Klimareporter°: Frau Takit, vor gut zwei Jahren begannen Sie ihre Arbeit als Vorständin im Bündnis Bürgerenergie. Damals sagten Sie im Interview, die Bürgerenergie dürfe nicht an dem Rand gedrängt werden. Wo steht sie denn heute?
Lydia Takit: Mein Gefühl ist, wir stehen bei der weltpolitischen Lage gerade mit auf der Weltbühne, bildlich gesprochen. Die Lage hat sich für uns alle dramatisch verändert. Es wird uns derzeit glasklar vor Augen geführt, wie die sogenannte ganz große Politik direkt in unseren Alltag hineinwirkt.
In dieser Zeit weiterhin auf Öl und Gas setzen zu wollen, ist unbegreiflich. Wahrscheinlich stellt es aber nur das letzte Aufbäumen antiquierter Ideen dar, wie wir wirtschaften und uns als Gesellschaft organisieren sollten.
Harald Uphoff: Die Bürgerenergie-Bewegung hat sich schon immer für den Ausbau der erneuerbaren und den Abschied von den fossilen Energien eingesetzt, für Resilienz und eine demokratische Kultur.
Die Menschen in den Energiegemeinschaften sind aus Überzeugung tätig und daher mit einer gewissen Resilienz ausgestattet, die schon andere Rückschläge überdauert hat. Auch wenn die aktuellen Planungen des Bundeswirtschaftsministeriums einen umfassenden Angriff darstellen.
Ist Resilienz ein neues Argument, um für Bürgerenergie zu werben?
Takit: Ja. Zum einen sind die Menschen, die sich bei uns engagieren, oft sehr resilient. Sie sind aus Überzeugung tätig, oft im Ehrenamt und in einer Gemeinschaft, die sie auch stärkt.
Wir erleben nicht die erste Krise, in der es heißt, für die Bürgerenergie laufe es gerade nicht gerade so gut. Die Demonstrationen am letzten Wochenende haben gezeigt, dass die Menschen sich sehr wohl friedlich und fantasievoll für den weiteren Ausbau der Erneuerbaren einsetzen.
Uphoff: Zum anderen stärken die dezentralen Erneuerbaren-Anlagen der Bürgerenergiegemeinschaften die gesellschaftliche Resilienz. Sie machen uns zum Beispiel unabhängig von fossilen Energieimporten aus autoritär regierten Ländern.
Im Moment sind wir aber in einer Warteposition. Nach den bisher bekannt gewordenen Entwürfen des Wirtschaftsministeriums stehen die aktuellen Geschäftsmodelle vor dem Aus, neue sind noch nicht erkennbar. Zwar ist noch nichts final geregelt, trotzdem ist es eine unangenehme Situation – aber auch eine Chance, sich zu sammeln und neu zu denken.
Lydia Takit
ist Vorständin beim Bündnis Bürgerenergie (BBEn). Zuvor war sie leitend in mehereren Start‑ups im Bereich Softwareentwicklung sowie im Bundesverband Deutsche Startups tätig. Sie hat Wirtschaftskommunikation an der HTW Berlin studiert.
Die Bundeswirtschaftsministerin lässt sich ihre Geschäftsmodelle auch eher von Konzernen wie RWE und Eon schreiben.
Takit: So sieht es anscheinend aus. Dabei hat die Bürgerenergie alles, was nötig ist: Privates Kapital, das vor Ort investiert werden könnte und den ländlichen Raum stärken würde. Und sie stärkt die Identität, weil die Menschen gemeinsam für etwas Positives handeln.
Uphoff: All das wäre sehr gut für die Energiewende und für Resilienz nutzbar, ist aber eine völlige Leerstelle bei der Bundesregierung und besonders bei der Wirtschaftsministerin.
Wir hoffen, dass zumindest die SPD und ein Teil der Union begreifen, welches Potenzial in der Bürgerenergie steckt. Diese besteht ja nicht nur aus Wählern und Wählerinnen der Grünen, sondern vereint den ganzen Querschnitt der Bevölkerung. Nur – was wir brauchen, sind vernünftige Rahmenbedingungen.
An der Streichung der Einspeisevergütung für kleine Solaranlagen hält die Wirtschaftsministerin bisher unbeirrt fest. Damit wird der Bürgerenergie doch ein Geschäftsmodell kaputt gemacht – oder?
