Ist die Versorgungslage beim Strom bereits kritisch? Die Debatte über die künftige Struktur des Energienetzes ist durch eine neue "Kurzstudie" des Energiekonzerns Uniper angeheizt worden.
Die Botschaft: Bei dem bereits erreichten Anteil von über 50 Prozent Ökostrom vor allem aus Wind, Sonne und Biogas seien die sogenannten Dunkelflauten "kein seltenes Extremereignis, sondern ein strukturelles Merkmal des Stromsystems". Sie seien bereits der "Normalfall".
Umstritten ist aber, welche politischen Schlussfolgerungen daraus gezogen werden sollen – und wem sie nutzen.
Uniper definiert Dunkelflauten als Phasen von mindestens zehn Stunden, in denen Wind- und Solarstrom zusammen weniger als zehn Prozent ihrer installierten Leistung liefern. Kurze Ausschläge nach oben werden über einen gleitenden Sechs-Stunden-Durchschnitt herausgefiltert.
Das Ergebnis: Im untersuchten Zeitraum von 2016 bis 2025 zählte Uniper 1.435 solcher Ereignisse. Im Schnitt seien sie häufiger als alle drei Tage aufgetreten, mit einer mittleren Dauer von 12,9 Stunden. Eine 24-stündige Dunkelflaute gebe es nahezu monatlich, dreitägige Ereignisse etwa zweimal pro Jahr. 2023 habe es sogar eine fast einwöchige Dunkelflaute von 161 Stunden gegeben.
Für Uniper folgt daraus: Je größer der Anteil wetterabhängiger Erzeugung wird, desto wichtiger wird gesicherte Leistung. 2025 stammten nach Konzernangaben rund 47 Prozent der öffentlichen Stromerzeugung aus Wind- und Solarenergie. Wenn deren Einspeisung schwach ist, müssen andere Kraftwerke, Importe, Lastflexibilität und Speicher einspringen.
Batteriespeicher seien wichtig, könnten Dunkelflauten von zehn Stunden oder mehr aber nicht verlässlich überbrücken. Uniper-Chef Michael Lewis dazu: "Versorgungssicherheit braucht Systemrealismus, kein Wunschdenken. Ein verlässliches Energiesystem entsteht nur im Zusammenspiel aus erneuerbaren Energien, Flexibilitätsoptionen wie Batterien und gesicherten Kraftwerkskapazitäten – sie ersetzen sich nicht, sie ergänzen sich."
"Keine wirklich neue Erkenntnis"
Das Uniper-Papier trifft auf eine politisch bereits aufgeheizte Debatte. Die Bundesregierung arbeitet an Rahmenbedingungen für Ausschreibungen von Flexibilitäten und gesicherter Leistung. Im Kern geht es darum, welche Technologien künftig dafür bezahlt werden, Strom bereitzustellen, wenn Wind und Sonne schwächeln.
Für die möglichen Betreiber neuer Backup-Gaskraftwerke, darunter auch Uniper, ist das eine zentrale Frage. Zugleich warnen Speicherunternehmen und Energiewende-Verbände davor, die Regeln so zu schreiben, dass am Ende fast nur neue Gaskraftwerke zum Zuge kommen.
Der Energieforscher Volker Quaschning, Professor an der Hochschule HTW Berlin, hält die Uniper-Analyse für problematisch. Dass Deutschland regelmäßig Dunkelflauten habe, auch länger als zehn Stunden, sei "keine wirklich neue Erkenntnis", sagte er gegenüber Klimareporter°. Dies sei in Studien für ein klimaneutrales Deutschland längst berücksichtigt worden.
Einen sachlichen Grund, mit Begriffen wie "strukturelle Unterversorgung" oder "kritische Versorgungslage" zu einer allgemeinen Verunsicherung beizutragen, sieht Quaschning nicht. Natürlich müssten Lösungen für das neue Energiesystem umgesetzt werden. "Aber die sind auch schon lange bekannt." Nötig sei eine Kombination aus Lastverlagerung, Batteriespeichern, anderen Speichern und am Ende auch Wasserstoff-Kraftwerken.
Quaschning widerspricht vor allem dem Eindruck, Batterien seien für Dunkelflauten praktisch irrelevant. Es stimme zwar, dass sie allein die Dunkelflauten nicht abdecken könnten. Falsch sei jedoch die Suggestion, Batteriespeicher könnten in solchen Phasen keinen Beitrag leisten. Sie könnten sehr wohl helfen, die Nachfrage während einer Dunkelflaute zu glätten und so den Bedarf an Wasserstoff-Kraftwerken zu verringern.
Uniper und EnBW würden von Erdgas-freundlichen Regeln profitieren
Genau hier liegt der Kern des Streits: Werden Batterien und dezentrale Flexibilitäten anerkannt – oder werden die Anforderungen so gesetzt, dass sie aus zentralen Ausschreibungen herausfallen?
Das Bundeswirtschaftsministerium plant derzeit laut dem Kabinettsentwurf zum Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätsgesetz, kurz StromVKG, dass Backup-Lösungen eine Bereitstellungsdauer von mehr als zehn Stunden nachweisen müssen. Dadurch werden Batteriespeicher faktisch ausgeschlossen, vor allem Gaskraftwerke erfüllen die Bedingungen.
Uniper stoße mit seiner Kurzstudie "offenbar in das gleiche Horn" wie etwa der Stromkonzern EnBW, sagte Quaschning. "Dies legt den Verdacht nahe, dass beide Akteure von solch einer Regelung profitieren wollen, da dies die Konkurrenz zu den von ihnen geplanten Gaskraftwerken reduzieren würde."
