Es war der 1. Mai 1986. Ein schöner, warmer Frühlingstag, blauer Himmel, Sonne satt. Jeder, der konnte, war an der frischen Luft, um den Feiertag zu genießen. Es war der Tag, an dem die Radioaktivität aus dem explodierten Tschernobyl-Reaktor in Deutschland ankam.
Der Autor dieser Zeilen war damals ein junger Nachrichtenredakteur bei der Frankfurter Rundschau, zuständig unter anderem für Umweltpolitik. Ich hatte Feiertagsdienst, und als die Agenturmeldungen zur "Strahlen-Wolke" über den Ticker liefen, war der Schock groß. Professionell, aber auch persönlich.
Die Bundesregierung hatte noch kurz vorher beschwichtigt. Die Radioaktivität aus dem havarierten Meiler könne Deutschland wegen der großen Entfernung – 1.000 Kilometer bis zur Grenze – gar nicht erreichen. Doch nun war sie da. Und es war klar: Dieses Ereignis würde nicht nur die Zeitung des nächsten Tages bestimmen.
Man hatte auch selbst große Angst vor dieser völlig neuen, unsichtbaren, aber realen Gefahr, für sich selbst und die eigene Familie. Jeder in der Redaktion versuchte, seine Angehörigen zu erreichen, um vor einem Aufenthalt im Freien zu warnen. Ich schaffte es nicht, meine Frau war mit unserer zweijährigen Tochter bei dem schönen Wetter natürlich unterwegs. Handys gab es ja noch nicht. Und die Panik wuchs.
Gesperrte Spielplätze
Es folgten irre Wochen und Monate. Niemand, der die Zeit damals miterlebt hat, wird sie vergessen. Die Angst, auf dem Nachhauseweg vom radioaktiven Regen überrascht zu werden. Spielverbot für Kinder im Freien. Stopp! Nicht mit den Straßenschuhen in die Wohnung.
Ab zu Aldi, Konserven statt Frischgemüse kaufen. Obst und Gemüse nur noch aus Spanien, das kaum etwas vom Fallout abbekommen hatte, oder Südafrika und Chile. Ganze Tiefkühltruhen in den Lebensmittelgeschäften leergeräumt, Hamsterkäufe. Ein Run auf Vor-Tschernobyl-H‑Milch statt Frischmilch.
"Die Vorhölle des Sarkophags"
"Dann wird ernst. Der Führer der kleinen Gruppe weist uns an, den Gaze-Mundschutz, der das Einatmen radioaktiven Staubs verhindern soll, über das Gesicht zu ziehen. Hinter einer Tür liegt der Leitstand von Block Nummer vier, in dem in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 durch Reaktortests der Super-Gau ausgelöst wurde."
Es war die wohl eindrucksvollste und wohl auch gefährlichste Reise in meinem journalistischen Leben. Ein Besuch in der Reaktor-Ruine von Tschernobyl im Jahr 1991, fünf Jahre nach der Katastrophe, die ganz Europa in Angst und Schrecken versetzt hatte.
Noch heute, 35 Jahre später, steht mir vor Augen, wie auf der Fahrt dorthin der damals notdürftig um den havarierten Reaktor betonierte erste "Sarkophag" auftauchte, die Geigerzähler ausgepackt wurden und wir bis in den Leitstand gebracht wurden. Von dort aus führte der Weg direkt in die havarierte Zone, in der ein Uran-Sand-Gemisch sich nach dem Super-GAU bis in den "Keller" des Reaktors durchgeschmolzen hatte und wo aufgrund des fortgesetzten radioaktiven Zerfalls teilweise noch Temperaturen von 250 Grad herrschen.
"Wer sich in die Reaktor-Katakomben begibt, muss sprinten können", schrieb ich in der Reportage. "Stellen mit erträglichen Strahlenwerten, wo man kurz verweilen kann, um Erläuterungen anzuhören, wechseln mit 'heißen' Zonen, durch die der Führer die Besucher schnell hindurchpeitscht."
