Kann es das geben? Ein Land ohne nennenswerte Wasserkraft, das die Kohle bis 2028 aus der Strom- und Wärmeerzeugung verbannt und sein Gasnetz bis 2030 vollständig auf erneuerbares Gas umstellen will. Ein Land, das nördlich von Deutschland liegt und trotzdem massiv Photovoltaik ausbaut.
Ein Land, in dem aktuell rund 80 Prozent der neu zugelassenen Autos reine Batteriefahrzeuge sind und das den Ausbau der Offshore-Windkraft in der Praxis massiv vorantreibt. Und in dem die Strompreise zuletzt deutlich gesunken sind. Ja, das kann es geben. Und das Land grenzt direkt an Deutschland: Dänemark.
Lange war es in Deutschland still um die dänische Energiepolitik. Erst die Idee, die westdänische Strompreiszone mit Hamburg und Schleswig-Holstein zusammenzuführen, lenkt den Blick wieder über die Grenze.
Doch nur über die Verschiebung von Zonengrenzen zu diskutieren, greift zu kurz. Man muss das Konzept dahinter verstehen – denn der Unterschied zwischen Deutschland und Dänemark ist grundsätzlicher Art.
Dänemark: Konsens statt Kulturkampf
In Dänemark herrscht ein breiter gesellschaftlicher Konsens: Klimaschutz ist eine gemeinsame Aufgabe – und es muss dabei um machbare und für alle bezahlbare Lösungen gehen. Das ist nicht immer perfekt, wie der in den vergangenen Jahren hohe Biomasseeinsatz in den Wärmenetzen zeigt.
Aber genau diese Wärmenetze – die 69 Prozent der dänischen Haushalte versorgen – sind die Voraussetzung dafür, dass Windstrom auch in Erzeugungsspitzen sinnvoll genutzt werden kann: Großwärmepumpen verwandeln überschüssigen Strom in Wärme, statt Windräder abzuregeln.
So lässt sich die Wärmeversorgung gut und kostengünstig elektrifizieren, während der Einsatz der Biomasse nun sinkt, weil sie – vor allem in stromgeführter Kraft-Wärme-Kopplung – flexibel eingesetzt wird. Man denkt die Dinge zusammen und erzeugt so mehrfachen Nutzen.
Das gilt auch für die Elektromobilität: Die Batterien der Fahrzeuge können über intelligentes Laden und "Vehicle‑to‑Grid" die Stromnetze stabilisieren – ein Flexibilitätspuffer, der mit jeder Neuzulassung wächst und den Dänemark als eines der weltweiten Vorreiterländer bereits erprobt.
Deutschland: Silodenken und Überoptimierung
Dem steht das deutsche Silodenken gegenüber – und eine Tendenz zur Überoptimierung, wie sie sich gerade in den Debatten um den Ausbau der Stromnetze zeigt.
Statt jede seltene Erzeugungsspitze mit neuen teuren Kabeln ableiten zu wollen, ist es viel klüger, die vorhandenen Stromnetze durch Lastverschiebung besser auszulasten – mit Batterien und Wärmenetzen, wie die Dänen es vormachen. Dazu braucht es eine intelligente Steuerung über örtliche Preissignale und eine Kooperation der Netzbetreiber, miteinander statt gegeneinander.
Jens Geier
ist seit 2009 Abgeordneter im EU-Parlament. Der SPD-Politiker ist Mitglied im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie und stellvertretendes Mitglied im Haushaltskontrollausschuss.
Dänemark hat dabei einen strukturellen Vorteil: Weil das Land in zwei kleine Preiszonen unterteilt ist, liegen die Preissignale dort viel näher an der physikalischen Realität als der bundeseinheitliche deutsche Börsenpreis.
Auch beim Erdgas ist der dänische Weg pragmatisch. Der Methanverbrauch wurde durch Elektrifizierung konsequent reduziert – ganz auf null fahren lässt er sich nicht. Also ersetzt Dänemark das Erdgas durch Biomethan, das dort eingesetzt wird, wo sich Prozesse in Industrie und Gewerbe nicht elektrifizieren lassen – und natürlich in der Kraft-Wärme-Kopplung.
2030 soll der gesamte Gasverbrauch erneuerbar sein. Die Strategie, Moleküle sektorübergreifend in allen energetischen Prozessen zu reduzieren, die verbleibenden zu defossilisieren und später auf Exporte zu setzen, dürfte aufgehen.
Erdgas verlässt die Merit-Order
Windkraft und Photovoltaik haben in Dänemark das Erdgas aus der sogenannten Merit-Order, der Einsatzreihenfolge, fast vollständig verdrängt – außer in Zeiten, in denen die deutschen Importe auf die dänischen Märkte durchschlagen.
