Sage noch jemand, Forscherinnen und Forscher könnten nicht in die Zukunft sehen. "Mehr Energiewende wagen: Kurs halten in stürmischen Zeiten" – schon der Titel der Jahrestagung des Akademienprojekts "Energiesysteme der Zukunft" (Esys) kürzlich in Berlin klang prophetisch.

Natürlich haben seherische Fähigkeiten Grenzen. Was auf Deutschland gerade wieder zukommt, habe man bei der Titelfindung noch nicht gewusst, erklärte denn auch Andreas Löschel, Vorsitzender des Esys-Direktoriums, eingangs der Veranstaltung. 

Besonders stürmische Zeiten für die Forscher erzeugt gerade der Schock der vom Iran-Krieg ausgelösten Energiekrise. Über die gut zweistündige Veranstaltung hinweg konnte man sich des Eindrucks aber nicht erwehren, mit den "stürmischen Zeiten" sei auch die rigide Wende in der Energiepolitik der schwarz-roten Koalition gemeint.

 

Vorausschauende Energieforschung

Mit der hat Löschel selbst Bekanntschaft gemacht. Der Volkswirtschaftler lehrt nicht nur an der Ruhr-Uni Bochum, er ist seit 2011 auch Chef der Expertenkommission der Bundesregierung zum Monitoring-Prozess "Energie der Zukunft".

Als Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) letztes Jahr ihren berühmt-berüchtigten Monitoring-Bericht zur Energiewende bestellte, überging sie die eigene Regierungskommission und beauftragte externe Gutachter – und das mit voller Absicht, wie Beobachter meinten.

Aber auch die von Reiche gewählten Gutachter lieferten nicht das gewünschte Energiewende-Bashing. Reiche musste das Uminterpretieren selbst übernehmen.

Die regierungsoffizielle Kommission um Löschel legte dann im Dezember letzten Jahres ihren regulären Monitoring-Bericht vor. Der verlangt unter anderem eine Exit-Strategie für den Gas- und Ölsektor. Das war vorausschauend für stürmische Zeiten.

Politiker:innen kommen und gehen 

Löschel verlor über all das bei der Jahrestagung kein Wort. Allerdings zählte er penibel auf, wie viele politische Wechsel das 2012 gegründete Esys-Projekt schon hinter sich gelassen hat: drei Bundeskanzler:innen, fünf Bundesregierungen, eine Reihe von Bundestags- und Europawahlen sowie mehr als 40 Landtagswahlen.

Die versteckte Botschaft: Fundierte Forschung ist von Bestand, Politik weniger.

Es bleibe Anliegen von Esys, fuhr Löschel fort, eine Brücke zwischen exzellenter Forschung und politischem Handeln zu bauen. Künftig wolle man dabei die Szenarien über kommende Entwicklungen besser verstehen und auch besser mit Unsicherheiten umgehen.

Es frage sich insbesondere, was aus all den Bereichen wird, die von Molekülen abhängen, so Löschel weiter. "Wir sehen ja, welche Schocks hier auf uns zukommen, zum Beispiel bei den Gaspreisen." Man müsse überlegen: "Wie können wir mit den Spannungen und Schocks umgehen?"

Vor einiger Zeit wurde dazu schon eine Esys-Arbeitsgruppe mit dem Fokus auf Öl, Gas und Wasserstoff geschaffen. Ziel sei auch, so Löschel, eine Art Datenspeicher aufzubauen mit den verschiedenen Szenarien, die die Zukunft ausleuchten. Das soll Forscher besser in die Lage versetzen, mit Schocks umzugehen, um die stürmischen Zeiten besser durchsegeln und Kurs für die Energiewende halten zu können, begründete der Esys-Vorsitzende die Vorhaben.

Umdenken in unionsgeführten Ministerien 

Auch in der für Forschung zuständigen Regierungsbürokratie haben die Schocks der Energiekrise antifossile Spuren hinterlassen, wie sich auf der Tagung zeigte.

Spätestens nach der Sperrung der Straße von Hormus müsse allen klar sein, dass die Abhängigkeit von fossilen Importen nicht nur ein "Klimarisiko", sondern eine "zentrale" und vielleicht "ganz existenzielle" Bedrohung von Sicherheit und wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit darstellt, erklärte dazu Rolf-Dieter Jungk, Staatssekretär im Bundesforschungsministerium.

