Claudia Kemfert. (Bild: Oliver Betke)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft und Chefin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW.

Klimareporter°: Frau Kemfert, die durch den Iran-Krieg ausgelösten höheren Preise für fossile Energien kommen nach und nach bei den Haushalten an, nicht nur beim Tanken, sondern auch durch Verteuerung von Lebensmitteln, Strom oder Heizung. Was kann kurzfristig wirklich dagegen getan werden?

Claudia Kemfert:
Kurzfristig helfen keine pauschalen Tankrabatte oder Steuersenkungen auf fossile Energien, weil sie teuer sind, sozial oft ungenau wirken und die fossile Abhängigkeit sogar verlängern.

Sinnvoller sind gezielte Entlastungen für Haushalte mit kleinen und mittleren Einkommen, mehr Preisaufsicht und Transparenz auf den Energiemärkten sowie Maßnahmen, die den Verbrauch sofort senken: Tempolimit, mehr Homeoffice, günstigerer öffentlicher Verkehr wie ein verbilligtes Deutschlandticket und schnelle Energieeinsparmaßnahmen bei Gebäuden.

Die beste Krisenpolitik ist nicht das Subventionieren fossiler Preise, sondern das Senken fossiler Nachfrage. Gerade diese Energiekrise zeigt erneut: Wer von Öl und Gas abhängig bleibt, importiert Preisschocks direkt mit.

Weil sich auch der Bau neuer Gaskraftwerke verzögert, stellt Bundeskanzler Friedrich Merz nun den Fahrplan für den gesetzlich festgelegten Kohleausstieg bis spätestens 2038 infrage und will Kohlekraftwerke länger am Netz lassen. Tatsächlich unterhält die Bundesnetzagentur bereits viele tausend Megawatt Kohlekraftwerke als Reserve für ein stabiles Stromnetz. Wird der Kohleausstieg so nicht schon längst ausgehebelt?

Nein. Die Netzreserve ist nicht dasselbe wie ein regulärer Wiedereinstieg in die Kohleverstromung, sondern eine Absicherung für kritische Netzsituationen.

Das Problem ist nicht ein Mangel an Kraftwerken, sondern ein Mangel an Flexibilität im System. Die eigentlichen Engpässe liegen nicht bei der Erzeugung, sondern bei fehlender Flexibilität durch eine massive Lücke bei Digitalisierung und Steuerung.

Wir haben ein Stromsystem, das noch immer auf zentraler, träger Logik basiert, obwohl die Erneuerbaren dezentral und dynamisch sind. Wenn man dann bei Engpässen reflexhaft Kohlekraftwerke länger laufen lassen will, ist das ein klassischer energiepolitischer Kurzschluss.

Stattdessen brauchen wir ein intelligentes System: flexible Nachfrage, Speicher, digitale Netze und Preissignale in Echtzeit. Dann lassen sich viele dieser Engpasssituationen vermeiden und die Kohle wird schlicht überflüssig.

Die Erneuerbaren-Branche beklagt Frontalangriffe auf ihre Erzeugung und legte einen 26-Punkte-Katalog für eine beschleunigte Energiewende vor. Dazu gehören Netzausbau, sinkende Redispatch-Kosten bei Netzengpässen, mehr Planungssicherheit für Investoren sowie eine pragmatische Energiewende im Wärmesektor. Welche Chancen haben solche Forderungen überhaupt, erfüllt zu werden?

Die Chancen sind durchaus da, weil die reale energiewirtschaftliche Entwicklung längst in diese Richtung weist.

Die jüngste Ausschreibung für Windkraft an Land war wieder überzeichnet. Mehrere Bundesländer drängen auf eine zusätzliche Sonderausschreibung von 5.000 Megawatt Wind an Land schon 2026. Auch das neue Klimaschutzprogramm enthält Ansätze für mehr Windkraft und Flexibilität im Stromsystem.

Aber die politische Linie bleibt widersprüchlich: Einerseits weiß man, dass Erneuerbare günstiger, sicherer und krisenfester sind, andererseits werden sie weiter durch Unsicherheit, Angriffe auf Ausbauinstrumente und eine fossil geprägte Wärme- und Kraftwerksdebatte ausgebremst.

