Oliver Hummel. (Bild: Naturstrom AG)

Immer sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Oliver Hummel, Vorstand beim Öko-Energieversorger Naturstrom.

Klimareporter°: Herr Hummel, beim Jahresauftakt des Bundesverbandes Erneuerbare Energie kündigte Wirtschaftsstaatssekretär Frank Wetzel vergangene Woche an, bis Ende März Entwürfe für das neue EEG, das neue Gebäudegesetz sowie ein weiterentwickeltes Wind-auf-See-Gesetz vorzulegen. Welches Gesetz ist Ihnen am wichtigsten?

Oliver Hummel: Wenn ich von unseren Unternehmensinteressen absehe und auf die Energiewende als Ganzes schaue, halten sich das EEG und das Gebäudemodernisierungsgesetz einigermaßen die Waage.

Das EEG ist für einen zügigen Ausbau der Erneuerbaren weiterhin unerlässlich. Und die Ausgestaltung des Gebäudegesetzes wird entscheidend dafür sein, ob die Dekarbonisierung des Gebäudesektors gelingt.

Bei unseren Quartiersprojekten, in denen wir als Wärme- und oft auch als Mieterstromlieferant auftreten, treffen dann die Auswirkungen beider Gesetze aufeinander. Hier zeigt sich beispielhaft, dass die Energiewende längst nicht mehr nur wie in den Anfangsjahren vom EEG abhängt, sondern dass viele Gesetze ineinandergreifen – was die Politik idealerweise entsprechend mitdenkt.

Bundeskanzler Merz und Wirtschaftsministerin Reiche gaben kürzlich bekannt, man habe sich mit der EU-Kommission auf eine Kraftwerksstrategie geeinigt. Danach sollen noch dieses Jahr 12.000 Megawatt steuerbare Kapazität ausgeschrieben werden.

Für 10.000 Megawatt davon gilt ein sogenanntes Langfristkriterium. Die Anlagen sollen über einen längeren Zeitraum am Stück Strom erzeugen können. Das können – müssen aber nicht – Gaskraftwerke sein, heißt es beim Wirtschaftsministerium. Was halten Sie davon?

Die nun erzielte Einigung ist ziemlich nah an dem, was die Ampel-Regierung bereits 2024 mit der EU-Kommission ausgehandelt hatte. Hier hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche unnötig Zeit verspielt – für viele Branchenbeobachter keineswegs überraschend.

Das "Langfristkriterium" halte ich für vorgeschoben, um Gaskraftwerke bauen lassen zu können, ohne es ausdrücklich sagen zu müssen.

Was mich mehr wurmt als die aktuelle Kraftwerks-Ministrategie, sind die zwischen Bundesregierung und Kommission in einem Non‑Paper ausgehandelten Pläne, bis 2029 insgesamt 41.000 Megawatt steuerbare Leistung auszuschreiben.

Das müssen zwar nicht gezwungenermaßen Gaskraftwerke werden, denn es gibt viele alternative Lösungen. Angesichts der aktuellen Präferenzen im Bundeswirtschaftsministerium bin ich aber nicht besonders optimistisch, was wirklich technologieoffene Ausschreibungen angeht.

Zwar boomen weltweit die Erneuerbaren, doch KI-Anwendungen und andere Stromfresser wie zunehmende Gebäudekühlung und Elektrifizierung des Verkehrs halten die fossilen Kraftwerke weiter am Netz, warnen Fachleute und aktuelle Studien. Reicht es, die erneuerbaren Energien noch schneller auszubauen oder brauchen wir auch mehr Effizienz beim Einsatz von Ökostrom?

Wir brauchen beides: mehr Erneuerbare und eine effizientere Nutzung des Stroms. Das Gute bei der Energieeffizienz ist, dass sie ohnehin im Eigeninteresse der Industrie liegt. In vielen Branchen ist es in den letzten Jahren und Jahrzehnten schon ganz gut gelungen, Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch zu entkoppeln.

