Das neue Kraftwerkssicherheitsgesetz, das den Bau neuer Gaskraftwerke regeln soll – kommt ein Entwurf dafür dieser Tage noch oder doch erst irgendwann 2026?
Auf die Frage hin wiegt Kerstin Andreae den Kopf. Wann sie mit der Gesetzesvorlage rechne, traue sie sich nicht mehr zu sagen, sie habe da mit ihren Prognosen seit zwei Jahren immer falsch gelegen, antwortet die Chefin des BDEW diese Woche anlässlich der Jahresbilanz des größten Verbandes der Energiebranche.
Bei der Präsentation kommen neben dem Kraftwerksgesetz so ziemlich alle Regelungen zur Sprache, auf die die Branche händeringend wartet. Das sind noch das "Heizungsgesetz", das künftig Gebäudemodernisierungsgesetz heißen soll, und die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, des Weiteren der Industriestrompreis, das Anschieben des Wasserstoffhochlaufs oder auch die fehlende Genehmigung der EU für das noch aus dem Jahr 2024 stammende Solarpaket.
Die längliche Liste dringlichen Regelungsbedarfs steht in Kontrast zu den Vorschusslorbeeren, mit denen im Frühjahr die Spitzen großer Energieversorger die Nominierung der Westenergie-Chefin Katherina Reiche als neue Wirtschaftsministerin begrüßt hatten – nach dem Motto "Eine von uns".
Die Lorbeeren gelten inzwischen als angewelkt. Darauf angesprochen, laviert Kerstin Andreae. Warum es im Haus Reiche hakt, hänge auch damit zusammen, dass die Ministerin viele Personalentscheidungen getroffen habe, sagt sie. Es dauere, Zuständigkeiten zu klären und Stellen neu zu besetzen.
Die BDEW-Chefin gibt aber auch zu verstehen, dass die Geduld der Branche endlich ist. Auch wenn sie die Arbeit des Ministeriums wertschätze, wüssten alle, dass jetzt viel anstehe, sagt Andreae.
Einen Teil der Probleme verortet sie auch bei der Regierungskoalition. Da würden zwei Partner zusammenarbeiten, die sich in energiepolitischen Themen erst finden müssten, sagt Andreae. Es sei eben schwierig, in einen Koalitionsvertrag hineinzuschreiben, das Heizungsgesetz werde abgeschafft, und dort gleichzeitig zu vereinbaren, das Gebäudeenergiegesetz sei zu novellieren.
Energiebranche sieht Erneuerbare im Zentrum
Energiepolitisch liegt der BDEW jedenfalls nicht auf Reiche-Linie. Während die Ministerin davon spricht, die Energiewende stehe am Scheideweg, betont Andreae ein ums andere Mal, Transformation und Energiewende müssten vorangehen, einerseits wegen des Ziels Klimaneutralität, andererseits wegen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.
Als sehr positiv bewertet die BDEW-Chefin auch den kürzlichen Beschluss der schwarz-roten Koalition, die Ausschreibungsmengen für den Erneuerbaren-Ausbau auf unverändert hohem Niveau zu belassen. Das habe der Verband auch eingefordert, betont sie und sagt auch: "Die Erneuerbaren stehen im Zentrum der Stromversorgung."
Den Bau neuer Gaskraftwerke hält der BDEW allerdings ebenso für "absolut notwendig", wie die Verbandschefin weiter klarstellt. Bei der Präsentation legt sich Andreae hier aber nicht auf einen konkreten Umfang fest. Sie verweist stattdessen darauf, dass die Bundesnetzagentur mindestens 22.000 Megawatt an "steuerbarer" Leistung für notwendig halte. Auch nach Lesart des BDEW müssen dies offenbar nicht alles Gaskraftwerke sein.
