Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Carolin Dähling von der Energiegenossenschaft Green Planet Energy, wo sie den Bereich Politik und Kommunikation leitet.
Klimareporter°: Frau Dähling, die SPD-Energiepolitikerin Nina Scheer kritisiert zentrale Pläne von Wirtschaftsministerin Reiche zur EEG-Reform und zum Netzpaket. Neue Hürden beim Netzanschluss und für kleine Solaranlagen drohten die Energiewende zu bremsen.
Die Erneuerbaren-Branche will jetzt im Bundestag noch substanzielle Änderungen erreichen. Halten Sie das für realistisch?
Carolin Dähling: Gerade nach diesem Sommer muss eigentlich niemand erklären, warum Deutschland mehr erneuerbare Energien braucht.
Erklärungsbedürftig ist, warum ausgerechnet Wind- und Solarenergie gebremst werden sollen. Der Bundestag muss daher dringend nachjustieren.
Während wir über EEG und Netzpaket diskutieren, leiden Menschen in Europa unter Hitzewellen. Flutkatastrophen kosten zahlreiche Menschenleben, die Wirtschaft kämpft mit hohen Energiekosten und zugleich wird wieder vor steigenden Gaspreisen im Winter gewarnt. Jede politische Entscheidung müsste jetzt darauf einzahlen, Deutschland schneller unabhängig von fossilen Energien zu machen.
Stattdessen droht das Gegenteil. Unser Appell an die Abgeordneten ist deshalb: Nehmen Sie Ihre historische Verantwortung wahr und machen Sie aus diesen Gesetzen einen Beschleuniger für Energiesouveränität, bezahlbaren Strom und wirksamen Klimaschutz.
Besonders problematisch ist der Redispatch-Vorbehalt: Weil die Netze nicht schnell genug ausgebaut wurden, sollen künftig diejenigen die Zeche zahlen, die neue Wind- und Solaranlagen bauen wollen. Wer Milliarden in die Energieversorgung von morgen investieren soll, braucht jedoch Planungssicherheit. Schon jetzt werden Projekte und Investitionsentscheidungen zurückgestellt.
Der zweite Punkt betrifft Millionen Menschen direkt. Wer sich eine Solaranlage aufs Dach setzen oder ein Mieterstromprojekt aufbauen will, braucht einfache und verlässliche Regeln. Wenn die Einspeisevergütung wegfällt, bevor praktikable Alternativen funktionieren, erschwert das vielen Menschen den Einstieg in die Energiewende. Diese darf nicht zu einer Veranstaltung für große Konzerne und kapitalkräftige Investoren werden.
Und schließlich muss die Politik aufhören, Erneuerbare und Netzausbau gegeneinander auszuspielen. Wenn an sonnigen oder windigen Tagen viel günstiger sauberer Strom da ist, kann die Antwort nicht heißen, Anlagen abzuschalten. Die Antwort muss heißen: Strom speichern, Wärmepumpen betreiben, Elektroautos laden oder grünen Wasserstoff erzeugen. Wir müssen die Energie nutzen, nicht wegwerfen.
Das "Netzpaket" stattet die Netzbetreiber mit großer Macht gegenüber erneuerbaren Erzeugern aus. Einige Fachleute meinen, damit sollen Netze vor Überlastung und Überforderung geschützt werden, andere weisen darauf hin, dass zum Beispiel dem Energiekonzern Eon, für den die Bundeswirtschaftsministerin mehrere Jahre ein großes Tochterunternehmen geleitet hat, über alle Spannungsebenen direkt oder indirekt ein Drittel des deutschen Stromnetzes gehört. Ist das "Netzpaket" in Wahrheit also auch eine Lex Eon?
Der Begriff trifft es leider schon ganz gut. Schließlich stammt die Idee des Redispatch-Vorbehalts ursprünglich von Eon. Auffällig ist auch, dass rund 75 Prozent der Redispatch-Mengen in Eon-Netzgebieten anfallen, obwohl der Konzern nur etwa 30 Prozent der Verteilnetze betreibt.
