Ist vom Stromnetz die Rede, haben die Menschen in Deutschland meist große Überlandleitungen vor Augen, die sogenannten "Stromautobahnen". Die sind aber gerade mal rund 38.000 Kilometer lang. Über 1,9 Millionen Kilometer erstrecken sich dagegen die dort angeschlossenen Verteilnetze. Die stehen unter Hochspannung von 110 Kilovolt, Mittelspannung bis 20 Kilovolt oder Niederspannung mit 400 Volt.
Die Energiewende findet vor allem im Verteilnetz statt. Hier fallen derzeit etwa 60 Prozent der gesamten Netzkosten an. Diese werden als Netzentgelte auf die Stromkunden umgelegt und gelten als die Treiber beim Strompreis. In den letzten fünf Jahren stiegen die Netzentgelte für Haushalte und Gewerbe im Schnitt bundesweit um mehr als die Hälfte, besagen die Zahlen.
In den Verteilnetzen bewegen sich nicht nur Millionen erneuerbarer Erzeugungsanlagen, sondern auch zusätzliche Verbraucher durch die Elektrifizierung von Mobilität, Wärme und Industrie sowie Batterien und andere Speicher, die alle zuverlässig ans Netz angebunden werden müssen, beschreibt Tim Meyer die neuen Verhältnisse.
Netzanschluss im Einfamilienhaus nur zu einem Prozent ausgelastet
Meyer, unabhängiger Energieexperte, legte jetzt, unterstützt von der European Climate Foundation, eine Studie vor, die sich die Potenziale zur Kostensenkung im Verteilnetz vornimmt – und zwar bis 2045, dem Zieljahr der Klimaneutralität Deutschlands.
In der Studie schaut Meyer vor allem auf drei "Hebel", mit denen die Kosten im Verteilnetz gedämpft werden können: eine höhere Auslastung der Stromnetze, eine effizientere Organisation des Netzbetriebs sowie das Abschmelzen überhöhter Eigenkapitalrenditen der Netzbetreiber.
Bei der Auslastung sieht der promovierte Elektroingenieur jede Menge an Reserven. So werde bei einem Einfamilienhaus der Netzanschluss derzeit nur zu etwa einem Prozent ausgelastet. Bei einem Mehrfamilienhaus seien es 30 bis 40 Prozent, sagt er. Ein Solarpark laste seinen Netzanschluss zu etwa zehn und ein Windpark zu 20 Prozent aus.
Um das Netz besser zu nutzen, braucht es Meyer zufolge entsprechende Preissignale wie flexible Netztarife. Voraussetzung dafür sei wiederum eine entsprechende Ausstattung mit Smart Metern. "Der Investitionsbedarf ins Verteilnetz sinkt um 30 Prozent, wenn man ordentlich digitalisiert und flexibilisiert", rechnet Meyer bei der kürzlichen Präsentation seiner Studie vor.
"Flickenteppich" bei den Netzgebieten
Einen zweiten Einspar-Weg sieht der Energieexperte darin, in den derzeit 851 Netzgebieten einheitliche Standards zu schaffen und so Effizienzpotenziale zu erschließen. Bislang verfügten die Betreiber über ziemlich viel Freiheit bei der technischen Gestaltung, erklärt Meyer. Wegen fehlenden Wettbewerbs unter den Netzbetreibern gebe es keinen Druck zur Konsolidierung und Vereinheitlichung. Das führe zu einem großen "Flickenteppich".
Im Interesse der Kostenersparnis sollten auch die Größen der jeweiligen Verteilnetze angeglichen werden, regt Meyer an. Derzeit unterscheide sich der kleinste vom größten Netzbetreiber um den Faktor 10.000.
Wie es gelingen kann, den Flickenteppich von rund 850 Netzgebieten zu "bereinigen", ist eine politisch durchaus heikle Frage. Anlässlich der Studienpräsentation räumt Robert Busch vom Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE) ein, Kommunen würden ihre Einnahmen aus den Verteilnetzen für "vernünftige Sachen" wie Bibliotheken, Kindergärten und Schwimmbäder ausgeben – das Problem sei aber auch, dass die Energiewende dadurch stocke, erklärt der Geschäftsführer des BNE.
Busch plädiert in dem Zusammenhang nicht vordergründig für eigentumsrechtliche Veränderungen bei den Verteilnetzbetreibern, sondern dafür, dass sich kleinere Betreiber zusammenschließen zwecks regionaler Betriebsführung der Netze und der Schaffung einheitlicher Standards.