Eine weitere Option gegen Dunkelflauten könnten Biogaskraftwerke spielen. Quaschning hält es für sinnvoll, die bestehende Biogasanlagen entsprechend umzurüsten und anders zu fahren. Heute erzeugen die bundesweit rund 9.300 Anlagen Strom rund um die Uhr, also auch dann, "wenn wir im Sommer bereits mittags im Solarstrom ertrinken".
Sinnvoller sei es, das Biogas länger zu speichern und die Stromproduktion stärker auf Zeiten knapper Erzeugung zu verlagern, so der Forscher. Dafür müssten vor Ort allerdings die Gasspeicher vergrößert werden, die bisher nur für kurze Zeiträume ausgelegt sind. Quaschning: "Komplett lösen können Biogaskraftwerke das Problem aber nicht, dafür reichen die heimischen Potenziale nicht aus."
Hohe Strompreise in Deutschland: "Folge mangelnder Flexibilität"
Deutsche Haushalte zahlen nach einer Auswertung des Energieunternehmens 1 Komma 5 Grad deutlich mehr für Strom als der EU-Durchschnitt. Auf Basis aktueller Daten der EU-Kommission kommt das Unternehmen auf rund 39 Cent je Kilowattstunde inklusive Steuern und Abgaben. Der EU-Mittelwert liegt demnach bei 29 Cent. Nur in Irland ist Strom mit gut 40 Cent noch teurer.
1 Komma 5 Grad sieht die Ursache nicht in einem Zuviel an erneuerbaren Energien, sondern in zu wenig Flexibilität. Solange Kohle- oder Gaskraftwerke den Börsenpreis setzen, bleibe Strom über das Merit-Order-Prinzip an fossile Kosten gekoppelt. Hinzu kämen hohe Netzentgelte. Produktchef Jannik Schall forderte mehr intelligente Steuerung, Smart Meter und Speicher.
Eine Roland-Berger-Studie im Auftrag des Konkurrenten Enpal bezifferte im vergangenen Jahr das entsprechende Einsparpotenzial bei Netzinvestitionen auf bis zu 1,4 Milliarden Euro pro Jahr.

Es ist mitnichten möglich die Biogasanlagen aus technischen wie auch aus Rentabilitätsgründen nur bei Stromunterversorgung laufen zu lassen.
Bei den überwiegenden Anlagen handelt es sich um Kraft Wärmekopplungs Anlagen, so steht die Versorgung und der Verkauf von Wärme an erster Stelle, während die Stromerzeugung eher als AdOn zu verstehen ist.
Finanziell handelt es sich meist um private Anlagen im landwirtschaftlichen Umfeld. Diese müssen eine hohe Nutzungsdauer aufweisen, damit sich die Anlage wirtschaftlich rentiert.
Ein niedriger Stundenbetrieb als Backup ist nicht möglich.
Nein, die Biogasanlagen müssen für die Nahversorgung 24/7 laufen.
Ich Stelle Mal die Frage, wieso benötigen wir überhaupt neue Gaskraftwerke, man könnte doch auch Kohlekraftwerken in die Reserve nehmen! Quasi als Wechsel anstelle der Stilllegung!
All diese Daten kann man verwenden um zu bestimmen, wie groß die sog. Dunkelflauten für eine gegebene Zahl von Solaranlagen und Windrädern voraussichtlich sind. D.h. wie viele Gigawattstunden in diesen Situationen wirklich fehlen.
Übrigens wurde so eine Berechnung vor Jahren schon gemacht: https://www.youtube.com/watch?v=6zgwiQ6BoLA
Der Ansatz ist dabei die kostengünstigste Kombination aus Solar-, Wind- und Batterien zu finden. Dabei werden mehr Solar- und Windanlagen gebaut, als man eigentlich braucht. Denn Überkapazitäten verkleinern die Zeiträume mit Versorgungslücken.
Und hier eine aktuelle Studie des Fraunhoferinstituts: https://www.ise.fraunhofer.de/de/veroeffentlichungen/studien/studie-energiesystem-deutschland-2050.html die im Prinzip das gleiche aussagt.
Und dazu kommt, dass wir ein europäisches Stromnetz haben, Aber immer so getan wird als sei Deutschland eine Insel. Wenn wir die Stromerzeugung mit erneuerbarer Energie europaweit organisieren würden, kommen wir noch billiger weg.
Das wird so schnell nicht passieren, Energiepolitik ist Sache der Länder und die lassen sich ungerne reinreden.
Alleine der Ausbau der Grenzkuppelstellen ist schon ein Politikum (s. z. B. Spanien/Frankreich).
Sie beschreiben den status quo.
Wenn die Politik die Rahmenbedingungen entsprechend ändert, kann nach technischer Modifikation der Spitzenlastbetrieb durchaus lukrativ sein.
Mehr muss nicht gesagt werden.
Ohne steuerbare Kapazitäten geht es nicht und Batteriespeicher können gut kürzere Flauten von PV und Windkraft überbrücken - zumal, wenn in diesen Zeiten Lasten verlagert werden.
Der ursprüngliche Ansatz, konkrete Vorgaben für den Umstieg der steuerbaren Kapazitäten von Erdgas auf Wasserstoff zu machen, muss unbedingt beibehalten werden. Und die Netzbetreiber müssen endlich die Batteriespeicher ans Netz lassen, zur Not auch mit Vorgaben bzgl. des Betriebes.