Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Carolin Dähling von der Energiegenossenschaft Green Planet Energy, wo sie den Bereich Politik und Kommunikation leitet.
Klimareporter°: Frau Dähling, fünf Tage lang waren Zehntausende Haushalte im Berliner Südosten ohne Strom, weil Stromleitungen zerstört wurden. Ist gegen so viel kriminelle Energie kein Kraut gewachsen oder lässt sich das Stromnetz besser schützen?
Carolin Dähling: Ich möchte zuerst allen danken, die in den letzten Tagen durchgehalten haben – und allen, die geholfen haben, die Situation wieder in den Griff zu bekommen.
Deutschland gehört zu den Ländern mit der höchsten Versorgungssicherheit weltweit. Dennoch ist kein Energiesystem vollständig gegen terroristische Angriffe abgesichert. Das Entscheidende ist nicht eine absolute Sicherheit – die gibt es nicht –, sondern wie schnell wir aus einer Störung heraus wieder in ein stabiles Gleichgewicht kommen.
Genau hier ist die Energiewende eine Chance. Dezentral erzeugter Strom ist resilienter als ein System aus wenigen zentralen Großkraftwerken. Wenn Energie aus vielen Quellen stammt – aus Solaranlagen auf Dächern, Windrädern, kleinen Biogasanlagen –, dann verteilt sich das Risiko. Lokale Systeme können unabhängig voneinander stabil bleiben und sich schrittweise wieder aufbauen. Auch auf Haushalts- und Quartiersebene wächst diese Widerstandskraft.
Erneuerbare Energien erhöhen die Resilienz bei einem Stromausfall. Photovoltaikanlagen mit Batteriespeichern, Elektroautos, die bei Bedarf Strom ins Haus zurückspeisen können, oder ein modernes Balkonkraftwerk mit Notstromsteckdose ermöglichen für Stunden oder Tage eine gewisse Autonomie. Natürlich müssen sie dafür auch technisch in der Lage sein und auch ohne Netzanbindung funktionieren. Das ist nicht bei allen Anlagen der Fall, könnte aber noch stärker angereizt und gefördert werden.
Das Haus meiner Nachbar:innen ist beispielsweise mit einer inselnetzfähigen Photovoltaikanlage und einem Batteriespeicher ausgestattet. Bei einem eintägigen Stromausfall im letzten Jahr konnten sie sich selbst mit Strom versorgen und haben vielen in der Nähe angeboten, diesen bei Bedarf mitzunutzen. Eine schöne Erfahrung von guter Nachbarschaft, aber auch resilienter, erneuerbarer Stromerzeugung.
Was mich dagegen in dieser Woche wirklich geärgert hat, war die Panikmache rund um Wärmepumpen von rechter Seite. Die Geschichten von "explodierenden Anlagen" sind frei erfunden. Frost kann jeder Heizung zusetzen – aber Explosionen gibt es nur in den Fake-News-Portalen.
Klimaschutz ist in Deutschland – abgesehen von der Energiewirtschaft – in den letzten Jahren nicht vorangekommen. 2025 sanken die CO2-Emissionen gegenüber dem Vorjahr nur um 1,5 Prozent – und auch das eigentlich nur, weil die Industrie weiter schwächelt. Das zeigt die vorläufige Klimabilanz des Thinktanks Agora Energiewende. Was muss sich klimapolitisch ändern?
Dass Deutschland beim Klimaschutz an Tempo verliert, ist besorgniserregend. Die Emissionen liegen zwar noch im Rahmen des Klimaschutzgesetzes, aber die Richtung stimmt nicht mehr.
In den Bereichen Wärme und Verkehr ist der CO2-Ausstoß zuletzt sogar gestiegen. Auch wenn 2025 erstmals mehr Wärmepumpen als Gasheizungen verkauft wurden, kommt die Wärmewende im Gebäudebestand viel zu langsam voran. Um die Klimaziele bis 2030 noch zu erreichen, müssen wir ab sofort jedes Jahr etwa viermal so viele Emissionen einsparen wie 2025. Die Gesetze der nächsten Monate müssen genau dafür die Weichen stellen.
Beim Erneuerbare-Energien-Gesetz heißt das: Die hohen Ausbauziele und das tatsächliche Ausbautempo müssen gehalten werden – auf Basis realistischer, also hoher Strombedarfsprognosen. Deutschland braucht deutlich mehr erneuerbaren Strom, damit Preise sinken, wir unabhängiger werden und Elektrifizierung und CO2-Minderung wirklich gelingen.
Im Gebäudebereich ist entscheidend, dass das Gebäudeenergiegesetz erneuerbare Wärmelösungen im Bestand schneller und einfacher macht. Das 65-Prozent-Erneuerbare-Gebot für neue Heizungen darf nicht wieder infrage gestellt werden. Stattdessen braucht es eine klare Linie der Bundesregierung, um die Verunsicherung aus den vergangenen Debatten zu beenden.
