Der Länderrat von Bündnis 90/Die Grünen hat sich für regionale Preissignale auf dem Strommarkt ausgesprochen. "Regionale Preissignale machen Wind- und Sonnenstrom dort günstig, wo die Anlagen stehen – effizienter, günstiger, mit direkter Teilhabe", heißt es in einem Leitantrag, den die Delegierten des "kleinen Parteitags" Ende Juni in Sassnitz beschlossen.

Damit zielt die Partei auf tiefgreifende Veränderungen des Strom-Großhandelsmarkts. Hier werden bisher einheitliche Preise für ganz Deutschland (und Luxemburg) ermittelt. Diese Einheitspreise stehen allerdings in einem wachsenden Widerspruch zur tatsächlichen Situation in den Regionen, der sich mit dem weiteren Ausbau erneuerbarer Energien noch verstärken kann.

 

Im Norden und Osten gibt es oft ein Überangebot von Solar- und Windstrom. Dennoch gelten hier die gleichen Strom-Großhandelspreise wie im verbrauchsstarken Süden und Westen, wo es eher zu Strommangel kommt. Diese Ungleichgewichte können nur teilweise durch überregionale Stromtransporte ausgeglichen werden, weil es Engpässe im Übertragungsnetz gibt.

Doch die Betreiber der großen Übertragungsnetze sind verpflichtet, den im Stromhandel verkauften preiswerten Strom aus dem Norden und Osten jederzeit in den Süden und Westen auszuliefern. Um das trotz der physikalischen Netzengpässe tun zu können, müssen sie ein "Engpassmanagement" betreiben. Dies ist auch als Redispatch bekannt.

Dabei handelt es sich um einen virtuellen Stromtransport über die Netzengpässe hinweg, bei dem Kraftwerke vor dem Engpass heruntergefahren und hinter dem Engpass hochgefahren werden. Diese Methode war im Jahr 2025 mit Kosten von 3,1 Milliarden Euro verbunden, die von den Stromverbraucherinnen und ‑verbrauchern bezahlt werden müssen. Außerdem führt sie zu einem zusätzlichen Treibhausgasausstoß.

Günstiger Grünstrom soll besser genutzt werden

Regionale Preissignale könnten es hingegen ermöglichen, den grünen Strom in Zeiten des regionalen Überangebots zu verbilligen und damit seinen Verbrauch zu fördern. Damit könnten beispielsweise günstige Bedingungen dafür entstehen, Elektrolyseure für die Produktion von grünem Wasserstoff in nördlichen und östlichen Regionen anzusiedeln.

Umgekehrt würden die regionalen Preissignale in Strommangel-Regionen wirksame Anreize geben, den Verbrauch zu senken und neue Stromerzeuger zu bauen. So könnte es gelingen, den Mangel zu dämpfen und die Redispatchkosten zu begrenzen. In mehreren Ländern Europas und anderer Erdteile wird das bereits seit vielen Jahren praktiziert.

Schon lange wird auch in Deutschland über eine Aufteilung der großen Strom-Gebotszone diskutiert, damit regionale Preissignale wirken können. Die norddeutschen Bundesländer Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern setzen sich seit Jahren dafür ein. Vor wenigen Tagen sprach sich auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) für regionale Strompreise aus.

Starke Widerstände dagegen gibt es in den süd- und westdeutschen Ländern Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland. Sie rechnen mit höheren Strompreisen in ihren Regionen. Deswegen müsste eine solche marktwirtschaftliche Reform sozial- und wirtschaftspolitisch gerecht mit wirksamen Entlastungen für betroffene Verbrauchergruppen verbunden werden.

In der Bundespolitik wird die einheitliche Strom-Gebotszone – oft auch als Strompreiszone bezeichnet – bisher mit großer Vorsicht behandelt. Die aktuelle Bundesregierung von CDU, CSU und SPD hält in ihrem Koalitionsvertrag ausdrücklich an ihr fest.

