"Timmy", wie der Buckelwal von Teilen der Bevölkerung und den Medien genannt wurde, ist verschwunden. Wochenlang beobachtete eine breite Öffentlichkeit den Wal, der in seichtem Wasser vor der deutschen Ostseeküste lag.

Nach einer umstrittenen Bergung ist er nun weg. Wie es ihm geht, ob er die Torturen des Transports überlebt hat, bleibt ungewiss.

 

Ich sehe diesen mächtigen Körper vor mir, erschöpft, desorientiert, gestrandet, und erkenne nicht nur ein sterbendes Tier. Ich sehe einen Spiegel. Ich sehe uns.

Die Geschichte dieses Wals ist keine Naturkatastrophe. Sie ist die Folge einer von Menschen verursachten Katastrophe in Zeitlupe, erzählt durch einen einzigen Körper.

Buckelwale können bis zu 90 Jahre alt werden. Ihre Gesänge gehören zu den komplexesten im Tierreich. Sie sind Ingenieure des Ozeans, regulieren den Nährstoffkreislauf der Meere, binden große Mengen CO2 und sind Teil eines Ökosystems, das die Lunge unseres Planeten darstellt.

Die Meere liefern etwa die Hälfte des Sauerstoffs auf unserer Erde, regulieren unser Klima und beherbergen eine unermessliche Artenvielfalt.

Buckelwale zählen zu den Bartenwalen und haben – im Gegensatz zu Zahnwalen – kein Echolot. Ein Grund, warum der wochenlang an der flachen Ostseeküste schwimmende Wal Orientierungsprobleme hatte. Aber warum hatte er sich überhaupt verirrt?

Fischernetze als tödliches Treibgut

Menschliche Aktivitäten wie Unterwasserlärm, Überfischung, Schiffstransporte mit gefährlichen Schiffsschrauben und Vermüllung setzen Walen weltweit stark zu und können dazu führen, dass sie von ihrem Weg abkommen.

Die Ostsee ist durchzogen von Totzonen durch Einträge aus der Landwirtschaft und durch die Klimakatastrophe

Bild: Daniel Müller/​Greenpeace

Thilo Maack

studierte Meere­sbiologie und arbeitet seit 1999 bei Green­peace, wo er als Meeres­schutz­experte Schiffs­expeditionen leitete und der Green­peace-Delegation bei Treffen der Inter­nationalen Wal­fang­kommission vorstand. Er ist außerdem für schnelle Einsätze bei Schiffs­unglücken und anderen Umwelt­katastrophen zuständig.

Alle diese Vorgänge sind keine Naturgesetze. Es sind die Folgen eines auf Ausbeutung setzenden Wirtschaftssystems, verschwenderischer Konsumentscheidungen und einer feigen Politik. Alles zusammen war viel zu schwer für den Körper des Wals. 

Die ganze Zeit hatte der Wal ein Fischernetz im Maul, auch noch bei seiner Aussetzung am Samstag bei Skagen an der Nordspitze Dänemarks, in einer der meistbefahrenen Schiffsrouten Europas.

Jedes Jahr werden über 640.000 Tonnen Fischernetze und Fischerleinen unsachgemäß im Meer entsorgt oder gehen als sogenannte Geisternetze verloren. Dieses gefährliche Treibgut wird zur tödlichen Falle für Hunderttausende von Meerestieren.

Der gestrandete Buckelwal verfing sich irgendwo auf seiner Wanderung in dem Netz. Wahrscheinlich behinderte es seine Beweglichkeit und schwächte ihn. Schließlich geriet er in Gewässer, die er ohne dieses Handicap und seine fortgeschrittene Orientierungslosigkeit gemieden hätte.

Die Ostsee ist für Buckelwale kein geeigneter Lebensraum. Es mangelt an geeigneten Nahrungsquellen, das Wasser ist nicht salzig genug und es gibt nur einen einzigen Weg zurück in die Nordsee und damit in den Atlantik.

300.000 tote Wale, die niemand sieht

Täglich verfolgten Millionen Menschen diverse Medien, um zu sehen, wie es dem Wal geht. Diese Anteilnahme ist menschlich und richtig. Wir brauchen sie viel öfter. Denn jedes Jahr sterben rund 300.000 Wale und Delfine weltweit ähnlich qualvoll, weil sie sich in Fischereigeräten verfangen. Die meisten von ihnen sterben allein und ohne dass überhaupt jemand davon erfährt.

Das Schicksal des Wals in der Wismarer Bucht wurde in Echtzeit dokumentiert, durch Nachrichtenticker und Liveschaltungen. Die Schweinswale, deren abgetrennte Flossen letztes Jahr in der Lübecker Bucht angespült wurden – vermutlich herausgeschnitten aus Stellnetzen, zerstückelt ins Meer zurückgeworfen – bekamen keine Schlagzeile. Das sagt etwas über unsere Wahrnehmung. Und es sagt etwas über unser System. 

Grundschleppnetzfischerei und Stellnetze sind hoch zerstörerisch und kommen noch immer in Schutzgebieten zum Einsatz. Das ist nicht das Versagen einzelner Fischer. Das ist das Versagen einer Ordnung, die wirtschaftliche Interessen über das Überleben von Ökosystemen stellt.

Über Jahrzehnte wurde die Ostsee massiv überfischt. Die Populationen von Dorsch und Hering sind kollabiert. Und dennoch entschieden die EU-Staaten im Oktober 2025, Ausnahmen für den Heringsfang beizubehalten.

