Mt den Solaranlagen auf dne Dächern wachsen auch die Unfallrisiken. (Bild: Christian Ahrens/​BG BAU)

Wer eine Solaranlage auf dem Dach hat, fragt sich im Winter, ob die Module nach Schneefall freizuräumen sind. Einschlägige Portale raten dazu, aufs Freifegen zu verzichten, weil die Sonne in der kälteren Jahreszeit weniger scheint. Selbst in schneereichen Regionen erreichten die Stromverluste nur fünf Prozent der Jahresleistung.

Wer den Schnee trotzdem von den Modulen haben will, dem wird eindringlich vor Betreten des Dachs abgeraten. Das sei zu gefährlich. Am besten sei es, Schnee mit einer Teleskopstange und weichem Besen wegzufegen.

Wird Photovoltaik auf Dächern installiert oder gewartet, müssen diese natürlich betreten werden. Dabei passieren dann die folgenreichsten Unfälle. Solarteure oder andere Beschäftigte stürzen vom Dach – oder, was laut Statistik häufiger passiert, durch Dachöffnungen, meist aufgrund ungesicherter oder nicht trittsicherer Lichtkuppeln. Das zeigt die jüngste Unfallbilanz der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau).

Die Berufsgenossenschaft und der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) starteten jetzt die Initiative "Sicher auf dem Dach", um für Absturzrisiken zu sensibilisieren und über geeigneten Schutz aufzuklären.

Unfallzahlen zeigen nicht das ganze Bild

Das scheint dringend geboten. Bis Ende Oktober wurden der BG Bau in diesem Jahr bundesweit fast 6.200 Absturzunfälle gemeldet. Beschäftige fallen von Gerüsten, Leitern, Hebebühnen oder hoch gelegenen Arbeitsplätzen und häufig eben vom oder durch das Dach, erklärte BG‑Bau-Geschäftsführer Michael Kirsch Ende November bei einem Medientermin.

In dem Zehn-Monats-Zeitraum endeten dabei laut der Berufsgenossenschaft 26 Unfälle tödlich. Davon gingen 14 auf Dach-Abstürze zurück. Drei dieser Absturzunfälle standen nach den Angaben im Zusammenhang mit Photovoltaik-Anlagen, speziell mit deren Montage oder Reinigung.

An der Unfallhäufigkeit im Bereich der BG Bau hat sich in den letzten Jahren wenig geändert. Im Gesamtjahr 2024 gab es laut den Angaben 7.231 Absturzunfälle.

Auch sei die Zahl der tödlichen Abstürze mit jährlich 70 bis 75 im gesamten Zeitraum seit 2021 relativ hoch geblieben, räumte Michael Kirsch ein. Für ihn spielt dabei auch der anhaltende Solarboom eine Rolle.

Die Botschaft, der Solarboom würde die Zahl der Arbeiten auf Dächern und damit das Risiko von Absturzunfällen steigern, vermitteln auch die Verbände selbst. Eine gültige Übersicht, wie stark sich das Unfallgeschehen durch den Photovoltaik-Ausbau auf Dächern tatsächlich ausgeweitet hat, gibt es aber nicht.

Ein Grund: Auch die Zahlen der Berufsgenossenschaft Bau zeigen nicht das ganze Bild. Der BG Bau gehören derzeit laut Geschäftsführer Kirsch 600.000 Betriebe mit 1,8 Millionen Vollzeitbeschäftigten sowie drei Millionen Versicherten an. Dazu zählten auch viele Solo-Selbständige sowie ausländische Beschäftigte.

Immer mehr Gewerke steigen aufs Dach

Wer tatsächlich aufs Dach steigt, ist aber schwer zu ermitteln. Bei den Solarteuren handelt es sich um kein festes Berufsbild. Verschiedenste Gewerke installieren mittlerweile Photovoltaik-Anlagen. Rund 100.000 Beschäftigte soll dieser Zweig laut dem Bundesverband Solarwirtschaft zählen, unter ihnen Dachdecker, Zimmerer, Elektriker und andere Handwerker.