Nicht so intensiv, aber genauso gespenstisch dann der Besuch in der Geisterstadt Pripjat nahe dem Reaktor. Hier hatte vor dem Super-GAU die AKW-Belegschaft samt Familien gewohnt – immerhin 48.000 Menschen. Pripjat war damals seit gut fünf Jahren unbewohnt, evakuiert am Tag nach der Katastrophe. Hier wie in der ganzen 30-Kilometer-Sperrzone war Wohnen nicht erlaubt.
Umso grotesker: Der Havarie-Reaktor wurde zu der Zeit trotz der Strahlenbelastung noch betrieben, mit Personal, das täglich mit Bussen zu den Schichten herangekarrt wurde. Die zwei nicht zerstörten AKW-Blöcke wurden trotz der Strahlenbelastung weiterbetrieben, die Ukraine glaubte, auf den Strom nicht verzichten zu können.
Der Artikel "Die Vorhölle des Sarkophags" erschien am 21.10.1991 in der Frankfurter Rundschau.
"Es war eine böse Zeit. Man hatte Angst, die Kinder im Sandkasten spielen zu lassen", erinnerte sich später der frühere Bundesforschungsminister Volker Hauff (SPD). Zyniker sprachen von der "German Angst", während die Menschen in anderen, ähnlich belasteten Ländern deutlich cooler damit umgingen.
Es herrschte enorme Verunsicherung, wie gefährlich "die Wolke" denn nun tatsächlich war. Der Bund erließ Grenzwerte für die radioaktive Belastung von Böden und Lebensmitteln, Bundesländer wie Hessen hielten sie für viel zu locker, empfahlen schärfere Werte. Spielplätze wurden gesperrt, vielerorts der Sand dort später mit unbelasteten Chargen ausgetauscht.
Ganze Salat- und Gemüse-Ernten mussten untergepflügt werden. Die Zeitungen veröffentlichten täglich Becquerel-Werte. Frischmilch war praktisch unverkäuflich, das in der Not daraus hergestellte, belastete Molkepulver wurde zur Lagerung in Eisenbahnwaggons gepackt.
Der "Molkepulverzug" der bayerischen Firma Meggle mit 5.000 Tonnen Ladung geisterte dann durch Deutschland. Entsorgt wurde er erst Jahre später, obwohl der damalige bayerische Umweltminister Alfred Dick (CSU) zum Beweis der Ungefährlichkeit Kostproben davon vor laufenden Kameras heruntergeschluckt hatte.
Nachbarländer ohne Messwerte
Grotesk: Im Nachbarland Frankreich, dem Atommekka mit seinen über 50 Reaktoren, gab es kaum offizielle Informationen über radioaktive Belastung, die Wolke schien an der Grenze haltgemacht zu haben. In der DDR wurden gar keine Messwerte veröffentlicht. Staatschef Erich Honecker riet allerdings dazu, Salat vor dem Essen lieber zweimal zu waschen.
Und plötzlich gab es dort Erdbeeren und Weintrauben zu kaufen, sonst Mangelware. "Da wussten wir genau, die waren anderswo nicht abzusetzen", berichtete die spätere Bundeskanzlerin Angela Merkel, die 1986 als Physikerin in Berlin-Adlershof gearbeitet hatte. Sie habe lieber keine gekauft, schrieb sie in einem Buch, das mein damaliger Kollege Karl-Heinz-Karisch 1996 zum zehnten Jahrestag der Katastrophe herausgab.
Mitte 1986 sah es so aus, als werde Tschernobyl eine schnelle Zeitenwende in der deutschen Energiepolitik auslösen. Der Aufruhr in der Öffentlichkeit war extrem.
Das Öko-Institut in Freiburg und Darmstadt sowie das Heidelberger Ifeu-Institut, vorher als Hort von "Turnschuh-Wissenschaftlern" verhöhnt, wurden plötzlich zur ersten Adresse. Sie hatten schließlich immer schon vor den AKW-Gefahren gewarnt. Es wurden Berechnungen gemacht, die zeigten, wie schnell und mit welchen Folgen für die Emissionen der Atomstrom durch andere Kraftwerkskapazitäten und Energiesparen ersetzt werden könnte.
