Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft und Chefin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW.
Klimareporter°: Frau Kemfert, laut Entwurf für das Gebäudemodernisierungsgesetz soll nicht nur die Vorgabe von 65 Prozent Erneuerbaren fallen, sondern auch das Betriebsverbot für Öl- und Gasheizungen ab 2045. Kann so eine Regelung angesichts des Ziels, 2045 klimaneutral zu sein, überhaupt Bestand haben?
Claudia Kemfert: Das steht politisch und rechtlich auf sehr wackligen Beinen. Wer Klimaneutralität bis 2045 ins Gesetz schreibt, kann nicht gleichzeitig den Heizungskeller zur fossilen Komfortzone erklären. Das passt schlicht nicht zusammen.
Der Gebäudesektor muss klimaneutral werden. Dafür braucht es einen klaren Pfad, verlässliche Leitplanken und Planungssicherheit. Wenn man die Ziele groß stehen lässt, aber die zentralen Instrumente streicht, ist das ein klimapolitischer Kurzschluss.
Auch rechtlich dürfte das angreifbar sein. Klimaschutzgesetz, EU-Vorgaben und die Pflicht zum Schutz künftiger Freiheitsrechte verlangen, dass die Ziele erreichbar bleiben.
Die sogenannte "Bio-Treppe" im Gesetzentwurf hilft dabei kaum. Nachhaltige Biomasse ist in diesen Mengen nicht verfügbar, wird anderswo dringender gebraucht und kann für Haushalte zur Kostenfalle werden. Am Ende verlängert man fossile Lock-ins, verteuert das Heizen und gefährdet die Klimaziele.
Schon die ersten Maitage zeigten: Bei viel Sonnenschein dreht der Strompreis an der Börse immer häufiger ins Negative. Gibt es hier – vor allem kurzfristig – echte Abhilfe?
Negative Strompreise sind kein Beleg für "zu viel erneuerbare Energie". Sie sind ein Warnsignal für zu wenig Flexibilität. Die Sonne liefert, aber das System kommt noch nicht schnell genug hinterher.
Wir haben nicht zu viel Solarstrom, sondern zu wenig Speicher, zu wenig Lastmanagement, zu langsame Digitalisierung und noch immer eine zu starre konventionelle Erzeugung.
Kurzfristig hilft alles, was Verbrauch verschieben und Strom aufnehmen kann: Batteriespeicher, Wärmepumpen, E‑Autos, Elektrolyseure, flexible Industrieprozesse und dynamische Tarife. Der Strom muss genutzt werden, wenn er da ist, statt ihn abzuregeln oder zum Problem zu erklären.
In dem von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche vorgelegten Jahreswirtschaftsbericht für 2026 fehlen ökologische und soziale Indikatoren, die unter ihrem Vorgänger Robert Habeck auf internationale Empfehlungen hin aufgenommen worden waren. Das beruhte auf der Einsicht, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht allein an der Wertschöpfung gemessen werden kann.
Allerdings gilt auch, dass nur verteilt werden kann, was vorher erwirtschaftet wurde. Wie sehen Sie das?
Wohlstand ist mehr als Bruttoinlandsprodukt. Natürlich muss Wertschöpfung erwirtschaftet werden. Aber eine Wirtschaft, die Klima, Gesundheit, Bildung, Verteilung und ökologische Schäden ausblendet, schaut nur auf die Kasse und übersieht das Fundament.
Gerade die Klimakrise zeigt doch: Was heute wie Wachstum aussieht, kann morgen zur gewaltigen Rechnung werden. Hitzeschäden, Ernteausfälle, zerstörte Infrastruktur, Gesundheitskosten, all das ist ökonomisch relevant.
Ökologische und soziale Indikatoren sind kein Beiwerk, sondern ein Frühwarnsystem. Sie zu streichen, ist kein Realismus, sondern ein Rückfall in eine überholte Wohlstandslogik.
Der Klimawandel ist in Europa längst spürbar, zeigt der neue Copernicus-Bericht. 2025 gab es Rekordhitze, schmelzende Gletscher und mehr als eine Million Hektar verbrannte Waldfläche. Müsste das nicht ein Weckruf sein, Klimaanpassung viel stärker mitzudenken?
Ja, unbedingt. Dieser Bericht ist kein weiterer technischer Klimabericht für die Ablage, sondern ein Alarmsignal.
Europa erhitzt sich mehr als doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Hitzewellen, Dürren, schmelzende Gletscher, Waldbrände und Starkregen sind längst keine fernen Risiken mehr, sondern konkrete Belastungen für Menschen, Kommunen und Volkswirtschaften.
Klimaanpassung muss deshalb raus aus der Nische und rein in die Infrastrukturpolitik. Wir brauchen Hitzeschutz in Städten, Schwammstadt-Konzepte, Wassermanagement, Waldumbau, Gesundheitsvorsorge und besseren Katastrophenschutz.
Aber Anpassung ist keine Ausrede, beim Klimaschutz langsamer zu werden. Wer nur die Schäden repariert und die Ursachen weiterlaufen lässt, zahlt doppelt: erst für fossile Energien, dann für die Klimafolgen.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Das ist die neue Erzählung von der "Freiheit im Heizungskeller". Das klingt nach Wahlfreiheit, ist aber oft nur die freundliche Verpackung für eine fossile Kostenfalle. Denn wer Haushalte länger an Öl und Gas bindet, liefert sie steigenden CO2-Preisen, knappen Ersatzbrennstoffen und neuen Abhängigkeiten aus.
Echte Technologieoffenheit heißt nicht: alles offenlassen, bis es teuer wird. Sie braucht Technologieklarheit. Also klare Leitplanken, verlässliche Planung und den Fokus auf Lösungen, die dauerhaft bezahlbar und klimaneutral sind und die unabhängig machen.
Fragen: Jörg Staude und Tine Heni

"Europa erhitzt sich mehr als doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt." Ja, allerdings sollte man nicht mit dem globalen Durchschnitt vergleichen, sondern mit dem globalen Land-Durchschnitt, also die Meere ausklammern, dann relativiert sich die Aussage einigermassen.
Relative Betrachtungen machen nur begrenzt Sinn.
Wenn sich die Temperatur um einen gewissen Betrag erhöht, sind damit Änderungen im Wettersystem (Dürren, Starkregenereignisse) und auch in den Ökosystemen verbunden. Daher sind Daten zu den absoluten Änderungen aussagekräftiger.