"Netze entlasten und industrielle Kerne erhalten"

Der grüne Länderrat formuliert seine Überlegungen zu regionalen Preissignalen deshalb auch mit einigen Leitplanken:

"Die genaue Zahl der Regionen beziehungsweise auch ein langfristiger Übergang zu knotenscharfen Preisen (Nodal Pricing) ist dabei so zu gestalten, dass der Zuschnitt die Netze entlastet, die Systemsicherheit und Stabilität stärkt, unsere industriellen Kerne erhält, neue Produktionen ermöglicht und den Markt liquide hält. Eine Aufteilung in nur zwei Gebotszonen lehnen wir klar ab: Anders als ein netzscharfer Zuschnitt folgt sie keiner Engpassgrenze, sondern einer politischen Linie – sie würde das Land spalten, ohne die Kostenvorteile für alle zu heben."

Dunkelgrüner Strommast von unten gesehen.
Strommast im Hochspannungsnetz: Die Grünen wollen einer Strompreiszonen-Reform politischen Rückenwind verschaffen. (Bild: Martin Vorel/​Libreshot)

Für die Grünen wäre es demnach denkbar, zunächst drei oder mehr Gebotszonen einzurichten. Einen Vorschlag für fünf Gebotszonen hatten die Betreiber der großen europäischen Strom-Übertragungsnetze im April 2025 vorgelegt. Damit wollten sie den europaweiten Stromhandel erleichtern und Mehrkosten durch Netzengpässe vermeiden.

Wie verbindlich dieser Vorschlag der Netzbetreiber ist, wird von den zuständigen europäischen Behörden und von der Bundesregierung unterschiedlich bewertet. Das Bundeswirtschaftsministerium legte im Dezember 2025 einen aktualisierten "Aktionsplan Gebotszone" vor, mit dem die Netzengpässe reduziert werden sollen. Eine Aufteilung lehnt es ab.

Unterdessen diskutiert die Fachwelt sogar schon über weitergehende Modelle. So könnten die Preise im Strom-Großhandel langfristig auch noch kleinteiliger an den großen Knotenpunkten der Stromnetze – also "knotenscharf" ermittelt werden.

Dieses nodal pricing wird heute bereits in den USA praktiziert. Wie es in Deutschland umgesetzt werden könnte, hat die Denkfabrik Agora Energiewende an einem vereinfachten Modell untersucht.

Ein Thema für die Landtagswahlen

Die Idee von regionalen Preissignalen und Strom-Gebotszonen wollen die Bündnisgrünen nun in den kommenden Wahlkämpfen offensiv vertreten. Das kündigt der stellvertretende Bundesvorsitzende Sven Giegold im Gespräch mit Klimareporter° an.

Im September finden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern statt. In beiden Ländern ist die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien schon weit fortgeschritten. Giegold weist darauf hin, dass die hier installierten Wind- und Solarparks meistens Eigentümern aus anderen Gegenden Deutschlands oder Europas gehören.

"Die Menschen vor Ort haben davon bisher wenig Vorteile", sagt der Wirtschaftspolitiker. "Mithilfe dieses Vorschlags könnten alle einen Vorteil davon haben, wenn in ihrer Region viel erneuerbarer Strom produziert wird. Ich glaube schon, dass das viele Menschen interessiert."

Giegold kommt aus Niedersachsen. Regionale Strompreiszonen sind hier nach seiner Erfahrung ein großes Thema, ebenso im benachbarten Schleswig-Holstein. "Wir haben in erneuerbare Energien investiert und könnten in etlichen Regionen längst direkt aus Netzstrom grünen Wasserstoff herstellen", argumentiert er. "Das wäre ein großer industrieller Vorteil für ganz Deutschland."

 

Dass sich bisher alle großen Parteien bei diesem Thema zurückgehalten haben, führt er auf unterschiedliche regionale Interessen zurück. Dabei weist er darauf hin, dass sich zuletzt auch die Linkspartei in einem Bundestags-Antrag dafür ausgesprochen hat, die einheitliche Strom-Gebotszone aufzuteilen.

"Damit gibt es jetzt zwei Parteien, die dafür eintreten. Das wird sicherlich sehr viele andere Akteure beeinflussen, die sich das bisher nicht getraut haben", glaubt der Politiker.

Gleichzeitig erkennt er veränderte Positionen in der Energiewirtschaft: "Die vier Übertragungsnetzbetreiber haben sehr klar gesagt, dass es mit dem einheitlichen Strompreis nicht mehr so weitergehen kann. Die Schwierigkeiten beim Redispatch werden einfach zu groß." 

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