Ein Segelschiff fährt auf dem Meer und liegt schräg, von Deck wurden ein Segel und etwas Takelage aufgenommen.
Im Ärmelkanal drückt der Wind gegen die Segel. (Bild: Kathrin Henneberger)

Das Schiff liegt schief. Über einen Tag lang drückt uns der Wind von Backbord gegen die Segel, während wir Kurs durch den Ärmelkanal an der europäischen Küste entlang Richtung Portugal halten.

Das Deck, die Treppen, die Herdplatte – alles neigt sich, als wären wir auf einem steilen Berghang. Ich rolle fast aus meiner Koje für die Morgenschicht um vier Uhr und werde erstmal seekrank. Jeder Körper reagiert unterschiedlich, und manchmal muss er sich eben an besonders starkes Schaukeln gewöhnen. Meine Hände prickeln, als wären sie eingeschlafen, mein Körper verwandelt sich in eine kraftlose Gummipuppe.

Ich habe Glück. Mein Schichtkollege wird nicht seekrank, bringt mir Wasser und Tabletten dagegen. Langsam kommt Gefühl in meine Hände zurück, und mit sturköpfiger Willenskraft kann ich meinen Körper zwingen, Regenkleidung und Sicherheitsweste (die sich automatisch mit Luft füllt, sollte ich ins Wasser fallen) überzuziehen und die Leiter aus dem Schlafraum nach oben zu klettern. Es stürmt, regnet, und alles schwankt – in Schieflage.

Mit dem Karabiner in der Sicherheitsleine eingeklinkt, geht es über das Deck zum Steuer, wo die zwei anderen Crewmitglieder und der Erste Offizier, mit denen ich die Schicht teile, schon eisern Kurs am Ruder halten und gleichzeitig auf Windrichtung, Wellengang, andere Schiffe und flatternde Segel achten.

Die erste Stunde verbringe ich noch eingesunken und an die Sicherheitsleine gekettet auf Deck. Der Regen weckt mich, die Tablette wirkt, mein Körper justiert sich neu – alles ist Gewöhnungssache.

Die Seekrankheit verfliegt so schnell wie gekommen. Ein plötzlicher Adrenalinschub sorgt für ein Gefühl euphorischer Hyperaktivität, als hätte ich einen vierfachen Espresso getrunken. Ich kann das Steuer übernehmen und verstehe jetzt – als Landmensch –, warum Segeln auf hoher See so süchtig machen kann wie das Erklimmen von Berggipfeln.

In der Dunkelheit der Nacht schäumt die See um uns, heben uns die Wellen und drückt uns der Wind über das Wasser – fast fühlt es sich wie fliegen an. Ohne Motor sind wir seit dem Auslaufen aus Amsterdam unterwegs, ohne den Verbrauch fossiler Brennstoffe, nur mit der Kraft des Windes und passend gesetzter Segel. Und solange sich Sturmböen nicht in einen Tornado verwandeln, werden wir es sicher bis Freitag nach Lissabon schaffen.

Die fossile Flotte steuert in den Orkan

Ein stabiles Klima in den letzten 10.000 Jahren, weniger Wetterextreme, haben es ermöglicht, dass Landwirtschaft betrieben, Städte gebaut und Gesellschaften und Staaten sich entwickeln konnten – und eben auch, dass Menschen die See bereisen können, so wie wir es gerade tun. 

Diese Epoche ist als Holozän bekannt – und wir verlassen sie nun, wie erst kürzlich der Bericht über die planetaren Grenzen verdeutlichte.

Eine fossile Flottille aus dröhnenden Speedbooten, Jachten der Superreichen, überdimensionierten Kreuzfahrt- und Containerschiffen lässt die ganze Menschheit in einen Orkan dampfen, aus dem es – einmal von ihm erfasst – kein Entrinnen mehr gibt. 

Porträtaufnahme von Kathrin Henneberger.
Bild: privat

Kathrin Henneberger

ist Klimaaktivistin und ehemalige Bundes­tags­abgeordnete der Grünen und engagiert sich seit vielen Jahren in der Klima­gerechtigkeits­bewegung. Als Teil der "Flotilla 4 Change" schreibt sie für Klima­reporter° eine Gast­beitrags-Serie auf dem Weg zur Klima­konferenz COP 30 in Brasilien sowie vom Gipfel selbst.

Die Deutsche Physikalische Gesellschaft und die Deutsche Meteorologische Gesellschaft warnen in einem gemeinsamen Aufruf vor den Gefahren einer "beschleunigten Erderwärmung". Bereits um das Jahr 2050 könnten drei Grad über dem vorindustriellen Niveau erreicht werden – mit verheerenden Auswirkungen für die ganze Menschheit.

Die Expert:innen rufen eindringlich die Politik zum Handeln auf und fordern mehr Maßnahmen für den Ausstieg aus der Verbrennung fossiler Energien. Das Erschreckende: Schon vor knapp 40 Jahren hatten sie einen ähnlichen Aufruf an die Politik geschrieben.

Auch wenn die Milliardäre und ihre fossilen Investitionen Hauptverursacher der Klimakrise sind, werden nicht ihre Jachten als Erstes von den Auswirkungen der Klimakatastrophe zerstört werden. Sondern es werden die Gemeinschaften, Kulturen und Lebensgrundlagen der Menschen sein, die am wenigsten Treibhausgase verursachen und die sich am wenigsten vor den Folgen schützen können: pazifische Inseln, die im Meer versinken, Regionen in der Sahelzone Afrikas, die aufgrund immer stärker werdender Hitzewellen unbewohnbar werden, oder Gletscher in den Anden und im Himalaya, die schmelzen und Trinkwasserverfügbarkeit von Millionen Menschen gefährden.

