Die Strombranche erhielt kürzlich die Nachricht, zum 1. April dieses Jahres werde ein sogenanntes "Windhundverfahren" durch ein "Reifegradverfahren" abgelöst. Was nach Aprilscherz klingt, ist eine echte Umwälzung in der Branche.
Denn Anfang des Monats haben die vier großen Übertragungsnetzbetreiber Amprion, Tennet, Transnet BW und 50 Hertz ihr Vorgehen umgestellt, wie sie ein Begehren auf Netzanschluss behandeln.
Ob es sich um einen neuen Wind- oder Solarpark, einen Batteriespeicher oder ein Rechenzentrum handelt, die an das Netz angeschlossen werden wollen: Künftig geht es nicht mehr danach, wer den Antrag zuerst gestellt hat – entscheidend ist vielmehr ein sogenannter "Reifegrad".
2025 "stauten" sich nach den Angaben der vier Netzbetreiber mehr als 700 Anschlussbegehren mit einer Gesamtleistung von mehr als 270.000 Megawatt. Diese werden nun in einem umfangreichen Verfahren "sortiert", das sich über Monate hinzieht.
Dabei soll es drei Phasen geben – zuerst eine dreimonatige "Informations- und Antragsphase". Mit der Einreichung des Netzanschlussantrags beginnt Phase zwei, die im Stromdeutsch als "Clusterstudie mit reifegradbasierter Priorisierung" daherkommt.
In der dritten, der "Angebotsphase", haben die Interessenten dann einen Monat Zeit, das Anschluss-Angebot der Netzbetreiber anzunehmen – oder auch nicht.
All das schaffe eine "transparente Grundlage für die Priorisierung von Anschlussbegehren mit hoher Realisierungswahrscheinlichkeit", teilten die Netzbetreiber zum Start im April mit.
Bei den Anträgen kann die Spreu vom Weizen getrennt werden
Der Wechsel zum Reifegradverfahren sei "dringend erforderlich" gewesen, betonte 50‑Hertz-Vorstandschef Stefan Kapferer kürzlich bei der Bilanzpressekonferenz. "Wären wir beim alten Verfahren geblieben, wären innerhalb kürzester Zeit auch über 2030 hinaus alle verfügbaren Netzanschlüsse blockiert worden", sagte er.
Auch 50 Hertz sieht sich einer Vielzahl von Netzanschlussbegehren gegenüber. Letztes Jahr erteilte der Netzbetreiber nach den Angaben über 90 Anschlusszusagen, darunter für 26 Batteriespeicher, 42 Solar-Freiflächenanlagen sowie für elf Windparks an Land.
Doch reißt die Nachfrage nicht ab. Aktuell lägen Anträge für 140 Batteriespeicher, 17 Rechenzentren sowie zwei Elektrolyseure vor, teilte 50 Hertz mit.
Auch mit dem neuen "Reifegradverfahren" werde man aber nicht alle Fragen lösen können, stellte Kapferer klar. Zwar könne damit bei Anschlussbegehren die Spreu vom Weizen getrennt werden, das Verfahren schaffe aber nicht die Möglichkeit zu entscheiden, ob für eine Region Batteriespeicher besser sind als neue Rechenzentren oder ein weiterer Windpark.
Hier werde 50 Hertz, kündigte Kapferer an, mit der Politik reden, inwieweit diese den Mut habe, Kontingente für bestimmte Anschlussbegehren festzulegen, die dann bei der Erstellung des Netzentwicklungsplans als Bedarfe ausgewiesen werden.
Energiebranche setzt auf "Praxischeck"
Positiv bewertet der größte Energiebranchenverband BDEW das neue Reifegradverfahren. Es schaffe mehr Struktur, Planbarkeit und Transparenz und trage dazu bei, dass zuvorderst Anschlussvorhaben mit hoher Realisierungswahrscheinlichkeit und Systemdienlichkeit umgesetzt werden, erklärt der Verband auf Nachfrage.
Beim Windhundverfahren seien dagegen Projekte bevorzugt worden, die besonders zügig Anschlussanträge gestellt hätten, erinnert der BDEW. Nunmehr kämen Projekte, die besonders weit entwickelt sind, auch früher zum Zuge. Der nunmehrige "Praxischeck" werde zeigen, wie gut das Sortieren nach Reifegrad funktioniert, so der Verband.
Nach Überzeugung des BDEW ist das neue Verfahren vor allem für das Übertragungsnetz geeignet. In den Verteilnetzen hingegen sei die Vielfalt der Anschlussnehmer noch höher, gibt der Energiebranchenverband zu bedenken. Deswegen könnten dort andere Verfahren zu einem besseren Ergebnis führen. Der BDEW hat dazu Mitte 2025 eine Anwendungshilfe zur "Zuteilung von Entnahmeleistungen oberhalb der Niederspannung" vorgelegt.
Mit dem bisherigen Problemfokus auf die Überlandnetze gerät tatsächlich leicht aus dem Blick, dass über 90 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien heutzutage über die Verteilnetze fließen, und das mit steigender Tendenz. Damit erhalten auch die rund 860 Verteilnetzbetreiber eine neue, zentrale Rolle. Sie vor allem haben Erzeugung, Verbrauch, Speicher und Flexibilität zu einem intelligenten Gesamtsystem zu vernetzen.