Deutschland bekommt ein Umweltministerium
Auch politisch hatte Tschernobyl Folgen. Die SPD, ehedem vehemente Pro-Atom-Partei, ging auf ihrem Parteitag im August 1986 auf Ausstiegskurs. Ziel: die damals 19 AKW in Westdeutschland binnen zehn Jahren nach und nach abzuschalten. Die fünf Jahre zuvor gegründeten Grünen, mit Anti-Atom in ihrer politischen DNA, forderten den Sofortausstieg.
Die Bundesregierung aus Union und FDP allerdings schaffte es, den Ausstiegsdruck abzuwettern. Regierungschef Helmut Kohl (CDU) schuf ein Bundesumweltministerium, ausdrücklich zuständig auch für "Reaktorsicherheit". Das sollte als Blitzableiter dienen, zeigen, wie ernst die Regierung das Thema nahm.
"Wir durften nicht aussteigen", kommentierte später der erste Minister, Walter Wallmann (CDU), nachmals hessischer Ministerpräsident. Die Atomdiskussion in Deutschland habe "auch irrationale Züge" gehabt, und nicht zuletzt die Gründung des Umweltministeriums habe "die Debatte versachlicht".
Motto: So etwas kann bei uns im Westen nicht passieren. Wallmanns Nachfolger war Umweltminister Klaus Töpfer (CDU), der später immerhin erkannte: "Wir müssen eine Zukunft ohne Kernenergie erfinden."
Russische Atomindustrie heute
Russland hat trotz der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 in der damals zur Sowjetunion gehörenden Ukraine am Ausbau der Atomkraft festgehalten und ist international zu einem wesentlichen Anbieter von Material und Dienstleistungen in dem Sektor geworden, von Natururan über Uran-Anreicherung bis zur Brennelemente-Fertigung.
In den letzten 40 Jahren hat sich die Atomstrom-Produktion in Russland etwa verdoppelt. Immer noch laufen 19 AKW sowjetischer Bauart in fünf EU-Ländern, darunter Ungarn und Tschechien, die Bedarf an entsprechendem Brennstoff haben.
Gleichzeitig ist eine weit verzweigte Verknüpfung russischer und westlicher Unternehmen in diesem Bereich entstanden. Der russische Atomkonzern Rosatom ist aber auch zu einem Kunden für westliche Firmen geworden.
Die Konzerne Siemens (Deutschland) und Framatome (Frankreich) liefern nach Angaben des renommierten Nuklearexperten Mycle Schneider Steuertechnologie für russische AKW, das französische Unternehmen Arabelle Solutions Turbinen. Die Geschäftsbeziehungen mit Russland gehen also auch vier Jahre nach dem Angriff auf die Ukraine und nach 19 EU-Sanktionspaketen weiter.
Russland ist heute nach China international der wichtigste Akteur beim Neubau von Atomkraftwerken. In den sechs Jahren von 2020 bis Ende 2025 gingen weltweit 51 AKW in Bau, davon wurden 36 von der chinesischen Atomindustrie in Angriff genommen, bis auf eines in Pakistan alle in China selbst – die restlichen 14 von dem russischen Rosatom-Konzern in verschiedenen Ländern.
Die unverbrüchlichen Atombefürworter hierzulande argumentierten, der Super-GAU in der Ukraine sei auf die in dem dortigen Reaktor verbaute schrottige Sowjet-Technologie zurückzuführen. "Der Tschernobyl-Reaktor ist eine Fehlkonstruktion", konstatierte der damalige Chef der deutschen Reaktorsicherheitskommission, Adolf Birkhofer. Er habe sich nicht vorstellen können, "dass jemand einen Reaktor derart saublöd auslegt".