Parallel dazu muss das Klimaschutzgesetz mit konkreten Maßnahmen in allen Sektoren unterlegt werden. Und klimaschädliche Subventionen sind schrittweise abzubauen. Solange zum Beispiel das Dieselprivileg oder eine immer weiter aufgeblähte Pendlerpauschale bestehen, bleibt Klimaschutz im Alltag widersprüchlich. Wir fördern längere Wege und fossilen Verbrauch, statt klimafreundliche Mobilität zu belohnen.
Beim Stromsystem sollten wir nicht auf immer neue Gaskraftwerke setzen, sondern endlich eine echte Flexibilitätsagenda verfolgen – mit Speichern, Lastmanagement und intelligenten Netzen.
Zu wenig Klimaschutz kommt uns am Ende teuer zu stehen: Wir verlieren den Anschluss bei wichtigen Zukunftstechnologien, verschenken Chancen für den wirtschaftlichen Aufschwung, müssen die Folgen der Klimakrise tragen und riskieren zusätzlich milliardenschwere Strafzahlungen. Bis 2030 müsste Deutschland voraussichtlich Emissionszertifikate bei anderen EU-Staaten zukaufen – im schlimmsten Fall für bis zu 34 Milliarden Euro.
US-Präsident Trump besprach seine Militäraktion in Venezuela vorher nicht mit dem Parlament, sondern mit heimischen Ölkonzernen – ein weiteres Argument für eine beschleunigte Energiewende. Doch können wir uns wirklich mit erneuerbaren Energien von den globalen Gas- und Ölmärkten abkoppeln oder ist das nicht eher eine Wunschvorstellung?
Was könnte eine stärkere Motivation für die Energiewende sein als der Wunsch, unabhängig von Männern wie Donald Trump zu sein? Oder der Wunsch, mit unserem Geld keine Kriegskassen, sondern saubere Luft, stabile Ökosysteme und lokale Arbeitsplätze zu finanzieren? Das sind starke, positive Bilder – und genau die brauchen wir, um uns immer wieder daran zu erinnern, warum wir diese tiefgreifende Transformation vorantreiben.
Viele erschrecken jetzt, wie offen Politiker wie Trump ihre fossilen Interessen vertreten und sie dabei sogar über das Völkerrecht stellen. Europa muss sich deshalb so schnell wie möglich aus jeder fossilen Abhängigkeit lösen. Wir dürfen weder von Russland noch von den USA energiepolitisch erpressbar sein. Auch deshalb ist der einseitige Gas‑Fokus der Bundesregierung mit den von ihr geplanten Subventionen für neue Erdgaskraftwerke keine Lösung.
Erneuerbare Energien sind längst eine Frage nationaler und europäischer Sicherheit. Das sehen wir spätestens seit dem Angriff auf die Ukraine und auch jetzt wieder. Was wir brauchen, ist eine Art energiepolitische Unabhängigkeitserklärung für Europa. Leider wird der Green Deal gerade von manchen Mitgliedstaaten wieder infrage gestellt. Genau hier muss Europa zusammenrücken. Die EU-Kommission sollte mit einer klaren Führungsrolle alle Staaten hinter eine ambitionierte Energiewende stellen – für unsere gemeinsame Unabhängigkeit und Sicherheit.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Die CSU will nicht nur ideologisch zurück zur Atomenergie – der teuersten und gefährlichsten Energieform, die kein Betreiber mehr will. Sie greift jetzt auch die Rechte von Umwelt-NGOs an und fordert die Abschaffung des Verbandsklagerechts für Umweltverbände. Das ist nichts anderes als ein Angriff auf die Zivilgesellschaft.
Wenn die CSU das C in ihrem Namen und das Umweltkapitel in ihrem Programm ernst nehmen und sich konsequent für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen einsetzen würde, wären viel weniger Klagen nötig. Ich wünsche mir, dass Umweltverbände gar nicht vor Gericht ziehen müssen, um für unsere Erde und eine lebenswerte Zukunft für Kinder und Kindeskinder zu kämpfen. Das ist aber immer wieder notwendig, weil sich gerade auch Politiker:innen der Unionsparteien vor den Karren fossiler Lobbys spannen lassen. Und genau deshalb ist das Verbandsklagerecht ein essenzieller Bestandteil unserer Demokratie und leider ein notwendiges Instrument im Kampf gegen die Klimakrise.
Als Projektierer wissen wir natürlich, dass Klagen bei einzelnen Projekten anstrengend sein können. Aber sie stellen eben sicher, dass unabhängig vom einzelnen Projektierer der Umweltschutz nicht zu kurz kommt. Genau deshalb brauchen wir Kompromisse und echten Dialog, um Energiewende und Naturschutz bestmöglich zu verbinden. Es ist höchste Zeit, dass auch die Union Umweltverbände als Partner begreift, anstatt sie zu bekämpfen. Dann schaffen wir Tempo beim Ausbau – im Einklang mit Rechtsstaat und Naturschutz.
Fragen: Jörg Staude

Mit dem Energiesystem ist es wie mit dem Internet: je dezentraler, desto sicherer gegen Ausfälle und mit erneuerbaren Energiequellen die auch ohne Netz funktionieren ist das am einfachsten und schnellsten zu realisieren.