Uphoff: Für Hausbesitzer:innen bedeutet das vor allem, dass sich nur noch reine Eigenverbrauchsanlagen wirtschaftlich lohnen.
In der Folge werden die Solaranlagen kleiner sein, weil sich auch mit einem Speicher überschüssiger Strom nicht mehr sinnvoll nutzen lässt. Das ist eine ineffektive Nutzung von bereits versiegelten Dachflächen.
Für die Bürgerenergie werden sich mit dem Wegfall der Vergütung bestimmte Geschäftsmodelle im Bereich Mieterstrom nicht mehr lohnen. So zeigt eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft für Green Planet Energy, dass kleinere Mieterstromanlagen sich nicht mehr rechnen, wenn der Überschussstrom nicht mehr vergütet wird.
Diese Vergütung ist eben kein Zusatzgewinn, sondern eine elementare Voraussetzung für die Wirtschaftlichkeit.
Am Ende wird es für Haushalte in Mehrfamilienhäusern mit bis zu 30 Wohnungen kein Angebot mehr geben, günstigen Solarstrom vom eigenen Dach zu bekommen. Gerade diese Anlagengröße ist ein Geschäftsfeld von Bürgerenergiegemeinschaften. Eine Alternative ist bisher nicht in Sicht.
Takit: Auf jeden Fall werden geplante Projekte und Geschäftsmodelle jetzt neu bewertet. Das nimmt Tempo aus dem Geschehen. Aber wir brauchen eigentlich viel mehr Tempo bei der Energiewende.
In dieser Lage veranstaltet Ihr Bündnis Anfang Mai den Bürgerenergie-Konvent 2026. Geht es da eher um die Abwehr des befürchteten Angriffs auf die Bürgerenergie oder mehr um neue Ideen und Projekte?
Takit: Es geht eigentlich mehr um neue Ideen und Projekte. Seit Anfang 2025 nehmen wir an dem einzigartigen Förderprogramm Datipilot teil. Unser Bündnis hatte sich zusammen mit dem Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung beworben.
Das Bundesforschungsministerium stattet innerhalb von Datipilot bundesweit 20 Initiativen mit jeweils fünf Millionen Euro aus, die damit ihrerseits eigene Anliegen über vier Jahre voranbringen können. Wir als Vertreter der Bürgerenergie können somit selbst entscheiden, was und wen wir fördern.
Weil es sich um Forschungsgelder handelt, geht es bei der Förderung viel um technische Innovationen, aber auch soziale Innovationen sind gefragt. Wir bringen die Mittel in insgesamt 30 Projekte aus Forschung und Praxis ein und bauen eine Innovations-Community der Bürgerenergie auf.
Wir wollen damit den Know-how-Transfer innerhalb der Szene fördern. Engagierte der Bürgerenergie sollen davon profitieren, was einzelne Vorreiter schon einmal ausprobiert haben.
Das ganze Vorhaben kommt dieses Jahr richtig ins Laufen. Gerade wurde der letzte Förderaufruf gestartet. Auch auf dem Bürgerenergie-Konvent können sich Leute dazu vernetzen.
Uphoff: Trotzdem werden die Teilnehmer:innen in den Pausen des Konvents viele Gespräche und Diskussionen über die aktuelle politische Lage führen. Immerhin werden die Rahmenbedingungen für laufende Projektplanungen infrage gestellt und zukünftige Geschäftsmodelle sind nicht klar zu erkennen.
Harald Uphoff
ist Politik-Vorstand beim BBEn, nachdem er dort bis 2025 Aufsichtsratsmitglied war. Der studierte Biologe war zuvor Leiter der Abteilung Konfliktvermeidung beim Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende, Vize-Geschäftsführer beim Bundesverband Erneuerbare Energie und Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Wasserkraftwerke.
Im Juni treten in Deutschland neue Regeln zum Energy Sharing in Kraft. Bietet das nicht auch Möglichkeiten, innovative Formen gemeinsamer Energieversorgung zu erproben?
Uphoff: An sich schon: Beim Energy Sharing muss ich mich nicht auf die Versorgung innerhalb eines Gebäudes beschränken, sondern kann das öffentliche Netz nutzen. Theoretisch kann man so Strom von einem Wind- oder Solarpark oder einer weiter entfernteren Dachanlage beziehen.
In der Praxis wird es aber viel Frustration geben. Sharing-Projekte, wie sie aktuell gesetzlich definiert sind, können allein daran scheitern, dass Verteilnetzbetreiber ihre Netze nicht digitalisiert haben und der Strom nicht, wie gefordert, viertelstundenscharf abgerechnet werden kann.