Interessanterweise hatte das Hausblatt der deutschen AKW-Industrie, die Atomwirtschaft, nur drei Jahre zuvor die Sicherheitseigenschaften der sowjetischen Reaktoren und speziell des Tschernobyl-Typs ausdrücklich gelobt. Und im Bulletin der Internationalen Atombehörde IAEA in Wien hieß es dazu sogar: "Ein ernster Kühlmittelverluststörfall ist praktisch ausgeschlossen". Genau der aber passierte dann am 26. April 1986 in Tschernobyl.
Harrisburg war viel ähnlicher
Fachleute wussten natürlich, dass auch in den viel gelobten West-AKW ein Super-GAU mit absolut verheerenden Folgen möglich war. Selbst in den offiziellen Risikostudien der Bundesregierung konnte man das nachlesen. Umstritten war nur, wie groß das angebliche "Restrisiko" war.
Birkhofer räumte die Gefahr indirekt ein, indem er darauf verwies, dass der Beinahe-Super-GAU im US-amerikanischen AKW Harrisburg im Jahr 1979 "insofern mehr mit uns zu tun hatte, als der Aufbau dieses Reaktors dem unserer Atomkraftwerke viel ähnlicher ist als der von Tschernobyl".
In Harrisburg kam es damals zu einer Teil-Kernschmelze, die ein Drittel der Brennstäbe zerstörte. Eine Katastrophe mit berstendem Reaktor wurde nur knapp verhindert, und bis zu 200.000 Menschen flohen aus der Region oder wurden evakuiert.
Deutsche Studien, etwa vorgelegt vom Öko-Institut, zeigten, dass bei einem Super-GAU auch hierzulande weite Regionen um die AKW-Standorte für lange Zeit unbewohnbar geworden wären. Ein Super-GAU im südhessischen Biblis zum Beispiel hätte auch Großstädte wie Frankfurt am Main sowie Mainz und Wiesbaden direkt betroffen.
Startpunkt für die Energiewende-Bewegung
Der Schock in der Bevölkerung, so tiefgreifend er Anfangs war, flaute natürlich wieder ab. Dem damaligen hessischen Umweltminister Joschka Fischer (Grüne) schwante schon ein gutes Vierteljahr nach der Katastrophe in der Ukraine, dass nicht einmal ein solches Ereignis einen schnellen Umschwung in der deutschen Energiepolitik auslösen würde.
"Inzwischen ist längst wieder 'Normalität' eingekehrt", schrieb Fischer im Vorwort zu einer Studie über "Energieversorgung ohne Atomkraft", die er in Auftrag gegeben hatte. "Dort noch ein bisschen Cäsium im Boden, hier ein wenig in der Johannisbeer-Ernte, und die Waldpilze in diesem Jahr – besser nicht genießen. Ansonsten kümmert uns nur noch wenig, was in den ersten Maitagen geschah. Alles schon vergessen?"
Ganz so war es freilich nicht. Tatsächlich wirkte Tschernobyl wie ein Nachbrenner für die umweltbewegte Öffentlichkeit. Die Umweltverbände gewannen viele neue Mitglieder, es bildeten sich Anti-AKW-Gruppen und Energiewende-Komitees, auch Tschernobyl-NGOs, die Kindern aus belasteten Regionen Ferien in Deutschland ermöglichten. In der DDR trug Tschernobyl zum Wachstum der zumeist kirchlichen und umweltbewegten Opposition bei.
Und längerfristig hatte der Tschernobyl-Fallout dann doch Folgen in Deutschland, genau 14 Jahre später. Als SPD und Grüne 1998 die Bundesregierung bildeten, begannen sie Verhandlungen mit den Stromkonzernen über einen Atomausstieg, der dann 2000 im Bundestag beschlossen wurde.
Die christliberale Merkel-Regierung kippte ihn ein Jahrzehnt später wieder, nur um ihn nach Fukushima 2011 wieder in Kraft zu setzen – mit Unterstützung aller Parteien. Die letzten drei AKW gingen im Frühjahr 2023 vom Netz.
Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Das unfriedliche Atom