Manche entdecken die Erneuerbaren jetzt als Sicherheits- und Heimatenergien. (Bild: André Künzelmann/​UFZ/​Wikimedia Commons)

Vor dem Hintergrund ist die Energiewende für Jungk nicht länger nur eine Option, sondern ebenso notwendig wie technisch möglich. Natürlich passte der Staatssekretär die Energiewende zugleich in das in Deutschland maßgebliche Dreieck von Nachhaltigkeit, Bezahlbarkeit und Sicherheit ein.

Auch die für Energieforschung zuständige Abteilungsleiterin im Wirtschaftsministerium, Stephanie von Ahlefeldt, fand bei ihrem Esys-Auftritt selbstkritische Worte. Zurzeit würden Entscheidungen getroffen, die überhaupt nicht zu den Szenarien von vor ein paar Wochen oder Monaten passten, sagte von Ahlefeldt. So würden Treibstoffe und Benzin verbilligt – im Wissen, dass diese knapp seien.

"Das ist jetzt keine ideale Politik, auch nicht in Bezug auf Klimaschutz und Resilienz und vieles andere mehr", räumte von Ahlefeldt ein. Den von Esys angestrebten Szenarienvergleich begrüßte sie ausdrücklich. Mit den Szenarien aus der Vergangenheit komme man nicht mehr durch.

Jetzt auch institutionelle Förderung

Beim Esys-Projekt sind nach eigenen Angaben derzeit 143 wissenschaftliche Mitglieder engagiert, die in universitärer, außeruniversitärer oder unternehmenseigener Forschung tätig sind. Teil des Netzwerks sind weitere 21 Fachleute aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

Nach mehr als einem Jahrzehnt Arbeit wird das Esys-Projekt seit 2025 auch institutionell gefördert – mit jährlich 2,5 Millionen Euro aus dem Etat des Bundesforschungsministeriums. Die Förderung soll die Kernaufgaben von Esys abdecken, teilte die Initiative auf Nachfrage mit. Weitere Mittel können eingeworben werden.

Gerade in den stürmischen Zeiten steht für die Esys-Forscher, wie die Jahrestagung zeigte, ein Szenario ziemlich fest: Die Zukunft des Energiesystems wird erneuerbar sein.

In den zwei Stunden fielen denn auch Stichworte wie Kernenergie oder Kernfusion kein einziges Mal. Nur Rolf-Dieter Jungk erlaubte sich den Hinweis, man müsse auch den Mut haben, neue Technologien zu fördern – und zwar auch dort, wo der Erfolg vielleicht noch nicht garantiert sei. "Vielleicht sogar gerade dort", legte der Staatssekretär nach.

Resilienz und Autarkie ersetzen den Klimaschutz

Ein Wermutstropfen in den Debatten der Jahrestagung war, dass die Energieforscher das Klimaschutz-Narrativ nicht mehr für tragfähig halten, um die Energiewende zu begründen.

So meinte Robert Schlögl, Präsident der Humboldt-Stiftung, Zweck der energetischen Transformation sei Nachhaltigkeit und nicht notwendigerweise Klimaschutz. So ein Herangehen mache Deutschland international viel anschlussfähiger.

Nach Schlögls Auffassung erzeugt Nachhaltigkeit quasi automatisch den Klimaschutz mit. Man müsse nicht immer eine ethisch-moralische Motivation nach vorne stellen. Nachhaltigkeit sei eine rationale und vernünftige Motivation, begründete er die Wortwahl.

 

Auch von den Podien waren solche Positionen zu vernehmen: Es sei besser, allgemein von Nachhaltigkeit und nicht von klimapolitischen Zielen zu sprechen. Oder auch so: Das Narrativ, die Energiewende sei fürs Klima, funktioniere eben nicht so ganz. Besser sollten Autarkie, Resilienz und Unabhängigkeit als Gründe für die Energietransformation oben stehen.

So etwas hören zu müssen, kann für Klimaschützer schon ein wenig schockierend sein.

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