Die ungezügelte Verbrennung von Kohle, Öl und Gas erhitzt zudem die Ozeane in einem Tempo, das die marinen Ökosysteme destabilisiert. Arten werden schneller vernichtet, als wir sie erfassen können.

Leben in der Ostsee wird durch Plastik, Gifte und Gülle erstickt. Nährstoffeinträge aus der industriellen Landwirtschaft schaffen immer mehr Totzonen, deren Ausdehnung mit steigenden Wassertemperaturen wächst. Diese drei menschengemachten Krisen sind nicht getrennt. Sie entspringen ein- und demselben systemischen Fehler. Der gestrandete Wal musste ihre Konsequenzen alle auf einmal mit seinem geschwächten Körper tragen.

Schöpfungsbewahrung ist Auftrag an Politik und Wirtschaft

Es gibt einen Begriff, der in politischen und wissenschaftlichen Debatten selten fällt, der aber präziser ist als jedes Effizienzargument: Bewahrung der Schöpfung. Es geht dabei um die Überzeugung, dass wir als Menschen nicht Eigentümer der Erde sind, sondern ihre Hüter.

1981 entrollten Greenpeace-Aktivist:innen ein Banner mit der Weissagung der Cree: "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann." Treffender kann die Situation heute nicht beschrieben werden.

Klassiker der Umweltbewegung, hier bei einer Klima-Demo am Bundeswirtschaftsministerium. (Bild: Leonhard Lenz/​Wikimedia Commons)

Der gestrandete Wal fragt uns, ob wir in den letzten 45 Jahren irgendetwas gelernt haben. Die Antwort, die wir durch Politik, durch Wirtschaft und durch unseren überbordenden Konsum geben, ist bislang: Nein.

Die Sorge um den Wal, dessen Schicksal ungewiss bleibt, muss politisches und wirtschaftliches Handeln nach sich ziehen.

Am 17. Januar 2026 feierten Greenpeace und viele andere Meeresschützer einen historischen Erfolg: Das UN-Hochseeschutzabkommen ist nach 20 Jahren intensiver Bemühungen in Kraft getreten.

Deutschland verpflichtete sich im Rahmen des Biodiversitätsabkommens, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Meeresfläche effektiv zu schützen. Mindestens die Hälfte dieser Gebiete muss frei von wirtschaftlicher Nutzung sein. Das ist kein Idealismus und keine Naturschutzromantik, sondern die Mindestanforderung der Wissenschaft. 

Doch Verträge allein stoppen keine zerstörerische Industrie. Großflächige Schutzgebiete sind in Nord- und Ostsee bereits ausgewiesen, doch erlauben sie weiterhin die schädlichen Nutzungen in erheblichem Umfang. Diese Schutzgebiete verdienen ihren Namen nicht.

Denn Schutzgebiete, in denen weiterhin Grundschleppnetzfischerei und andere destruktive Aktivitäten stattfinden, sind keine Schutzgebiete. Das ist Etikettenschwindel. Fünf deutsche Meeresschutzgebiete gehörten laut Satellitendaten-Analysen von 2020 zu den zehn am stärksten mit Grundschleppnetzen befischten Gebieten in der gesamten EU – darunter ausgerechnet das Weltnaturerbe Wattenmeer.

Strukturen, die Katastrophen erzeugen, dürfen nicht bleiben

All das heißt, Deutschland ist überhaupt nicht auf Kurs. Auch die Fischereiwirtschaft muss eine 180-Grad-Wende vollziehen. Nachhaltigkeit ist keine Zumutung, sie ist schlicht eine Frage des Überlebens.

Fangverbote für gefährdete Arten sind unerlässlich, damit sich die Bestände erholen können. Denn Fischbestände in den Meeren füllen sich nicht auf wie Regale im Supermarkt. Wer so weitermacht wie bisher, zerstört nicht nur das Ökosystem. Er zerstört die eigene Branche.

Die Geschichte des gestrandeten Wals in der Ostsee berührt uns, weil wir sein Leid erkennen. Dieses Mitgefühl ist eine starke Kraft. Lenken wir sie so, dass sie etwas bewirkt. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass sie mit ihrem Fischkonsum die Ökosysteme in der Nord- und Ostsee beeinflussen. Jede Kaufentscheidung ist auch eine politische Entscheidung.

Die Helfer:innen an der Ostseeküste haben in den vergangenen Tagen und Wochen alles gegeben. Greenpeace-Haupt- und ‑Ehrenamtliche, Sea Shepherd, Wissenschaftler:innen, Behörden, Polizei und Feuerwehr haben mit Baggern, Schlauchbooten und nackter Erschöpfung versucht, einen Wal zu retten. Millionen haben mitgefiebert. Das war richtig. Doch es reichte nicht.

 

Wir können nicht immer wieder Bagger schicken und Netze abschneiden, während die Strukturen, die diese Katastrophen erzeugen, unangetastet bleiben. Wir müssen das Ruder herumreißen, nicht nach der nächsten Wahl, nicht nach dem nächsten Expertenbericht, nicht nach dem nächsten gestrandeten Wal, sondern jetzt sofort!

Dieser Wal hat nicht wegen eines unglücklichen Irrtums der Natur gelitten. Er erkrankte an den Folgen eines jahrzehntelangen Irrtums der Menschheit: der Annahme, dass wir die Meere, das Klima und die Natur ausbeuten können, ohne einen hohen Preis zu zahlen.

Der Preis wird nun fällig. Ein Wal in der Ostsee hat ihn bezahlt. Wir sollten auf ihn hören.

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