Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Matthias Willenbacher, Gründer der Plattform für nachhaltiges Investieren Wiwin.
Klimareporter°: Herr Willenbacher, eine Woche vor der Bundestagswahl rangiert der Klimaschutz weiter auf den hinteren Plätzen und findet in den Runden der Parteispitzen kaum Erwähnung. Um das zu ändern, hatte die Klimabewegung am Freitag zu einem bundesweiten Streiktag aufgerufen. Ist das noch die richtige Form, sich für mehr Klimaschutz einzusetzen?
Matthias Willenbacher: Öffentlicher Protest wirkt – auch wenn manche Politiker:innen das Gegenteil behaupten. Friedrich Merz tat kürzlich so, als seien die Demonstrationen gegen das Abstimmungsverhalten der Union bedeutungslos.
Doch CDU und CSU wissen genau: Wenn sie sich noch einmal so einen Fehler leisten, werden sie ihre gesellschaftliche Akzeptanz weiter beschädigen. Die Zivilgesellschaft zeigt mit ihrem Protest, dass sie bestimmtes politisches Verhalten nicht toleriert.
Gleiches gilt für die Klimastreiks. Sie zeigen, dass das Thema den Menschen weiterhin wichtig ist. Die Klimaproteste bilden die Grundlage für die anderen Instrumente einer erfolgreichen, zukunftsorientierten zivilgesellschaftlichen Klimabewegung, wie Klagen, Lobbyarbeit, Studien, soziale Ausgleichssysteme und noch viele weitere.
Nach der Wahl von Trump erleben Finanzanlagen, die unter Nachhaltigkeitskriterien gemanagt werden, in den USA einen völligen Einbruch. Große US-Banken und Vermögensverwalter wie Blackrock zogen sich zudem aus Klimabündnissen wie der Net Zero Alliance zurück. Wird das Öko-Desaster auch auf Europa und Deutschland übergreifen?
Die schwierige Situation für nachhaltige Geldanlagepolitik in den USA kann für Europa und Deutschland eine Chance sein. Es besteht weiterhin ein großes Bedürfnis bei vielen privaten Anleger:innen, ihr Kapital nicht nur renditeorientiert, sondern auch nachhaltig anzulegen. Die Erfahrungen unseres Crowdinvesting-Unternehmens Wiwin zeigen das deutlich.
Europa müsste sich "nur" auf Nachhaltigkeitskriterien einigen, die ein Greenwashing verhindern, um einen internationalen Standard zu setzen. Damit würde sich Europa an die Spitze der Bewegung setzen und würde viele Investor:innen anlocken. Wenn die US-Regierung und die US-amerikanischen Vermögensverwalter erstmal nicht mitspielen, ist das in Ordnung.
Da der Klimawandel leider weitergeht, wird eine nachhaltige Unternehmensausrichtung aber immer wichtiger. Der Druck auf die US-Regierung wird – wie die Schadenssummen mit jeder Katastrophe im Land – steigen. Das Risiko für Fehlinvestitionen wird damit ebenfalls immer höher. Am Ende wollen Investor:innen Sicherheit, und die bieten auf längere Sicht nur nachhaltig wirtschaftende Unternehmen.
Kurz vor dem Ende der Legislatur beschlossen Union, SPD und Grüne noch einige energiepolitische Gesetze, darunter das "Solarspitzengesetz". Damit erhalten EEG-geförderte Solarstromanlagen in Zeiten negativer Strompreise keine Einspeisevergütung mehr – diese Zeiten werden später "nachgefördert". Außerdem dürfen neue Solaranlagen um die Mittagszeit nur noch 60 Prozent des erzeugten Stroms ins Netz geben, sofern sie kein intelligentes Messsystem haben. Was hat das für Folgen für den Ausbau der Photovoltaik?
Das Gesetz wird den Ausbau der Dach-Photovoltaik nicht beeinträchtigen. Der Stopp der Vergütungszahlungen bei negativen Strompreisen wird über einen intelligenten Kompensationsmechanismus ausgeglichen.
Und die Kappung der Mittagsspitzen reduziert nach Berechnungen des Solarwirtschaftsverbandes BSW nur bei Volleinspeiseanlagen die Einnahmen zwischen einem und neun Prozent, je nach Anlagenausrichtung. Hat man einen Batteriespeicher mit intelligentem Messsystem installiert, sollte faktisch kein Verlust auftreten.
Wirklich gut an dem Gesetz ist die Regelung, dass jetzt auch Netzstrom in eine Batterie eingespeist werden kann. So können Batterien netz- und systemdienlicher betrieben werden. Bleibt zu hoffen, dass die Bundesnetzagentur schnell die noch notwendigen Festlegungen vorlegt.
Das Gesetz sollte zudem noch ergänzt werden, damit der Ausbau der erneuerbaren Energien weiter schnell voranschreitet. Schrittweise sollten alte Wind- und Solarparks weiter in der Leistung gedrosselt werden können, um neue Photovoltaik- und Windparks auch angeschlossen zu bekommen. Neuere Anlagen müssen dann den Ausfall der Altanlagen mitübernehmen. Die Einspeisevergütung muss entsprechend angehoben werden.
Denn auf den Netzausbau zu warten, wäre fatal. Der wird, wenn überhaupt, zu spät kommen. Wahrscheinlicher ist, dass die exponentiell fallenden Batteriepreise den Netzausbau komplett überflüssig machen. Deshalb muss der Übergang durch eine Reduktion der maximalen Einspeisung realisiert werden.
Bis zuletzt hofften die Bürgerenergie-Leute, die Ampel-Koalition würde endlich auch die seit Jahren überfälligen Verbesserungen für die gemeinschaftliche Energieversorgung, das sogenannte Energy Sharing, beschließen. Das geschah nicht. Ist das Energy Sharing der eigentliche energiepolitische Verlierer der Ampel?
Es ist extrem ärgerlich, dass das Energy Sharing – also die gemeinsame Nutzung von gemeinsam erzeugtem Strom über das öffentliche Netz – nicht mehr gesetzlich verankert wurde, weil die Ampel-Koalition zerbrochen ist. Andererseits war die vorgesehene Regelung so gestrickt, dass es nicht wirtschaftlich gewesen wäre, Energy Sharing umzusetzen. Das stand sogar so in der Gesetzesbegründung.
Insofern hätte sich die nächste Bundesregierung dem Thema sowieso widmen müssen. Jetzt besteht zumindest die Chance, gleich ein funktionierendes Geschäftsmodell zu ermöglichen.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Wirklich überraschend fand ich die Reaktion von Alice Weidel auf eine Frage des Geschäftsführers zweier Bürgerwindparks in Schleswig-Holstein. Der Betreiber wollte wissen, was die AfD-Chefin denn den Kommunen sagen würde, wenn die Einnahmen aus den Windparks nicht mehr fließen würden, sollten die Anlagen, wie von der AfD gewollt, abgerissen werden.
Die Antwort von Alice Weidel war, dass Deutschland zur Kernenergie zurückkehren sollte und sich keine subventionierte Energieerzeugung leisten könne.
Ich stelle mir gerade die kleine Gemeinde in Schleswig-Holstein vor, die ein Atomkraftwerk auf ihrem Gemeindegebiet plant, um die Gemeindekasse aufzubessern. Und das auch noch ohne Subventionen.
Der Gedanke ist so absurd, dass man ihn für Satire halten könnte, wenn er nicht ernst gemeint wäre.
Fragen: Jörg Staude