Wer die Erneuerbaren künftig ausbremsen will, sollte zuerst erklären, warum der Netzausbau ausgerechnet dort so weit hinterherhinkt.
Das eigentliche Problem liegt nämlich nicht bei Wind- und Solaranlagen, sondern bei der Infrastruktur. Während große Teile der Energiewirtschaft den Umbau unseres Energiesystems vorantreiben, kommen die Netze nicht nach. Ob Leitungen, Digitalisierung, Automatisierung oder Transparenz über verfügbare Kapazitäten: Deutschlands Stromnetz ist an vielen Stellen noch nicht auf das moderne Energiesystem vorbereitet. An dieses Problem gehen weder das Netzpaket noch das EEG heran.
Der Bundesrechnungshof sprach schon 2024 von einem Rückstand beim Netzausbau von sieben Jahren und rund 6.000 Kilometern. Inzwischen warnen auch Wirtschaftsverbände und Industrievertreter, dass Unternehmen Investitionen verschieben oder ganz aufgeben müssen, weil Netzanschlüsse fehlen.
Genau deshalb wirkt das Netzpaket an vielen Stellen wie die Antwort auf die falsche Frage. Statt den Druck dort zu erhöhen, wo Netze ausgebaut, digitalisiert und transparenter werden müssen und wo gesetzliche Vorschriften missachtet werden, erhalten Verteilnetzbetreiber zusätzliche Eingriffsmöglichkeiten.
Die Bundesregierung gibt gerade ihr Bestes, um eine große wirtschaftliche Chance zu vergeben. Während Deutschland erneut in einer Energiekrise und mitten im weltweiten Wettbewerb um günstigen Strom steht, diskutieren wir plötzlich wieder darüber, wie neue Wind- und Solaranlagen gebremst werden können.
Deutschland zahlt bis heute den Preis eines Netzausbaus, der über Jahre zu zögerlich geplant wurde.
Umso erstaunlicher ist, dass selbst die in dieser Woche diskutierten Netzentwicklungspläne wieder vom kleinsten Ausbaupfad ausgehen und den Strombedarf der Energiewende kleinrechnen. Wer ständig hinterherplant, sollte sich über den nächsten Engpass nicht wundern.
Mit mehr Erneuerbaren, Speichern und Netzen lässt sich der Strompreis zügig senken, rechnet das Institut IWR vor. Trotzdem fragen sich viele Haushalte, die nicht über eine eigene Solaranlage und einen Heimspeicher verfügen: Wann kommt der preiswerte erneuerbare Strom bei mir an?
Solange Gas- und Kohlekraftwerke den Strompreis bestimmen, landet der Preisvorteil der Erneuerbaren nur teilweise bei den Haushalten. Die beste Strompreisbremse ist deshalb der Ausbau erneuerbarer Energien. Mehr Wind und Solar, bessere Netze, mehr Speicher und weniger fossile Kraftwerke senken den Strompreis nachweisbar und direkt.
Die eigentlichen Kosten für die Strombeschaffung machen allerdings nur den kleineren Teil der Stromrechnung aus. Rund 60 Prozent der Rechnung bestehen aus Netzentgelten, Steuern, Abgaben und Umlagen. Das zeigt: Die Politik hat deutlich mehr Einfluss auf den Strompreis, als oft behauptet wird.
Die versprochene Senkung der Stromsteuer für alle steht trotzdem bis heute aus. Stattdessen sollen Verbraucher:innen künftig über den Strompreis sogar Milliarden für neue Gaskraftwerke bezahlen.
Es ist schwer zu vermitteln, warum erst die Entlastung für günstigen Strom verschoben wird und anschließend neue Belastungen durch weitere fossile Abhängigkeiten drohen.
Gleichzeitig darf günstiger Ökostrom kein Privileg für Eigenheimbesitzer:innen bleiben. Mieterstrom und dynamische Stromtarife zeigen schon heute, wie die Vorteile von Wind- und Solarenergie direkt bei den Menschen ankommen können.
Die beste Werbung für die Energiewende wäre, wenn Menschen beim Öffnen ihrer Stromrechnung sehen: Das wird tatsächlich günstiger. Genau darauf sollte Politik hinarbeiten.