Solche gemeinsamen Plattformen sind auch für Tim Meyer der nächstliegende Schritt. Erst später seien dann eigentumsrechtliche Verschmelzungen ein Thema. Diese stellten ohnehin ein groß angelegtes politisches Projekt dar, betont der Experte.
Eigenkapitalrenditen offenbar deutlich überhöht
Als dritten Weg zu geringeren Netzkosten schlägt die Studie vor, die Eigenkapitalrenditen der Verteilnetz-Betreiber abzusenken. Diese lägen offiziell bei etwa acht Prozent.
Eine Untersuchung von mehr als 20 größeren Netzunternehmen habe allerdings, so Meyer, den überraschenden Befund ergeben, dass deren Eigenkapitalrendite bei 24 Prozent liege.
Ursachen dafür sieht der Experte darin, dass in der Kalkulation zu wenig die geringen Risiken berücksichtigt werden, die Netzbetreiber als natürliche Monopolisten haben. So könnten sich die Betreiber real günstiger finanzieren, als in ihrer Kalkulation angenommen werde. Die Studie schlägt hier vor, die Eigenkapitalrendite auf acht Prozent abzuschmelzen.
Bei der Präsentation betont Meyer mehrmals, dass die Datenlage gerade bei den Verteilnetzen sehr zu wünschen übrig lasse. Auf der Basis von Abschätzungen und Plausibilisierungen kommt die Studie zum Ergebnis, dass Einsparungen von 17 Prozent der gesamten Netzkosten möglich sind, also von einem guten Sechstel.
In absoluten Zahlen: Für 2045 werden jährliche Netzkosten von etwa 70 Milliarden Euro angenommen. Diese könnten mit den Vorschlägen aus der Studie um mehr als zwölf Milliarden Euro gesenkt werden. Aktuell liege die Einsparsumme bei rund fünf Milliarden Euro bei gegenwärtigen jährlichen Netzkosten von rund 30 Milliarden Euro.
Investitionen in die Netze zahlen sich auch aus
Zu beachten ist: Die künftigen 70 Milliarden minus die zwölf Milliarden möglicher Einsparungen laufen zwar noch immer auf eine Verdopplung der Netzkosten bis 2045 hinaus, aber nicht auf eine Verdopplung der von den Stromkunden zu zahlenden Netzentgelte.
Denn die Energiewende bringt nicht nur Kosten durch den Ausbau der Netze mit sich, sondern auch Nutzen: Die Netze transportieren dank der Elektrifizierung vieler Bereiche dann auch viel mehr Strom.
Für Meyer gleichen sich beide Vorgänge aus: Gegenüber dem heutigen Stand werden sich bis 2045 sowohl die Netzkosten als auch der Bruttostromverbrauch in etwa verdoppeln – pro Kilowattstunde gerechnet würden somit die Netzentgelte nicht ansteigen.
In der Studie ist hier entsprechend von einem Gleichlauf oder gar einer Senkung spezifischer Netzkosten die Rede – anstelle der oft an die Wand gemalten "explodierenden" Netzkosten.
Zu viel dürfen die Stromkunden aber nicht erwarten: Für einen Haushalt mit 3.000 Kilowattstunden Stromverbrauch ermittelte die Studie für 2045 eine mögliche Stromkosten-Einsparung von 80 Euro jährlich – gegenüber einem Business-as-usual-Szenario.
In seiner Arbeit spricht sich Meyer auch für eine gerechtere Verteilung der Netzkosten aus. So werde laut Berechnungen im Auftrag des Übertragungsnetzbetreibers Tennet die deutsche Industrie aktuell um jährlich 1,5 Milliarden Euro in Form reduzierter Netzentgelte entlastet, heißt es.
Auch beim Eigenverbauch in den Solarhaushalten hält Meyer in Bezug auf die Netzkosten Einsparungen für möglich, sofern die Anlagen netzdienlicher genutzt würden, mithilfe flexibler Netzentgelte zum Beispiel. Hier werde noch viel Potenzial verschenkt, bedauert er.
Auf jeden Fall gehören für den Energieexperten die Verteilnetze und deren Kostenmanagement endlich in den Fokus der Energiepolitik. Es sei zwar keine Kostenexplosion in den Verteilnetzen abzusehen, aber auch dort werde der Problemdruck der Energiewende sichtbar, betont er.
