Carolin Dähling. (Bild: Green Planet Energy eG)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Carolin Dähling von der Energiegenossenschaft Green Planet Energy, wo sie den Bereich Politik und Kommunikation leitet.

Klimareporter°: Frau Dähling, für Samstag hatte ein Bündnis zu Demonstrationen unter dem Titel "Erneuerbare Energien verteidigen!" aufgerufen. Scharfe Kritik richtete sich gegen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche von der CDU.

Erst diese Woche wurde bekannt, dass das Wirtschaftsministerium die Gaslobby um Vorschläge gebeten hat, um die Batteriespeicher bei Auktionen für ein Strom-Backup gegenüber Gaskraftwerken zu benachteiligen. Was meinen Sie – würde ein Rücktritt von Reiche die Lage verbessern?

Carolin Dähling: Nein, es greift viel zu kurz, das Rollback allein an Katherina Reiche festzumachen. Dann entlässt man zu viele andere aus der Verantwortung. Die Verabschiedung von Gesetzen ist Aufgabe des Bundestages. Alle Abgeordneten dort sind in der Verantwortung, diese Gesetze im Sinne unserer Gesellschaft zu erlassen.

Es geht um eine Grundsatzentscheidung: Wollen wir schnellstmöglich in ein Energiesystem, das auf Freiheit, erneuerbaren Energien und Flexibilität basiert, oder halten wir an fossilen Abhängigkeiten fest, ungeachtet der Kosten und Schäden?

 

Gleichzeitig tut Katherina Reiche nichts, um ihr Image als Gas-Lobbyistin zu korrigieren. Inhaltliche Kritik aus der Erneuerbaren-Szene prallt scheinbar weitgehend ab.

Studien zu den Auswirkungen des Netzpakets, Umfragen mit parteiübergreifendem Rückhalt für die Solarförderung oder konkrete Vorschläge für eine bessere Synchronisation von Netz- und Erneuerbaren-Ausbau werden – bislang jedenfalls – nicht aufgegriffen. Stattdessen hört man immer wieder dieselben Schlagworte, etwa dass die Erneuerbaren nun "erwachsen" sind.

Anstatt klar zu sagen, dass die fossile Energiekrise die zentrale Ursache für die hohen Energiepreise ist, argumentiert Reiche immer wieder mit falschen oder überzogenen Zahlen gegen die Erneuerbaren. Das stellt die Realität auf den Kopf. Die Erneuerbaren stehen für Preisstabilität. Wer weiter auf Öl und Gas setzt, importiert die Kosten internationaler Konflikte gleich mit.

Was wir einfordern, ist zuerst einmal, gehört zu werden, in einem ehrlichen Dialog mit der Erneuerbaren-Branche anstatt über sie hinweg. Und die Bereitschaft, Argumente und Gegenvorschläge ernst zu nehmen. Denn im Stromsektor sind die Erneuerbaren längst systemsetzend, sie sind nicht irgendeine Randtechnologie, die man nach Belieben drosseln kann.

Gerade deswegen ist es ein Skandal, wenn sich das Ministerium Papiere von Eon und EnBW schreiben lässt. Eine so einseitige Lobbypolitik nutzt nicht der Gesellschaft, sondern fossilen Konzernen. Die Energiewende wird dadurch unnötig teuer und langsamer. Speicher und Flexibilität könnten den Bedarf an neuen Gaskraftwerken deutlich senken – und damit auch Kosten und CO2-Emissionen.

Die schwarz-rote Koalition hat eine Steuersenkung für Benzin und Diesel beschlossen, was Umwelt- und Klimaschützer scharf kritisieren. Das "Energiesofortprogramm" der Regierung enthält aber auch Überraschungen, etwa ein Bekenntnis zum Erneuerbaren-Ausbau, zudem sollen mit Biokraftstoff betriebene Autos künftig als klimaneutral gelten. Wie schauen Sie auf die Beschlüsse?

Es ist schon absurd. Die Koalition antwortet auf eine fossile Krise mit einem Tankrabatt und noch mehr Verbrenner-Lobbyismus.

Wir erleben gerade die zweite Energiekrise innerhalb von nur vier Jahren und der politische Schluss lautet: zehntausend Megawatt neue Gaskraftwerke mit milliardenschweren Subventionen und sogar neue Gasbohrungen in Niedersachsen, Bayern und vor Borkum. Hinzu kommen fossile Subventionen wie die Senkung der Luftverkehrssteuer oder die Erhöhung der Pendlerpauschale, finanziert ausgerechnet aus dem Klima- und Transformationsfonds.