Dass immer mehr Gewerke aufs Dach steigen, sei kein so neuer Trend, merkte dabei ZVDH-Geschäftsführer Ulrich Marx beim Medientermin an. Schon in den 1980er Jahren lautete ihm zufolge ein Werbespruch der Dachdecker-Branche: Vom Schutzdach zum Nutzdach.

Damals habe es erste Ansätze gegeben, den Spruch so richtig mit Leben zu erfüllen, meinte Marx. Mit der Energiewende sei es nun gang und gäbe, Dächer auch als Nutzfläche zu sehen – diese seien zu "aktiven Energie- und Klimaflächen" geworden, sagte er. Für ihn gehören hier auch sogenannte Gründächer dazu.

Man sehe mit Sorge, dass mit dem Photovoltaik-Boom zunehmend auch Nicht-Fachleute auf Dächer steigen, ohne sich der Gefahren wirklich bewusst zu sein, betonte Ulrich Marx. Dem wachsenden Unfall-Problem müsse man ernsthaft begegnen. Dazu gehörten mehr Kontrollen.

Besonders die Hausbesitzer sieht der ZVDH-Chef in der Pflicht. Es gebe immer irgendeinen, der eine Photovoltaik-Montage ohne Gerüst anbiete, so Marx – der Hauseigner habe es aber in der Hand, dies abzulehnen und zu sagen, er wolle sich nicht mitschuldig machen, wenn jemand von Dach falle, weil an der falschen Stelle gespart wurde.

Gewerbliche wie private Auftraggeber hätten darauf zu achten, dass Arbeiten auf Dächern fachgerecht ausgeführt werden, fordern die Verbände. So ließen sich Schäden für Beschäftigte, aber auch für Bewohner oder Vorbeigehende vermeiden.

Verbände wollen für Risiken sensibilisieren 

Robert Yates von der Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) wies seinerseits auf die begrenzte Reichweite der Verbändestrukturen hin. Viele Arbeitgeber würden erst gar nicht Mitglied werden und sähen Sicherheitskonzepte nur als ein notwendiges Übel, sagte er. Es gebe einfach "zu viele Cowboys da draußen".

Was die nötigen Kontrollen abgeht, verwies wiederum BG-Bau-Chef Kirsch auf die begrenzte Zahl der Kontrolleure. Für die Genossenschaft seien derzeit bundesweit etwa 540 Aufsichtsleute unterwegs. Da könne man auch nur "Nadelstiche" setzen, räumte er ein.

Mit ihrer "Sicher auf dem Dach"-Initiative wollen die Verbände nach eigener Aussage nun eine Sensibilisierungskampagne in den sozialen Medien mit neuen Sicherheitsmaterialien und Arbeitshilfen kombinieren. Geplant sei, in kurzen Beiträgen und Videos beispielsweise typische Gefahrensituationen auf Dächern aufzugreifen und sichere Arbeitsweisen vorzustellen. So wolle man Betriebe und Beschäftigte gleichermaßen für sicheres Arbeiten auf dem Dach gewinnen.

 

Im Frühjahr 2024 hatten die Verbände der Dachdecker und des Elektrohandwerks mit der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) sowie der BG Bau bereits eine Vereinbarung zur Installation von Photovoltaikanlagen auf Dächern abgeschlossen.

Diese sollte besonders die Dachdecker vor elektrischen Gefahren schützen und Sicherheitsanforderungen für das Betreten von Dächern auch durch E‑Handwerksbetriebe definieren, wurde mitgeteilt.

Auch für Elektro-Handwerker gilt dabei laut den Initiatoren: Werden sie bei der Montage von Solaranlagen schwer verletzt, handelt es sich fast immer um Absturz-Unfälle.