Damit ist Dänemark dem entscheidenden Ziel nahe: Die Strompreise am Spotmarkt werden von den kostengünstigen Energien Wind und Sonne gesetzt – und nicht mehr vom teuren fossilen Grenzkraftwerk.
Klaus Mindrup
war von 2013 bis 2021 Bundestagsabgeordneter der SPD und ist heute unabhängiger Experte für erneuerbare Energien und Klimaschutz. Unter anderem ist er Vorsitzender des Vereins Energiedialog 2050 und Mitglied im Rat für Bürgerenergie.
Dass der Staat zum Jahresanfang 2026 zugleich die einst höchste Stromsteuer Europas auf den EU-Mindestsatz gesenkt hat – eine Entlastung von umgerechnet zwölf Cent pro Kilowattstunde inklusive Mehrwertsteuer –, macht die sinkenden Kosten für die Haushalte unmittelbar spürbar.
Immer wird in Dänemark das Gesamtsystem betrachtet: Wie entwickelt man es kostengünstig – und mit möglichst viel heimischer Wertschöpfung?
Hinzu kommt ein regulatorischer Unterschied: Wegen des Doppelvermarktungsverbots in Deutschland dürfen dort EEG-geförderte Anlagen keine Herkunftsnachweise ausstellen – der geförderte Grünstrom lässt sich gegenüber der Kundschaft also nicht als erneuerbar ausweisen. Diese EU-weit nahezu einmalige Hürde kennt Dänemark nicht.
Gut für Haushalte und Wirtschaft
Dänemark zeigt: Ein Stromsystem, in dem die günstigen Erneuerbaren die Preise setzen, ist keine ferne Utopie, sondern zum Greifen nah. Mehr noch: Das zu 100 Prozent erneuerbare Stromsystem wird günstiger als das heutige Mischsystem aus fossiler und erneuerbarer Erzeugung. Dafür muss man drei Dinge tun.
Erstens der Physik folgen: Wind und Sonne erzeugen im Jahresverlauf an den meisten Tagen Überschüsse, die vor Ort genutzt werden müssen – durch Batterien zur Lastverschiebung, durch Wärmenetze und in Regionen mit besonders viel erneuerbarer Erzeugung durch Elektrolyse.
So werden die Stromnetze besser ausgelastet, die Kosten sinken für alle, und der Netzausbau kann sich auf die richtigen Schwerpunkte konzentrieren.
Deutschland hat zwar deutlich weniger Fernwärmenetze als Dänemark, verfügt aber über eine breite industrielle Basis mit hohem Prozessenergiebedarf – ein Potenzial für Wärmespeicher, das hierzulande noch viel zu wenig genutzt wird.
Zweitens die verbleibenden Lücken intelligent schließen: Den vielen Stunden mit Überschüssen stehen deutlich weniger Zeiten gegenüber, in denen nicht genug Wind- und Solarstrom im System ist – hier greift die Kraft-Wärme-Kopplung auf Basis erneuerbarer Gase.
Drittens die richtigen Marktregeln setzen: Weil Erdgas in diesem System aus der Merit-Order gedrängt wird, sinkt der Strompreis für alle. Die Finanzierung der Erneuerbaren‑Anlagen wird über Contracts for Difference abgesichert – ein Modell, mit dem Dänemark gerade erfolgreich seine neuen Offshore-Windparks ausschreibt –, und lokalere Preissignale steuern die Flexibilität.
Das ist eine gute Nachricht für alle – vom einzelnen Haushalt über das Gewerbe bis zur Industrie. Allerdings müssen dafür in Deutschland die richtigen regulatorischen Weichen gestellt werden. Glücklicherweise hat diese Debatte nunmehr Fahrt aufgenommen.

Ich bin aber ganz guter Dinge, dass auch in Deutschland der Prozess der Energiewende als Gesamtvorhaben über Produktion, Netze und Speicherung jetzt läuft. Zum einen werden Fossile Gott sei es gepriesen und gepfiffen großartig teuer. Wäre die Ursache aus Sicht der Humanität nicht für Millionen Menschen erbärmlich, so könnte es einen sogar freuen.
Zweitens, hat Deutschland sein Problem der regenerativen Energieerstellung im Grunde schon gelöst. Folgerichtig geht es jetzt an die Netze und Batterien. Bei den Batterien wird die Politik den Entwicklungen hinterherlaufen, bei den Netzen leider nicht. Netzbetreiber sind kleine Könige in ihrem jeweiligen Wirkungsraum. Da sehe sehe in Deutschland noch große Herausforderungen. Aber schauen wir mal, wenn Südlink etc. recht bald angeschlossen sind.