Tatsächlich stagniert die Energiewende derzeit nicht nur gesetzestechnisch, sondern auch am Energiemarkt selbst, macht die BDEW-Jahresbilanz klar. Trotz starker Zuwächse bei Windkraft an Land (5.000 Megawatt) und Photovoltaik (fast 18.000 Megawatt) stagniert in diesem Jahr der Anteil der Erneuerbaren mit 56 Prozent am Bruttostromverbrauch. Dieser liegt mit rund 517 Milliarden Kilowattstunden ebenfalls auf Vorjahresniveau.
Schwächstes Windjahr seit 80 Jahren
Wind an Land steuerte dafür 107 Milliarden Kilowattstunden bei und bleibt damit weiter die mit Abstand wichtigste Stromerzeugungsquelle. Dennoch stellt 2025 einen neuen Tiefpunkt für die Windkraft dar: 2023 hatte die Erzeugung an Land noch bei 118 Milliarden und 2024 bei 113 Milliarden Kilowattstunden gelegen.
2025 war das schlechteste Windjahr seit dem Beginn entsprechender Aufzeichnungen vor 80 Jahren, erläutert Kerstin Andreae den Grund für die erneute Abwärtsentwicklung. Laut der Statistik lag die Erzeugung im Februar, März und April dieses Jahres um 30 bis 50 Prozent unter dem bereits niedrigen Niveau von 2024.
Historisch so schlechte Windjahre wie jetzt kämen sehr selten vor, betont die Verbandschefin – in einem normalen Jahr wäre die Erzeugung deutlich höher gewesen.
Solarstrom verdrängt Erdgasstrom auf Platz drei
Was beim Wind fehlte, konnte in diesem Jahr aber die Sonne bei der erneuerbaren Erzeugung ausgleichen. Die Photovoltaik sei zu einem weiteren echten Zugpferd geworden, lobte Andreae. Solarstrom verdrängte 2025 laut BDEW-Bilanz sogar das Erdgas auf Platz drei im Strommix.
Weil Gas im Laufe des Jahres billiger wurde, baute es wiederum seinen Anteil zulasten der Braunkohle aus. Experten sprechen hier ausdrücklich von einem "Fuel-Switch" im Herbst dieses Jahres.
Auch beim Primärenergieverbrauch stagniert der Anteil der Erneuerbaren bei etwa 20 Prozent, besagt die BDEW-Bilanz. Die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen schätzte dieser Tage ihrerseits, dass die gesamte Energiemenge, die Deutschland 2025 benötigte, nur um etwa 0,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr sinkt.
Eine kühlere Witterung, eine gedrosselte Produktion in energieintensiven Branchen sowie ein Mehrverbrauch von Kraftstoffen, Heizöl und Erdgas hätten sich gegenseitig ausgeglichen, begründete die branchengetragene Arbeitsgemeinschaft die Stagnation.
Energiesektor kann Verkehr und Gebäuden weniger aushelfen
Wenn sich bilanziell so wenig bewegt, spiegelt sich das auch bei den Emissionen wider. Der CO2-Ausstoß der Energiewirtschaft liegt nach den BDEW-Angaben 2025 bei 184 Millionen Tonnen, nur eine Million Tonnen weniger als 2024.
Damit unterbietet der Sektor zwar die Vorgaben des Klimaschutzgesetzes weiter deutlich. Allerdings schmilzt der jährliche "Puffer", mit dem die Energiewirtschaft chronischen CO2-Überziehern wie Verkehr und Gebäuden aushilft, von 60 Millionen Tonnen im letzten Jahr auf nur noch etwa 50 Millionen Tonnen ab.
Im Bereich Wärme spricht Verbandschefin Andreae ausdrücklich das Reizthema Gasnetze an. Man dürfe die Wärmewende nicht auf die leichte Schulter nehmen, diese sei die "Königsdisziplin der Energiewende", sagt sie. Es brauche schnellstmöglich Regelungen, wie die Transformation der Gasversorgung so gelingen könne, dass weder Haushalte und Gewerbe noch die Netzbetreiber und Versorger auf unbezahlbaren Kosten sitzen bleiben.