Was die Elektrifizierung des Verkehrs angeht: Die wird in den Strombedarfsszenarien bereits seit Jahren berücksichtigt, sodass zumindest bei uns in Deutschland auch der nötige Ausbau der Erneuerbaren auf wachsende Marktanteile von Elektroautos abgestimmt ist.

Das Schöne am Ausbau der Elektromobilität ist auch, dass er systemstabilisierend wirkt: Die flexiblen Lademöglichkeiten tragen dazu bei, dass der Anteil der fluktuierenden erneuerbaren Energien im Strommix weiter steigen kann.

Die mutmaßlich enormen künftigen Strombedarfe von KI-Rechenzentren sind allerdings meist noch nicht mitbedacht. Wenn der aktuelle Hype dem Realitätscheck standhält und die Rechenzentren tatsächlich entstehen sollten, werden wir uns auch mit dem weltweiten Ausbau der Erneuerbaren noch mehr ranhalten müssen.

Der Bundesumweltminister präsentierte jetzt Eckpunkte zur Förderung des privaten Kaufs von E‑Autos – sowohl reinen Batteriefahrzeugen als auch Plug-in-Hybriden mit Verbrennungsmotor. Wie sozial und klimafreundlich die geplanten drei Milliarden Euro ausgegeben werden, muss sich erst noch zeigen. Viele zweifeln auch, ob diese Förderung überhaupt noch nötig ist – was meinen Sie?

Ich glaube, dass die Förderung einen Effekt haben wird – auch wenn er teils psychologischer Natur sein dürfte. Das plakative Gesamtpaket aus Förderung und Hersteller-Rabatt wird sicherlich eine gewisse Signalwirkung entfalten.

Zu vermuten ist aber auch, dass die Automobilhersteller ihre eigenen Rabatte gegenüber 2025 nach dem ersten Medienrummel Stück für Stück reduzieren und so einen Teil der Förderung wieder einmal zur eigenen Gewinnverbesserung nutzen werden.

Zu der Frage, ob die Förderung notwendig ist: Zwar hat sich der Absatz von E‑Autos zuletzt auch ohne Kaufförderung merklich erholt, doch die Elektrifizierung im Verkehrssektor hinkt immer noch weit hinter den ursprünglichen Zielen her. Dass die Bundesregierung hier nun einen Impuls setzt, ist also grundsätzlich gut.

Die Bezuschussung von Plug-in-Hybriden ist jedoch ein wirklich schlechtes und kontraproduktives Signal. Sie ist für den Klimaschutz schädlich und auch als Stützmaßnahme für die deutsche Autoindustrie fragwürdig.

Das Signal für den klaren Wandel hin zur Elektromobilität, den die hiesigen Hersteller vollziehen müssen, um im Wettbewerb mit China langfristig bestehen zu können, wird damit abgeschwächt.

Niemand, erst recht nicht die Umwelt, braucht noch mehr Hybridfahrzeuge, die im großen Stil aufgrund von Steuervorteilen gekauft werden und dann nicht mit Strom, sondern mit Benzin gefahren werden.

 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Hier muss ich wieder aufs leidige Gas zurückkommen – diesmal auf verflüssigtes, also LNG. Das importieren wir in Deutschland, wie ich diese Woche gelernt habe, inzwischen fast ausschließlich aus den USA. Rund 96 Prozent des Flüssigerdgases stammen von dort, ein Anstieg gegenüber 2024 von mehr als 60 Prozent.

Zwar machte LNG im letzten Jahr nur etwas mehr als zehn Prozent der Gasimporte nach Deutschland aus. Aber das Tempo, in dem wir uns auch auf diesem Gebiet von Trumps Amerika abhängig machen, finde ich schon frappierend. Die Ausweitung der Energieimporte aus den USA, die die EU im letzten Sommer im Zuge des Zoll‑Deals zugesagt hat, war schon damals eine schlechte Idee. Und sie ist seitdem nicht gut gealtert.

Fragen: Jörg Staude