscheiden sich von Region zu Region. Klimaanpassung muss darum wesentlich lokal organisiert werden, doch die Finanzhoheit liegt auf nationaler Ebene.
So verwies auch Umweltminister Schneider in der Krankenhausfrage auf Länder und Kommunen. Die wissen aber eben kaum noch, wie sie überhaupt den laufenden Betrieb finanzieren können. Selbst das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft, ausgreifenden Umverteilungsfantasien gänzlich unverdächtig, wies zuletzt nachdrücklich darauf hin, dass die Kommunen ohne zusätzliche Geldmittel in der Anpassungspolitik nicht hinterherkommen werden.
Kein Automatismus der Einsicht
Drittens bestätigte sich in der Hitzewelle wieder einmal: Politisch betrachtet spricht kein Wetterereignis für sich. Jede Situation, egal wie wissenschaftlich eindeutig sie daherkommen mag, ist für verschiedenste Deutungsmuster offen.
Von "Heiße Sommer gab es früher schon" bis "Wetter ist ja nicht gleich Klima" boten sich auch diesmal wieder einige bewährte Optionen für alle, denen es schlicht nicht in den Kram passt, die Ereignisse im Lichte der Klimakrise zu deuten.
Und für die allermeisten, die eine Hitzewelle irgendwie überstanden haben, hält der kühlere Alltag und damit das Vergessen schnell wieder Einkehr.
Immerhin glänzten dieses Mal nicht mehr so viele Medien mit der sonst gerne verwendeten Freibad-Bebilderung, die der Hitzeberichterstattung einen klaren Sommerspaß-Rahmen setzt.
Bewegung im Diskurs ist also nicht völlig unmöglich. Doch es gibt keinen Automatismus, der vom Extremereignis zur Einsicht in die Realität der Klimakrise führt. Die zähen Deutungskämpfe gehen einfach weiter – sie müssen weiterhin aktiv geführt werden, so mühsam es ist.
Hitze wirkt erstmal demobilisierend
Viertens zerfließt in der Hitze zunächst alle Widerstandsenergie. In dem Moment, in dem die Klimafolgen am spürbarsten werden, sind alle damit beschäftigt, irgendwie durchzukommen. Im besten Fall schaffen Menschen es, wie so häufig angemahnt, mal bei der älteren Nachbarin gegenüber zu klingeln und Hilfe anzubieten.
Doch politischen Widerstand organisieren, während die Vermeidung jeder unnötigen Bewegung als einzig gesundes Verhalten erscheint? Puh.
In Berlin schwitzten am Hitzewochenende Millionen Menschen rund um die Uhr. Zur spontan ausgerufenen abendlichen Demonstration von "Fridays for Future" am Sonntag erschienen Berichten zufolge rund 100 von ihnen.
Das ist ein verbreitetes Problem in Klimaanpassungskämpfen. Auch Flutbetroffene haben, wenn ihr zerstörtes Zuhause nach vielen erschöpfenden Monaten wieder hergerichtet ist, selten Kräfte übrig, um für bessere Hochwasservorsorge oder gar für stringente Klimapolitik aktiv zu werden.
Selbst wenn die Ereignisse also "klimarealistisch" gedeutet werden: Die Realität der Klimakrise selbst erteilt allzu naiven Hoffnungen, Klimafolgen würden die Menschen schon politisch aufrütteln, wenn sie nur endlich in ihrem Alltag spürbar würden, eine Absage.
Ob und wie sich aus den Erfahrungen der Hitzewelle nun – sobald sich alle etwas abkühlen konnten – tatsächlich politische Energie gewinnen lässt, ist eine so drängende wie offene Frage.
Dabei ist gerade Hitzeschutz ein Komplex, um den sich etliche Konflikte öffnen. Jenseits von Arbeitsschutzregeln und der Ausstattung sozialer Einrichtungen schließt das auch städtebauliche Fragen mit ein.
Jeder Quadratmeter betonierten städtischen Bodens, der zum Hitzeschutz – und zur besseren Aufnahme von Starkregen – entsiegelt und begrünt werden soll, ist tendenziell ein Quadratmeter, der dem Zugriff von Immobilien- und Finanzkapital entrissen werden muss.
Unklar bleibt vor allem, wer diese Konflikte führen kann. In allen genannten Bereichen sind die relevanten Akteure wie Gewerkschaften, Sozialverbände oder Mietenbewegung von zahlreichen Abwehrkämpfen eingenommen. Wenig Aufmerksamkeit bleibt angesichts dieser Dauerbeschäftigung für das periodisch auftretende Hitzeproblem.
Klassische Klimaakteure nutzen Hitzewellen nach wie vor eher als pädagogische Gelegenheit für Klimaschutzforderungen und investieren weniger in die politische Bewältigung von Klimafolgen. Genuin neue politische Subjekte oder neue Bündnisse – eine "Koalition der Schwitzenden" – formieren sich bislang nicht.
Klarer ist, was zu tun wäre. Um Schutz vor extremer Hitze zum selbstverständlichen Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge zu machen, braucht es nicht bloß Wissen, sondern die Durchsetzung verbindlicher Standards und den Zugriff auf Ressourcen – vor allem öffentliche Finanzmittel.
Als bloße Privatsache kann in der Klimakrise kaum noch etwas gelten. Beim Hitzeschutz wie bei der Klimaanpassung insgesamt führen keine Wege daran vorbei, die Grenzen des Öffentlichen neu zu verhandeln, und damit auch die Zuständigkeiten staatlicher Stellen.
Schwitzen kann man zwar alleine – das Schwitzen beenden aber kann die große Mehrheit der Menschen nur gemeinsam.

Vielleicht braucht die Website von "Konzeptwerk Neue Ökonomie" auch ein Update? Es geht ja inzwischen nicht mehr (nur) darum mit dem Rad entspannt durch die Stadt zu radeln. Es geht auch darum, bei den hohen Temperaturen noch irgendwie im Alltag, in der Schule und im Job zu funktionieren, und dass die Großeltern nicht unerwartet in der überhitzten Wohnung sterben. Vielleicht ist das auch ein Weg an die Lebensrealtiät der Menschen noch näher heranzurücken.
Wo der Mann Recht hat, hat er Recht: Wir rasen dank Blackrock-Heuschrecke Merz und Gas-Reiche ungebremst fossil weiter in die Klimakatastrophe. Tausende Hitzetote im Juni 2026 sind das sichtbare Ergebnisse der Wirksamkeit solcher Politik, und was in einigen Jahren dank CharakterlosDummUnglaubwürdig und ihren Vertreter*innen droht.
Ich hätte nie gedacht, dass ich das Scheitern unserer Demokratie noch live miterleben würde. Aber angesichts der Herden-Dummheit, die heute täglich in den Nachrichten, der Politik und Gesellschaft mitzuerleben ist, habe ich mich da offenbar getäuscht.