Notwendig wäre eine ganz andere Antwort: ein echtes Unabhängigkeitspaket für Deutschland, um schneller aus dieser fossilen Abhängigkeit zu kommen. Mit einem Erneuerbaren-Turbo in allen Sektoren, allen voran Wärme und Verkehr.

Die Bundesregierung hat es in der Hand, diesen Schalter jetzt noch umzulegen: mit schnellen Sonderausschreibungen für Windkraft an Land, einer Rücknahme der Bremsen im Netzpaket und im EEG und mit klaren, unbürokratischen Vorgaben für die Wärme- und Mobilitätswende.

Umwelt- und Sozialverbände kritisieren auch immer stärker den fehlenden Mieterschutz in den bisher bekannten Plänen zum neuen Gebäudegesetz. Wie sehen Sie das?

Der fehlende Blick für die Realität vieler Menschen macht die Initiativen der Koalition zusätzlich problematisch. Die meisten wohnen zur Miete oder haben schlicht nicht das Geld, um steigende Energiekosten abzufedern. Trotzdem setzt das "Entlastungspaket" nicht bei ihnen an, sondern verteilt Geld nach dem Gießkannenprinzip.

Beim geplanten Gebäudemodernisierungsgesetz geraten Mieter:innen in eine fossile Kostenfalle, wenn Eigentümer bei Gas oder Öl bleiben, die steigenden Kosten aber auf sie abwälzen.

Gleichzeitig werden genau die Lösungen ausgebremst, die Mieter:innen langfristig und zukunftssicher entlasten könnten. Dach-Photovoltaik wird erschwert und die Förderung gestrichen. Damit gerät auch Mieterstrom unter Druck, also Solarstrom vom Dach eines Mehrfamilienhauses, der direkt an die Bewohner:innen fließt. 

Unsere Studie mit dem Institut der deutschen Wirtschaft zeigt, welches Potenzial verschenkt wird, wenn wir jetzt nicht in der EEG-Reform gegensteuern. Millionen Mieterinnen und Mieter würden von der Energiewende faktisch ausgeschlossen.

Gleichzeitig fehlt es an wirksamen Entlastungen mit ökologischer Lenkungswirkung. Eine Absenkung der Stromsteuer für alle macht die Elektrifizierung attraktiver – weg von Gas, hin zu zunehmend günstigem und sauberem Strom.

Und natürlich muss man auch über eine Übergewinnsteuer reden. Während Millionen Haushalte unter hohen Preisen leiden, kassieren Öl- und Gaskonzerne gigantische Zusatzgewinne. Eine Analyse für Greenpeace hat das vorgerechnet, es sind teilweise fast 37 Millionen Euro pro Tag. Dieses Geld fehlt an anderer Stelle, vor allem dort, wo wir den Umbau des Energiesystems sozial und zukunftsfähig gestalten könnten.

40 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und 15 Jahre nach Fukushima warnen jetzt 32 Umwelt- und Sozialverbände sowie Anti-Atom-Initiativen vor einer politischen Scheindebatte über Atomkraft. Unionsfraktionschef Jens Spahn hält aber eine öffentliche Diskussion für notwendig, um Möglichkeiten und Kosten einer Reaktivierung der stillgelegten AKW zu prüfen. Wie ernsthaft ist diese Atomdebatte in Deutschland?

Schon vor drei Jahren sind die letzten deutschen Atomkraftwerke vom Netz gegangen, trotzdem wird über eine Reaktivierung häufiger diskutiert als über die immer noch ungeklärte Endlagersuche und die Kosten dieses Atommülls.

Dabei lag der Anteil dieser AKW am Strommix nur bei rund sechs Prozent. Dieser Anteil wurde längst durch Erneuerbare mehrfach ersetzt. Seitdem ist unser Stromsystem sauberer, sicherer und günstiger geworden. Und es ist weiterhin eines der verlässlichsten weltweit.

