Die Idee ist eigentlich bestechend. In diesem Jahr gab es in Deutschland bis in den November wegen eines zeitweise starken Überangebots an Strom mehr als 560 Stunden mit negativen Preisen an der Strombörse – so viele wie noch nie zuvor, vermerkt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin in einem Wochenbericht.
Als wesentlichen Grund für steigende Zeiten mit negativen Preisen nennen die Forscher die stark gewachsene Zahl von Solaranlagen auf Dächern. So zeigten Daten der Bundesnetzagentur, in den "Negativ"-Stunden habe vor allem die Photovoltaik Strom erzeugt, gefolgt von Windkraft. Steinkohle- und Braunkohlekraftwerke, die früher noch größere Anteile an der Stromerzeugung in Negativpreisstunden gehabt hätten, spielten hier 2025 fast keine Rolle mehr, bilanziert das DIW.
Bei negativen Strompreisen wird in Deutschland Stromerzeugung abgeregelt, also vom Netz genommen. Das trifft vor allem die beiden erneuerbaren Energien Sonne und Wind. Die Betreiber erhalten zum Ausgleich eine Entschädigung für entgangene Einnahmen.
Bei diesem sogenannten Redispatch fallen noch weitere Aufwendungen an, etwa Kosten für die Einspeisung erneuerbarer Anlagen bei negativen Preisen sowie für hochfahrende Gaskraftwerke. Letztere entstehen, wenn Großverbraucher im Süden preiswerten Grünstrom im Norden kaufen, dieser aber wegen Netzengpässen nicht von dort bezogen werden kann und der "billige" Strom dann ersatzweise von teureren Gaskraftwerken im Süden kommen muss.
Solarstrom auch für Haushalte ohne Solaranlage
2024 kostete der gesamte Redispatch in Deutschland um die 2,7 Milliarden Euro, 2023 waren es noch mehr als 3,3 Milliarden gewesen. Die Milliarden werden auf die Netzentgelte umgelegt und von den Stromkunden über den Strompreis bezahlt.
Ein Teil der Redispatch-Kosten resultiert dabei aus der Vergütung für den produzierten Strom, die den Erzeugern zustehen würde, erläutert Strommarktexperte Simon Müller. Bürgerinnen und Bürger zahlten über die Netzentgelte also für etwas, das sie gar nicht nutzen können, bemerkt der einstige Direktor des Thinktanks Agora Energiewende.
Solarstrom, der gerade um die Mittagszeit im Überfluss vorhanden und oft auch schon vergütet ist, nicht abzuregeln, sondern zu den Haushalten durchzuleiten, die bisher eher wenig von den Vorteilen der Photovoltaik profitieren – das stellt sich als frappierende Kernidee des "Solarbonus" dar. Den hat Simon Müller für die Grünen entwickelt – und den beschloss die Partei auf ihrem jüngsten Parteitag.
Das Konzept könnte sich teilweise sogar selbst finanzieren. Denn muss der Solarstrom nicht abgeregelt und entschädigt werden, sondern wird er in den Haushalten genutzt, sinken möglicherweise die Kosten für den Redispatch.
"Da der Strompreis häufig sogar negativ ist, ließen sich tatsächlich Einsparungen erzielen", bestätigt Müller. Allein im Zeitraum von Mai bis August 2025 haben nach seinen Angaben die Kosten für die Vermarktung von Wind- und Solarstrom zu negativen Zeiten an der Strombörse bei rund 200 Millionen Euro gelegen.
Solarbonus soll helfen, den Verbrauch zu flexibilisieren
Die entscheidende Hürde ist nur: Man muss den Überschuss-Strom irgendwie zu den Verbrauchern bringen – und möglichst zu den Haushalten, die keine eigene Photovoltaik-Erzeugung auf dem Dach, im Garten oder auf dem Balkon haben und auch von diesen nutzen zu lassen.
Den Grünen schwebt da eine durchdigitalisierte Stromwelt vor, in der der größte Teil der Haushalte – mit Smart Meter, dynamischem Stromtarif und möglichst noch einem Stromspeicher versehen – den bislang abgeregelten Solarstrom gewissermaßen "aufsaugt" und gleich oder später verbraucht.
Damit der Solarbonus seine Vorteile ausspielen kann, ist zum Beispiel die 15-minütige Abrechnung des Stromverbrauchs eine Voraussetzung, betont Simon Müller. Dafür sollen aber auch einfachere Smart Meter ausreichen, die nicht in den Stromverbrauch der Haushalte eingreifen.
Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin hält es ebenfalls im Sinne der Energiewende für nützlich, den Stromverbrauch auf die Mittagszeit zu verschieben. "Um dies allerdings sinnvoll abrechnen zu können, wären Smart Meter erforderlich", meint auch der Energieforscher.
