"Trompetender Engel" von Anatolij Hajdamaka auf dem Friedhof der Liquidatoren in Tschernobyl. (Bild: Inna Dudnik/​Wikimedia Commons)

Atomkraft – eine faszinierende Idee. Theoretisch. "Atoms for Peace", nach dem Zweiten Weltkrieg ausgerufen von US-Präsident Eisenhower, verband sich mit der kühnen Erwartung, Strom könne so billig werden, dass Stromzähler überflüssig seien. Eine Vision grenzenloser, sauberer Energie, technisch hochstehend und politisch verheißungsvoll.

Doch diese Hoffnungen bekamen bald einen massiven Dämpfer. Zunächst das Beinahe-Desaster im US-Reaktor Harrisburg 1979, dann aber vor allem der Super-GAU in Tschernobyl bei Kiew – vor nun 40 Jahren.

Die Zerstörung von Reaktorblock 4 mit dem mehrere tausend Kilometer weit reichenden Fallout markierte einen Einschnitt, von dem sich die Atomindustrie nie wieder erholt hat. Die Bilder des verzweifelten Kampfes der "Liquidatoren" in der verstrahlten Ruine, die Evakuierung einer ganzen Region, die Folgen der radioaktiven Wolke auch über Westeuropa – all das brannte sich tief ins kollektive Gedächtnis ein.

Seither ist die Bilanz der Atomindustrie im Westen ernüchternd: Nur noch wenige AKW wurden neu bestellt und gebaut, und wenn, dann, wie in Frankreich, Finnland und Großbritannien, zu horrenden Kosten und mit Bauzeiten von weit über zehn Jahren.

Der Anteil der Atomkraft an der weltweiten Stromproduktion hat sich seit seiner Hochzeit etwa halbiert. Ohne die rege Neubautätigkeit in China wäre er noch deutlich stärker abgesackt. Außerhalb Chinas verminderte sich die Atomstromproduktion in den letzten 20 Jahren um 14 Prozent – immer mehr Reaktoren gehen aus Alterungsgründen vom Netz, nur wenige neue folgen.

Das sind Fakten, die auch unverbrüchliche Fans der Atomkraft nicht wegdiskutieren können. Die "friedlichen Atome" haben sich in eine Technologie verwandelt, die ökonomisch immer schwerer zu rechtfertigen ist.

Was wollen Söder, Spahn und Co erreichen?

Und dennoch wird in jüngster Zeit wieder verstärkt eine Renaissance der Atomkraft proklamiert, vorgeblich aus Klima- und neuerdings auch Energiesicherheits-Gründen. Frankreich zum Beispiel plant eine ganze Serie neuer Großreaktoren, Schweden hat seinen Ausstiegsplan revidiert, Italien und Polen wollen neu einsteigen.

Doch Pläne bauen noch keine Reaktoren. Es ist derzeit nicht absehbar, wie diese Vorhaben ohne gewaltige staatliche Subventionen umgesetzt werden sollen und vor allem auch rechtzeitig genug, um die Klimaziele zu erreichen. Die Realität – technische Probleme, Kostenexplosionen, Verzögerungen – spricht eine andere Sprache.

Auch die neuerdings viel gepriesenen innovativen, seriengefertigten Mini-AKW, sogenannte Small Modular Reactors, haben bislang nicht gezeigt, dass sie liefern können, was ihre Fans versprechen: umfassende Sicherheit zu konkurrenzfähigen Kosten. Das meiste steht erst auf dem Papier, finale Genehmigungen gibt es nirgends, Prototypen Fehlanzeige, von Fabriken zur Serienfertigung ganz zu schweigen.

Selbst wenn das SMR-Konzept im nächsten Jahrzehnt aufgehen sollte, wird die derzeit laufende Erneuerbare-Energie-Revolution bis dahin den Strommarkt so sehr verändert haben, dass die Mini-AKW gar nicht mehr hineinpassen werden. In Deutschland zum Beispiel sollen Sonne, Wind und Co in fünf Jahren bereits 80 Prozent des Stroms liefern, und 100 Prozent bis 2035 gelten als machbar.

 

Führende Unionspolitiker wie Markus Söder und Jens Spahn, die den Atomausstieg nach Fukushima vor 15 Jahren mitbeschlossen haben, stoßen trotzdem Debatten über neue SMR made in Germany (Söder) oder eine Reaktivierung der drei zuletzt stillgelegten, seit 2023 bereits im Rückbau befindlichen AKW (Spahn) an.

Es sind Scheindebatten fern der Realität, bei denen die Super-GAU-Gefahr und die Atommüll-Problematik konsequent ausgeblendet werden. Eine ehrliche Antwort auf die Frage, warum sie das tun, ist überfällig.

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