Es ist absehbar, dass im Juni kein Verteilnetzbetreiber bereit sein wird, Energy Sharing einfach so von der Stange anzubieten. Die Bundesnetzagentur muss den Netzbetreibern hier auf die Finger schauen.
In einer Umfrage für das Bündnis Bürgerenergie wurden jüngst Erfahrungen mit den Netzbetreibern ausgewertet. Von den 50 bewerteten Verteilnetzbetreibern erhielt keiner die Note sehr gut, vier erhielten gut – und alle anderen wurden schlechter eingestuft.
Zudem sind die Anforderungen des Gesetzgebers so hoch, dass allein der hohe Verwaltungs- und Abrechnungsaufwand Energy Sharing unwirtschaftlich machen kann.
Takit: Wir sehen Energy Sharing übrigens nicht als Gegenentwurf zur Energiegenossenschaft. Die politische Initiative fürs Sharing ging von dem genossenschaftlichen Gedanken aus, Mitglieder mit eigenem Strom zu versorgen.
Wie steht es denn um die Energiegenossenschaften, die klassische Bürgerenergie?
Uphoff: Die Solaranlage auf größeren Dächern stellt hier noch immer das Butter-und-Brot-Geschäft dar. Dann folgt die Freiflächen-Photovoltaik. Für beides gibt es sehr viele gute Beispiele überall in Deutschland.
Bei der Windkraft erleben wir gerade eine neue Aufgeschlossenheit, auch wenn die Planung für Windprojekte mittlerweile sehr komplex geworden ist. Auch hohe Flächenpachten machen die Umsetzung nicht einfacher.
Im Kommen ist die gemeinschaftliche Wärmeversorgung. Mit der kommunalen Wärmeplanung ist endlich die nötige Datengrundlage gegeben. Interessierte Bürgerenergiegemeinschaften müssen nicht mehr bei null anfangen.
Zugleich sind Energiegemeinschaften für viele Kommunen ein willkommener Partner bei der Umsetzung der Wärmeplanung – auch deswegen, weil die Gemeinschaften die Haushalte mit geringem Einkommen im Blick behalten.
Takit: Ansonsten sind die Bürgerenergie-Akteure innovativ wie schon immer. So haben sich in der ersten Ausschreibung innerhalb unserer Innovations-Community viele spannende Speicherprojekte beworben, wie etwa Flüssigerde- oder Eisspeicher.
Die Geschäftsmodelle in der Bürgerenergie werden nicht weniger, sondern immer vielfältiger und innovativer.
Der diesjährige Bürgerenergie-Konvent findet im Energiepark Hirschaid bei Bamberg in Oberfranken statt. Zieht die Bürgerenergie jetzt eher aufs Land?
Takit: Unsere Mitgliedschaft ist schon immer ländlich geprägt und nicht nur urban. Eine dezentrale Energie-Infrastruktur wird eben in der Fläche gebaut und ist gleichzeitig eine tolle Chance für die wirtschaftliche Entwicklung ländlicher Regionen.
Neben dem Aufbau der Innovations-Community wird regionale Wertschöpfung ein Hauptthema des Konvents sein. Das ist für jeden interessant, unabhängig vom Parteibuch. Wir wollen hier auf dem Konvent einen Impuls setzen und unseren engagierten Mitgliedern und auch Nicht-Mitgliedern Wissen aus der Praxis an die Hand geben.
Bamberg liegt in Bayern, dem Bundesland mit der größten installierten Leistung bei Photovoltaik wie bei Biogas.
Uphoff: Ja, das stimmt. Auch wenn man es in der öffentlichen Debatte nicht wirklich wahrnimmt, zeigt Bayern beispielhaft, wie mit erneuerbaren Energien regionale Wertschöpfung generiert und der ländliche Raum gestärkt werden kann.
Takit: Auch bei der Windkraft holt Bayern jetzt auf. Da gibt es sogenannte Windkümmerer. Das sind Menschen, die von der Landesenergieagentur koordiniert werden und Kommunen dabei unterstützen, Windprojekte umzusetzen.
Ähnliche Angebote gibt es aber auch in Baden-Württemberg oder in Hessen.
Redaktioneller Hinweis: Klimareporter°ist offizieller Medienpartner des Bürgerenergie-Konvents 2026.