Entscheidend ist deshalb, ob die Bundesregierung jetzt endlich auf Technologieklarheit setzt, also auf intelligente Netze, Speicher, Digitalisierung, Flexibilität und Erneuerbare – statt alte fossile Reflexe zu bedienen.

Der Umweltexperte Axel Friedrich fordert Nachbesserungen am Klimaschutzprogramm der Bundesregierung. Er kritisiert, darin komme Energieeffizienz so gut wie gar nicht vor. Wie sehen Sie das neue Programm?

Das Programm enthält viele sinnvolle Einzelmaßnahmen und adressiert wichtige Hebel, etwa Elektrifizierung, Windenergieausbau und industrielle Transformation. Was fehlt, ist eine klare strategische Linie.

An vielen Stellen wirkt das Programm wie ein Kompromiss zwischen alter und neuer Energiewelt. Statt konsequent auf Elektrifizierung und erneuerbare Lösungen zu setzen, werden weiterhin fossile Pfade offengehalten, vor allem im Wärme- und Verkehrssektor. Das ist riskant, weil es Investitionen verzögert und Kosten nach hinten verschiebt.

Besonders deutlich wird das im Verkehr. Zwar sind einzelne Schritte vorgesehen – wie Förderung von E‑Autos, Deutschlandticket oder Ladeinfrastruktur – aber ein wirklich stringentes Gesamtkonzept fehlt.

Der Verkehr bleibt strukturell auf hohem Emissionsniveau, weil zentrale Hebel nicht ausreichend genutzt werden, insbesondere eine konsequente Elektrifizierung, die auch Effizienzgewinne bringt.

Einzelmaßnahmen ersetzen keine Verkehrswende. Es braucht ein Gesamtsystem aus weniger fossilen Anreizen, besserem ÖPNV und effizienterer Mobilität.

Auch im Wärmesektor bleibt die Linie unklar. Statt konsequent auf erneuerbare Lösungen und Elektrifizierung zu setzen, werden weiterhin fossile Pfade offengehalten. Gleichzeitig kommt die energetische Sanierung zu langsam voran, obwohl sie entscheidend ist, um den Energieverbrauch dauerhaft zu senken.

Das verzögert Investitionen und kann zu erheblichen Mehrkosten führen. Wer heute keine klare Richtung vorgibt, produziert morgen höhere Kosten für Haushalte und Unternehmen.

Und schließlich fehlt die Systemperspektive. Digitalisierung, intelligente Netze und flexible Nutzung von Strom spielen eine zu geringe Rolle. Dabei sind genau diese Elemente entscheidend, um Kosten zu senken und die Energiewende effizient zu gestalten.

Wir brauchen mehr Verlässlichkeit und klare Leitplanken: weg von fossilen Heizsystemen, hin zu erneuerbarer Wärme, Strom und Effizienz. Ohne diese Klarheit bleibt das Programm hinter dem zurück, was ökonomisch und klimapolitisch notwendig wäre.

 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Mich überrascht, wie präzise sich gerade das Muster bestätigt, das ich in meinem aktuellen Buch "Kurzschluss" beschreibe: Die Energiepolitik steckt voller Kurzschlüsse. Statt die Ursachen von Krisen zu beseitigen, werden Symptome bekämpft, häufig mit genau den Mitteln, die die Probleme überhaupt erst verursacht haben.

Wochenlang wurde ein angeblicher "Heizhammer" politisch aufgeladen, als wäre hier die Energiewende das Risiko. Jetzt ist der reale Kostenschock da – aber durch fossile Preise, durch "Bio‑Treppen", durch Abhängigkeit und geopolitische Krisen. Und plötzlich bleibt die große Aufregung aus.

Das ist kein Zufall, sondern Absicht: Die Empörung richtet sich gegen Lösungen und nicht gegen das eigentliche Problem.

Statt die Ursachen der fossilen Krisen zu beseitigen, werden Symptome bekämpft, mit genau den Mitteln, die die Probleme überhaupt erst verursacht haben. So bleiben fossile Abhängigkeiten bestehen. Und die fossile Abhängigkeit ist der eigentliche energiepolitische Kurzschluss. Die Energiewende ist der Weg heraus.

Fragen: Jörg Staude

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