Smart-Meter-Rollout könnte sich beschleunigen
Die intelligenten Messsysteme seien zwar in Deutschland bislang nur in sehr geringer Stückzahl vorhanden, ein Solarbonus könnte aber die Attraktivität für den Einbau von Smart Metern steigern, hebt Quaschning hervor. Allerdings wäre der bürokratische Aufwand für die Umsetzung der Solarbonus-Idee seiner Ansicht nach sehr hoch.
Tatsächlich stockt die Digitalisierung des Stromsystems bisher erheblich. Erst drei bis fünf Prozent aller Haushalte sind mit Smart Metern ausgestattet. Ginge es im jetzigen Tempo weiter, würden 100 Prozent erst 2040 erreicht, wird ausgerechnet.
Auch Simon Müller kann sich vorstellen, dass der Bonus den Druck auf die Netzbetreiber erhöht, bei der Digitalisierung endlich zu liefern. "Das ist ein wesentliches Ziel des Vorschlags. Wir könnten auch schon 2030 mit der Digitalisierung praktisch fertig sein."
Wie er betont, ist für ihn ein wichtiges und systemisches Ziel des Solarbonus, die Digitalisierung des Stromsystems anzukurbeln. Für eine Übergangsphase kann sich Müller aber auch vorstellen, den Solarbonus einfach rechnerisch auf den Strompreis umzulegen, damit auch Kunden ohne Smart Meter profitieren.
Quaschning wiederum hält es für deutlich einfacher und vermutlich unbürokratischer, einkommensschwachen Haushalten einen vergleichsweise hohen Bonus dafür zu zahlen, wenn sie ein Smart Meter einbauen lassen und zu einem variablen Stromtarif wechseln. Voraussetzung wäre allerdings, betont er, dass die zuständigen Netzbetreiber in der Lage sind, die neuen Zähler zeitnah einzubauen.
Bonus bleibt im zweistelligen Bereich pro Jahr
Wer schon mal nachrechnen will, wie 600 Stunden Gratis-Sonnenstrom die eigene Stromrechnung sinken lassen, sollte vorsichtig sein. Denn bei den eingangs erwähnten Entschädigungen im Redispatch werden den Anlagenbetreibern allein ihre Erzeugungskosten erstattet.
Diese haben in Deutschland aber nur einen Anteil von etwa 40 Prozent am gesamten Strompreis – der größere Rest sind eben die Netzentgelte sowie diverse Abgaben und Steuern. Die würden natürlich wieder fällig werden, würde der Solarstrom nicht abgeregelt, sondern zu den Haushalten geleitet.
Diese Kosten wären auszugleichen, will man den Haushalten den Solarstrom wirklich, wie die Grünen es beschlossen haben, gratis zur Verfügung stellen. Das würde vermutlich in den ersten Jahren Zuschüsse von etwa zwei Milliarden Euro erfordern, beziffert Simon Müller den Finanzbedarf. Mittel- und langfristig würden sich aber keine Mehrkosten ergeben, betont er.
Angenommen aber, die 600 Stunden würden gratis sein und die Haushalte müssten in der Zeit nicht die aktuell im Schnitt üblichen 39 Cent für die Kilowattstunde Strom zahlen – wie viel würde der Bonus dann sparen?
Nach Angaben des Berliner Energieversorgers Gasag verbrauchen Ein-Personen-Haushalte in Deutschland täglich im Schnitt 3,6 Kilowattstunden Strom und zwei Personen-Haushalte um die 5,5 Kilowattstunden – das ergäbe dann bei 600 Stunden Gratisstrom für Ein-Personen-Haushalte 35 Euro jährliche Ersparnis und für Zwei-Personen-Haushalte etwas mehr als 50 Euro. Der Bonus ist eben, auch wenn er ein grüner ist, am Ende "nur" ein Bonus – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Eine Verschiebung des Solarstrom-Verbrauchs in einem digitalisierten System in die Abendstunden hätte am Ende auch einen Klimaeffekt: "Durch gespeicherten Solarstrom ließe sich teure und schmutzige Gaserzeugung am Abend aus dem System verdrängen", beschreibt Simon Müller den Vorgang. Und weil das in den Abendstunden dann allein der Markt regele, werde auch keine Entschädigung fällig.

Das grundsätzliche Problem bleibt allerdings die einheitliche Strompreiszone in Deutschland. Wenn im Norden oder Süden der Republik die Erneuerbaren den Strompreis ins Negative drücken, so kommt am anderen Ende des Landes noch lange kein Strom an.
In letzten Zeit ist zudem ein stark erhöhter Redispatch in den Verteilnetzen (Redispatch 2.0) zu verzeichnen, ein Großteil davon war auf die Einspeisung von PV-Anlagen zurückzuführen:
https://www.smard.de/page/home/topic-article/444/218702/anstieg-der-verursachung-im-verteilernetz
Wir werden also nicht an lokalen/regionalen Preissignalen vorbei kommen, wenn dir die Abregelung von EE-Anlagen verhindern möchten.