Netzexpertin plädiert für weitere Reformen
Anke Weidlich sieht Deutschland mittlerweile in einer Phase der Energiewende, in der die fluktuierende Einspeisung der Erneuerbaren den Ton angibt. Allerdings könne das deutsche Stromsystem noch nicht gut genug damit umgehen, erklärt die Professorin für Technologien der Energieverteilung an der Uni Freiburg auf Anfrage.
Zwar nehme sich der bekannt gewordene Entwurf des sogenannten "Netzpakets" drängender, wichtiger Probleme an, aber um wirklich voranzukommen, seien größere Reformen nötig, betont die Netzexpertin. Weidlich plädiert hier für die Einführung von Marktregeln, die auch in einer Zukunft mit noch deutlich mehr Wind- und Solarstrom Bestand haben.
Aus ihrer Sicht wird immer deutlicher, dass lokal unterschiedliche Anreize für Ausbau und Betrieb der Erzeugung, aber auch der Lasten und Speicher gebraucht werden. "Am besten ließe sich das über regional differenzierte Preise erreichen, und zwar für alle Netznutzer, nicht nur für Neuanlagen", betont die Wirtschaftsingenieurin, die dem Direktorium des Akademieprojekts "Energiesysteme der Zukunft" angehört.
Die im Entwurf des "Netzpakets" vorgeschlagenen Maßnahmen haben für Weidlich vor allem das Ziel, die Netzprobleme kurzfristig zu reduzieren, ohne aber nötige größere Reformen anzustoßen. "Es werden eigene Regeln für neue Anlagen geschaffen, um Druck aus dem Kessel zu nehmen, während der Rest des Systems weiterbetrieben wird wie bisher", erläutert sie ihre Kritik.
Mit diesem Vorgehen würden Effizienz-Potenziale verschenkt, warnt Weidlich. Zudem bestehe die Gefahr, den Ausbau der Erneuerbaren abzubremsen, obwohl mehr Tempo zum Erreichen der Klimaziele nötig wäre. "Hierfür müsste man vor allem sicherstellen, dass der Netzausbau beschleunigt wird, statt den Netzbetreibern durch die Ausweisung kapazitätslimitierter Gebiete lediglich eine Atempause zu verschaffen", erklärt Weidlich.
Lokale Baukostenzuschüsse sind sinnvolles Instrument
Positiv bewertet die Netzexpertin hingegen die Vorschläge im Netzpaket-Entwurf zu den Netzanschlusskosten. Lokal differenzierte Baukostenzuschüsse für neue Anlagen hält sie für ein transparentes und gut planbares Instrument, um den Erneuerbaren-Ausbau sinnvoll zu lenken. Diese einmaligen Zuschüsse zu Beginn einer Investition schafften auch keine neuen Unsicherheiten, schätzt sie ein. Damit würden auch die Finanzierungskosten nicht steigen.
Weidlich begrüßt auch das Aufräumen bei den ineffizienten Vergabeprozessen für neue Netzanschlüsse. Die Schaffung eines klaren Verfahrens zur Priorisierung der Anschlussbegehren und die Digitalisierung der Verfahren sind für sie längst überfällig.
Skeptisch sieht die Netzexpertin im Moment die Bewältigung der Netzengpässe im Übertragungsnetz. Solange der Strommarkt in Deutschland als "Kupferplatte" betrachtet wird, werde es Redispatch-Kosten geben, erklärt Weidlich. Zwar werde das Problem durch Netzausbau gelindert, komplett würden Netzengpässe aber nicht verschwinden. Das sei in gewissem Umfang auch günstiger, als noch mehr Netze zu bauen, die ja ebenfalls teuer seien.
Weidlich plädiert in dem Zusammenhang dafür, Netzengpässe direkt im Strommarkt zu berücksichtigen. Dann könnten diese kostenoptimal vermieden werden. Dazu könne in Deutschland die bisherige einheitliche Gebotszone aufgeteilt oder sogar an jedem Netzknoten ein Preis bestimmt werden, ein sogenannter Knotenpreis. "An diesen Preisen würden dann alle Marktteilnehmer ihren Betrieb ausrichten, nicht nur Neuanlagen", erläutert die Forscherin.
Da derzeit beide Varianten – mehrere Gebotszonen wie Knotenpreise – politisch ausgeschlossen werden, werde nach Ersatzlösungen gesucht, merkt Weidlich an. "Wir laufen hierbei jedoch Gefahr, ein Geflecht an Regeln zu erschaffen, das in der Summe komplizierter und aufwändiger ist als die Einführung von Knotenpreisen und das trotzdem schlechtere Anreize setzt."
Wenn Netzbetreiber zum Beispiel künftig Leistungsbänder vorgeben oder den Handel einschränkten – wie ebenfalls im Netzpaket-Entwurf vorgeschlagen wird –, beschneide das die Freiheitsgrade m Markt, warnt sie eindringlich.