Dass ausgerechnet eine Reaktivierung alter Meiler mitten in einer fossilen Energiekrise helfen soll, glaubt vermutlich nicht mal Jens Spahn. Technisch, juristisch und wirtschaftlich ist die Lage eindeutig: Die Reaktoren sind abgeschaltet, werden zurückgebaut, Fachpersonal fehlt, und die Betreiber haben kein Interesse an einer Rückkehr. Eine Wiederinbetriebnahme wäre teuer und erst in vielen Jahren denkbar.

Diese Phantomdebatte löst kein reales Problem und kommt mir vor wie ein politisches Gespenst. Sie taucht immer dann auf, wenn fossile Geschäftsmodelle unter Druck geraten und Erneuerbare den Konservativen als "zu woke" erscheinen. Ignoriert wird dabei gerne, dass Atomkraft nur mit enormen staatlichen Subventionen und langfristigen Garantien funktioniert.

Seltsamerweise ist bei der Union nie davon die Rede, dass die Atomenergie "erwachsen geworden" ist oder dass ihre "Systemkosten explodieren", wie ja die Baukosten der Reaktoren in Flamanville und Hinkley Point zeigen. Diese Maßstäbe gelten offenbar nur für Erneuerbare.

Das Gefährliche an diesem Manöver ist, dass sie von den eigentlichen Aufgaben ablenken: Netze ausbauen, Speicher hochziehen, Flexibilität schaffen. Und genau hier liegt das Kernproblem. Statt diese Aufgaben entschlossen anzupacken, vermisse ich gerade bei der Union den politischen Gestaltungswillen für echte Reformen, die das Land nach vorne bringen.

Es ist deshalb gut, dass die SPD hier ein Veto einlegt, denn ein fossiler Energiekurs verhindert niedrigere Strompreise und blockiert gigantische private Investitionen. Schon jetzt geraten geplante Investitionen in Wind- und Solarenergie ins Stocken, weil nicht mehr planbar ist, ob erzeugter Strom künftig vermarktet werden kann. Ich hoffe, dass die Bundesregierung jetzt schnell einen tragbaren Kompromiss im Sinne der Modernisierung unserer Energieinfrastruktur findet.

 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Es gibt auch gute Nachrichten. Die neuen Energy-Charts-Daten des Fraunhofer-Instituts ISE zeigen: Aus Wind, Sonne und Biomasse wurde im März 2026 rund 15 Prozent mehr Strom erzeugt als im Vorjahr. Allein Photovoltaik legte um gut 20 Prozent zu. Gleichzeitig sind die Förderkosten pro Kilowattstunde spürbar gesunken.

Das sieht man am EEG-Konto. Neue Wind- und Solaranlagen produzieren Strom so günstig, dass ihr Marktwert an der Strombörse häufig über der zugesicherten EEG-Vergütung liegt. In diesen Stunden fließt gar keine Marktprämie mehr, das EEG-Konto wird also entlastet.

Neue Solaranlagen liefern Strom für rund drei bis sechs Cent pro Kilowattstunde, neue Windanlagen an Land liegen meist bei vier bis acht Cent. Mehr Erneuerbare bedeuten also nicht automatisch höhere Kosten.

Im Gegenteil, je mehr neue Anlagen dazukommen, desto günstiger wird das Gesamtsystem. Die hohen EEG-Ausgaben stammen überwiegend aus alten Anlagen mit historisch hohen Vergütungssätzen.

Bei fossilen und atomaren Technologien ist es genau umgekehrt. Dort steigen die Kosten oft schon während Planung und Bau. Hinzu kommen volatile Brennstoffpreise, geopolitische Risiken und drastische Folgekosten – von Gesundheitsproblemen über Ernteausfälle bis hin zu Extremwetterfolgen.

Das ist auch in der aktuellen Situation zu beobachten. So zeigte eine Analyse des Thinktanks Ember, dass in Spanien der Strompreis deutlich weniger gestiegen ist als in Ländern, die stärker auf Erdgas setzen.

Wenn man also ehrlich über Kosten spricht und sich die verfügbaren Daten anschaut, ist die Richtung eindeutig. Erneuerbare Energien sind heute der günstigste Teil unseres Stromsystems. Erst recht, wenn wir sie sinnvoll ergänzen: mit Batteriespeichern, intelligenten Netzen und mehr Flexibilität auf der Verbrauchsseite und in der Industrie.

Genau dort liegt der Hebel für dauerhaft bezahlbaren Strom. Erneuerbare Energien sind das beste Entlastungspaket, das wir haben.

Fragen: Jörg Staude

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