"Gaspaket" soll Transformation der Gasnetze anschieben
In diesem Zusammenhang fordert Andreae fürs kommende Frühjahr die Vorlage eines "Gaspakets". Ihr Verband habe gehofft, noch in diesem Jahr einen Entwurf zu bekommen, aber die Ressortabstimmung scheine anzudauern, vermutet die BDEW-Chefin.
Erfreulich findet sie, dass wenigstens eine Entscheidung für die Branche in dieser Woche getroffen wurde. Das Bundeskabinett soll sich einig geworden sein, dass Großbatteriespeicher ab einem Megawatt Leistung künftig nicht mehr den Regeln der Kraftwerks-Netzanschlussverordnung (KraftNAV) unterworfen sind.
Damit fällt das bisher geltende und branchenweit beklagte "Windhundverfahren" für den Netzanschluss großer Stromspeicher weg. Nach BDEW-Angaben liegen derzeit insgesamt Anträge für Großbatteriespeicher im Umfang von 729.000 Megawatt vor.
Davon sei allerdings ein großer Anteil Mehrfach- und spekulative Anträge – um diese Situation in den Griff zu bekommen, sei die KraftNAV, die bisher jährlich mit maximal zehn Anträgen konfrontiert gewesen sei, nicht das geeignete Instrument gewesen, erklärt Andreae. Eine neue rechtliche Regelung, wie der Run auf die Netzanschlüsse bewältigt werden kann, gibt es allerdings noch nicht.
Große Auswirkungen des Speicherbooms auf den Bau neuer Gaskraftwerke erkennt die BDEW-Chefin dabei nicht. Die Zielsetzungen von Kraftwerken und Speichern würden sich nur begrenzt überschneiden, erklärt sie auf Nachfrage.
Beim Einsatz neuer Gaskraftwerke gehe es darum, über längere Zeiten beispielsweise im Winter bei bedecktem Himmel oder in der "Dunkelflaute" die Stromnachfrage zu decken, die nicht mit Erneuerbaren erfüllt werden könne, so Andreae weiter.
Zudem würden in den kommenden zehn Jahren bis zu 30.000 Megawatt bisher gesicherter Kraftwerksleistung aus dem Markt gehen, einerseits wegen des Kohleausstiegs, andererseits weil auch bestehende Gaskraftwerke sowie Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen ihre Betriebsdauer erreichen, sagte sie. Deswegen geht der Verband auch nicht davon aus, dass durch den Zubau von Großbatterien der Subventionsbedarf für neue Kraftwerke noch steigt.
Bleibt zu hoffen, dass der BDEW mit der Prognose nicht danebenliegt.

Die Energiewende umfasst aber nicht nur den Strom- sondern auch den Wärme- und Verkehrssektor.
Hier gibt es tatsächlich noch viel zu tun, wie die aktuelle Auswertung der AG Energiebilanzen zeigt:
https://ag-energiebilanzen.de/energieverbrauch-wird-2025-stagnieren/
Im gesamten Energiemix machen die EE aktuell 20,6 % aus - jetzt heißt es Ärmel hochkrempeln!
Eine kühlere Witterung, eine gedrosselte Produktion in energieintensiven Branchen sowie ein Mehrverbrauch von Kraftstoffen, Heizöl und Erdgas hätten sich gegenseitig ausgeglichen, begründete die branchengetragene Arbeitsgemeinschaft die Stagnation." Ich denke, damit ist alles gesagt, BG Jörg Staude
besten Dank für den Hinweis auf die betreffenden Absätze, die hatte ich glatt überlesen.
Die angesprochene Stagnation ist v.a. auf ein schwaches Windjahr zurückzuführen. Dass PV und Wind jährlich nicht gleichmäßig viel el. Energie liefern, versteht sich von selbst. Daher macht vielleicht eine Bilanzierung über einen Mehrjahreszeitrum mehr Sinn, um Aussagen zum Voranschreiten der Energiewende zu treffen.