Von der Kabinettsklausur in dieser Woche erhofften sich viele Konsequenzen für den Hitzeschutz und einen Beschluss, eine Gemeinschaftsaufgabe für Klimaanpassung ins Grundgesetz aufzunehmen. Kanzler Merz und Vizekanzler Klingbeil lieferten beides aber nicht. Hat sich das Thema damit bis zum Sommer 2027 erledigt?
Die Bundesregierung scheint vor allem darauf zu setzen, dass mit den Temperaturen auch der politische Druck sinkt. Unsere Aufgabe als Zivilgesellschaft ist es, das zu verhindern. Es geht längst nicht mehr nur um einen abstrakten globalen Temperaturanstieg, sondern um Fragen von Gesundheit, Sicherheit und Wohlstand. Greenpeace beziffert die bisherigen Kosten dieses Sommers für Deutschland auf mindestens 36 Milliarden Euro.
Genau deshalb wirkt der Kabinettsbeschluss so aus der Zeit gefallen. Alle sehen, dass die Sommer heißer werden. Alle wissen, dass Städte, Schulen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen darauf vorbereitet werden müssen. Gleichzeitig wird die Klimaanpassung als Gemeinschaftsaufgabe vertagt und die Verantwortung weitgehend bei Kommunen und Haushalten abgeladen.
Klar ist aber auch: Klimaanpassung allein wird nicht reichen, es braucht wirksame Klimapolitik. Jede vermiedene Tonne CO2 bedeutet weniger Schäden, geringere Kosten und weniger Extremwetter.
Gerade deshalb wird die kommende Debatte zum Bundeshaushalt 2027 zum Moment der Wahrheit. Der Klima- und Transformationsfonds sollte nachweisbar und verbindlich dort eingesetzt werden, wo er Menschen schützt und Emissionen senkt, statt für andere Zwecke oder schlimmstenfalls sogar für mehr Klimaschäden zweckentfremdet zu werden.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Das Überraschende ist für mich die Wucht, mit der Batteriespeicher durchstarten. Die Bundesnetzagentur meldet inzwischen Anschlusszusagen für Großspeicher von fast 80.000 Megawatt, davon rund 25.000 Megawatt allein im ersten Quartal dieses Jahres.
Zum Vergleich: Das entspricht inzwischen einer Größenordnung, die über der heutigen Spitzenlast des deutschen Stromsystems liegt. Und das sind nur die großen Speicher. Unser Energiesystem wird in wenigen Jahren viel stärker von Batterien geprägt sein, als wir uns heute vorstellen.
Umso absurder wirkt der fossile Kurs der Bundesregierung. Sie fördert mit dem StromVKG, dem Stromversorgungssicherheits- und Kapazitätsgesetz, neue Gaskraftwerke mit Milliarden und schließt Speicher de facto von den Ausschreibungen aus.
Das verzerrt den Wettbewerb, weil nicht die beste und günstigste Flexibilitätslösung gewinnt, sondern politisch vorab Erdgas bevorzugt wird. Genau dagegen haben wir gemeinsam mit der Deutschen Umwelthilfe jetzt bei der EU-Kommission Beschwerde eingelegt.
Fragen: Jörg Staude

Auch die Verteilnetze können mit Batterien optimiert werden. Als Heimspeicher bieten sie für jeden Haushalt unabhängig von PV eine sinnvolle und profitable Möglichkeit zur Teihabe. Dazu braucht es einfache Regeln für Stecker-Batterien, die deren Nutzung genauso selbstverständlich machen wie den Anschluss eines Elektoherdes oder Kühlschranks. Der fehlende digitale Stromzähler muss dabei kein Hinderniss sein, eine Batterie mit W-lan Verbindung kann das auch ohne leisten, wenn der Netzbetreiber die Informationen online zur Verfügung stellt. Eine gesetzliche Verpflichtung dazu wäre mal eine sinnvolle politische Aktion, die beim Bürger ankommt und nachvollziehbare Wirtschaftsförderung.