Die Energiewende erreicht nach Einschätzung der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (Irena) einen Wendepunkt. Solar- und Windparks, die mit Batteriespeichern gekoppelt sind, liefern in vielen Regionen der Welt Strom inzwischen günstiger als Kohle- und Gaskraftwerke.

Das Urteil, erneuerbare Energien seien zwar sauber, aber wegen ihrer schwankenden Einspeisung letztlich teurer und weniger sicher, verliere damit zunehmend seine Grundlage, heißt es in einer neuen Analyse der Agentur mit Sitz in Abu Dhabi. 

 

"Das langjährige Argument, erneuerbare Energien seien nicht zuverlässig genug, gilt nicht mehr", sagte Irena-Chef Francesco La Camera bei der Vorstellung des Reports "24/7 Renewables". Demnach liefern moderne Systeme aus Wind- oder Solarparks plus Speicher zunehmend firm power – Strom mit hoher Verfügbarkeit rund um die Uhr.

Reale Belege zeigten, dass Rund-um-die-Uhr-Ökostrom "jetzt kostengünstig und mit fossilen Brennstoffen wettbewerbsfähig ist". Da die Öl- und Gasmärkte weiterhin geopolitischen Schocks wie der Blockade der Straße von Hormus ausgesetzt seien, "müssen wir unsere Volkswirtschaften mit widerstandsfähigen erneuerbaren Systemen schützen".

Kosten seit 2010 extrem gesunken

Die Kosten für die Öko-Anlagen sind laut dem Report weltweit seit 2010 extrem gesunken, bei Windkraft an Land um 55 Prozent, bei Solarenergie um 87 Prozent, bei Batteriespeichern sogar bis zu 93 Prozent.

Erneuerbarer Strom mit 24/7-Verfügbarkeit könne in Weltregionen mit hohem Solarpotenzial dadurch inzwischen für 54 bis 82 US-Dollar pro Megawattstunde produziert werden. Das ist günstiger als Strom aus neuen Erdgaskraftwerken, der weltweit mehr als 100 Dollar pro Megawattstunde kostet, aber auch aus neuen Kohlemeilern, bei denen es etwa im Top-Kohleland China 70 bis 85 Dollar sind.

Als Beispiel wird das 2.000 Megawatt große Solar- und Batteriespeicherprojekt Al Dhafra in den Vereinigten Arabischen Emiraten hervorgehoben, das bereits sauberen Strom zu einem Preis von etwa 70 Dollar pro Megawattstunde liefert. Die Leistung ist mit der von Atomkraftwerken vergleichbar.

Der Bericht prognostiziert weitere Kostensenkungen um etwa 30 Prozent bis 2030 und 40 Prozent bis 2040.

Bauzeiten von ein bis zwei Jahren

Die Agentur beschreibt, wie sich das Stromsystem durch Energiespeicherung und flexiblere Steuerung der Stromnetze verändern wird. Diese Kombination werde es Netzbetreibern zunehmend ermöglichen, die Netzstabilität ohne fossile Backup-Kraftwerke aufrechtzuerhalten und Preisschwankungen zu verringern.

Ein großer Solarpark mit Batteriespeichern in der Wüste.
Solarpark im Emirat Dubai. Aber auch in weniger sonnigen Weltregionen sind Erneuerbare jetzt die günstigere Wahl. (Bild: Screenshot/DEWA/Youtube)

Zudem könnten die Kosten dadurch weiter sinken, dass Windkraft mit Solarenergie und Batterien kombiniert wird, da sonniges und windigeres Wetter oft zu unterschiedlichen Zeiten auftreten. Die beiden Hauptformen der erneuerbaren Energieerzeugung ergänzen sich dadurch, was den Bedarf an Speicherkapazität verringert – mit der Folge geringerer Gesamtkosten.

Die Irena betont außerdem, dass die Kombination Ökostrom plus Speicher gut positioniert sei, um die prognostizierte erhöhte Nachfrage nach Strom durch stromhungrige KI und Rechenzentren sowie neue E‑Fahrzeuge und Wärmepumpen zu decken.

Ein großer Vorteil sei, dass die Bauzeiten für 24/7-Öko-Kraftwerke niedrig liegen, sie könnten oft innerhalb von ein bis zwei Jahren nach Genehmigung und Netzanschluss fertiggestellt werden. Das liegt deutlich unter den Bauzeiten für Gas- und Kohlekraftwerke, ganz zu schweigen von denen für AKW, die zumindest in westlichen Industrieländern zehn Jahre und mehr betragen.

Deutschland will lieber Gaskraftwerke 

Auch in Deutschland haben sich laut der Untersuchung die Bedingungen für 24/7-Ökostrom verbessert. Die Irena nennt ausdrücklich die Bundesrepublik neben China, Spanien und Großbritannien als eines der Länder, in denen Windkraft plus Speicher inzwischen teilweise sogar bereits günstiger ist als der Betrieb bestehender Kohle- und Gaskraftwerke.

Die Analyse dürfte damit auch die hiesige Debatte über neue Gaskraftwerke beeinflussen. Die Bundesregierung plant derzeit den Neubau solcher Anlagen zur Abdeckung von Zeiten mit wenig Sonne und Wind. Sie sollen zuerst mit Erdgas, später mit Wasserstoff laufen. Die Ausschreibungen für die Backup-Kapazitäten sind so formuliert, dass Batterielösungen bei einem Großteil der Anlagen nicht zum Zuge kommen können.

Weitgehend unstrittig ist, dass für mehrtägige oder gar wochenlange Dunkelflauten hierzulande Gaskraftwerke nötig sind, da Batteriespeicher bisher Ökostrom-Mangellagen nur für einige Stunden oder maximal einen Tag abdecken können. Die Frage ist allerdings, wie groß die Kapazitäten dafür tatsächlich sein müssen – vor allem wenn zusätzliche Lösungen wie Pumpspeicher und flexible Stromtarife für steuerbaren Verbrauch in Haushalten sowie Industrie ergriffen werden.

 

Für UN-Generalsekretär António Guterres zeigt der Irena-Bericht, dass inmitten einer weiteren globalen Energiekrise erneuerbare Energie "zunehmend die erschwinglichste, zuverlässigste und sicherste Option" sei. Die schlimmste Energiekrise seit Jahrzehnten habe die wahren Kosten der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen offengelegt.

"Aber ein anderer Weg ist jetzt möglich", so Guterres. "Lasst uns den Übergang beschleunigen, in Energieinfrastruktur investieren und die internationale Zusammenarbeit stärken, um endlich sauberen, heimischen Strom für Menschen überall bereitzustellen."