All das passiert bereits. Die Klimakrise ist schon lange kein fernes Zukunftsszenario mehr. Und die Politik reagiert derzeit wie eine Crew, die die Segel falsch setzt – und das noch in voller Absicht und im Wissen um den Sturm tut, der das Schiff schlussendlich kentern lassen wird. 

Auf dem Klimagipfel hat nicht jede Stimme gleiches Gewicht

Unser Erster Offizier trifft Entscheidungen über Kurskorrekturen und das Setzen der Segel anhand von Windstärke und ‑richtung sowie Meeresströmungen. So wie die Politik eigentlich ihre Entscheidungen auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse des Weltklimarates IPCC ausrichten sollte – mit dem Ziel, allen Menschen auf diesem Planeten ein gutes Leben in einer weiterhin stabilen Klimalage zu sichern.

Die Entscheidungen auf den UN-Klimakonferenzen, den COPs, gehen deshalb jeden Menschen auf der Erde existenziell etwas an. Doch obwohl jedes Land eine Stimme hat und Entscheidungen im Konsens getroffen werden, werden die Bedürfnisse und Perspektiven der Menschen, die am stärksten von der Klimakrise betroffen sind, nicht gleichwertig berücksichtigt.

Einige wenige Staaten, die noch vom Status quo der fossilen Verbrennung finanziell profitieren, und ihre politischen Verbündeten haben nach wie vor den entscheidenden Einfluss und können progressive und menschenrechtsbasierte Entscheidungen blockieren.

Auf jeder COP sowie bei den Zwischenverhandlungen versuchen Vertreter:innen von Menschen aus den am stärksten betroffenen Regionen, aus indigenen Gemeinschaften, marginalisierten Gruppen sowie junge Menschen sich besonders Gehör zu verschaffen. Sie organisieren sich über die indigene Plattform, in Netzwerken von Queerfeministinnen bis zu Kleinbäuer:innen sowie über Fridays for Future.

Kathrin Henneberger und Hilda Nakabuye schauen gut gelaunt in die Kamera.
Hilda Nakabuye (rechts) hat Fridays for Future Uganda gegründet. Die Autorin besuchte sie vor zwei Jahren, um sie zu unterstützen. (Bild: Kathrin Henneberger)

Hilda Nakabuye, Gründerin von Fridays for Future Uganda, war bereits mehrfach auf Weltklimakonferenzen. Die Reise dorthin zu organisieren und zu finanzieren, ist dabei immer ein enormer Aufwand. Doch die jungen Aktivist:innen haben – anders als so manche Politiker:in in Regierungsämtern oder auch im Bundestag – die Berichte des IPCC gelesen und erleben die bedrohlichen Auswirkungen der Klimakrise und des fossilen Raubbaus in ihren Regionen ganz konkret.

In Uganda erschließt der europäische Energiekonzern Total Energies neue Erdölfelder, und die Rohölpipeline EACOP wird 1.400 Kilometer durch Uganda und Tansania bis ans Meer gebaut. Das schwere Rohöl wird für den Transport auf rund 50 Grad erhitzt. Etwa hunderttausend Menschen werden zwangsweise umgesiedelt. Die Ölförderung macht selbst vor dem Murchison-Falls-Nationalpark am Albertsee nicht halt.

"Die Fossilen müssen im Boden bleiben!"

Zusammen mit Hilda Nakabuye besuchte ich vor zwei Jahren betroffene Dörfer und sprach mit den Menschen, die selbst kaum Zugang zu Strom haben, aber für den Ölhunger der Industrieländer ihr Zuhause, ihre Dörfer und Felder verlieren.

Anwohner:innen und Aktivist:innen, die versuchen, sich gegen das fossile Megaprojekt zu wehren, müssen mit Repression, staatlicher Willkür und Festnahmen rechnen. Es ist fossile koloniale Ausbeutung, die gerade auch von europäischen Konzernen wie Total und Shell immer noch vorangetrieben wird.

Auf den Weltklimakonferenzen nehmen sich Menschen aus den betroffenen Regionen den Raum, genau dies zu thematisieren, dagegen zu protestieren und von der Weltgemeinschaft ein Ende des fossilen Extraktivismus einzufordern. "Auf der nächsten Weltklimakonferenz müssen die Regierungen sich dazu verpflichten, dass fossile Rohstoffe im Boden bleiben", ist eine zentrale Forderung, die Hilda Nakabuye erhebt.

"Unternehmen müssen Verantwortung übernehmen für die Zerstörung, die sie an Gemeinschaften und am ganzen Planeten anrichten", das ist ihr Ziel – und auch unseres. Bei der COP 30 in Brasilien werden wir uns hoffentlich wiedersehen und gemeinsam mit vielen anderen Aktivist:innen vor Ort politischen Druck aufbauen.

 

Der Wind weht gerade aus Norden, unser Kurs liegt bei 180 Grad Süd, die großen Segel sind wie Schmetterlingsflügel aufgespannt – eins backbord, eins steuerbord – und in Lissabon warten bereits weitere Klimaaktivist:innen, die mit der "Flotilla 4 Change" über den Atlantik setzen wollen.

Delfine schwimmen vor unserem Bug, graue Schatten in der Nacht, während die Dinoflagellaten magisch glitzern – unsere Welt ist zu schön, um sie kampflos aufzugeben.

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