Der Krieg gegen den Iran und die weitgehende Blockade der Straße von Hormus treiben nicht nur Öl- und Gaspreise nach oben. Vor allem in Asien erleben Kohlekraftwerke wegen des Kostenschocks und zunehmender Energieknappheit eine unerwartete Renaissance.
Ausgerechnet der klimaschädlichste fossile Energieträger wird vielerorts wieder als Rettungsanker entdeckt, weil Regierungen in der Krise vor allem auf schnelle Verfügbarkeit und Versorgungssicherheit setzen. Länder wie Japan, Südkorea oder Bangladesch fahren Kohleanlagen hoch oder lockern Beschränkungen für alte Kraftwerke, weil Gas knapp und teuer geworden ist.
Das Blatt Financial Times berichtet, der Krieg zwinge die Region in eine fossile Notlogik. Asiatische Länder drehten "den Hahn bei der Kohleverstromung auf, um steigende Gaspreise und Versorgungsrisiken auszugleichen", zitiert die FT Anthony Knutson vom Analysehaus Wood Mackenzie.
Wie stark dieser Rückgriff ausfällt, zeigt auch ein Blick auf die Märkte. Laut dem US-Nachrichtenportal Semafor haben die Aktien großer Kohleförderer seit Beginn des Krieges deutlich zugelegt. Tatsächlich verteuerte sich durch die zusätzliche Nachfrage auch die Kohle, allerdings nicht so stark wie Erdgas.
Laut FT stieg der Referenzpreis für Kraftwerkskohle seit Kriegsbeginn vor gut vier Wochen um etwas über 17 Prozent, Gas verteuerte sich dagegen um mehr als 60 Prozent. Für viele Energieversorger wird Kohle so wieder zum ökonomisch attraktiven Brennstoff – trotz des dadurch erhöhten Beitrags zum Klimawandel.
Vorschläge aus der Energiewirtschaft
Fachleute warnen deshalb vor einem neuen fossilen Lock-in. Denn ein einmal wieder hochgefahrenes Kohlekraftwerk verschwindet meist nicht so schnell wieder vom Netz.
Die Debatte läuft auch in Europa. So hat Italien die geplante Stilllegung von Kohlekraftwerken bis 2038 hinausgeschoben, und auch in Deutschland wird über eine solche Kohle-Reserve diskutiert.
Der Preisschock durch den Iran-Krieg hat hierzulande eine Diskussion wiederbelebt, die nach Beendigung der 2022 ausgelösten Gasnotlage eigentlich erledigt schien: Sollten Kohlekraftwerke als Sicherheitsanker länger verfügbar bleiben oder stillgelegte sogar wieder regulär Strom liefern?
Vorgeschlagen wird das in Deutschland vor allem aus der Energiewirtschaft. So fordert der Chef des Essener Energiekonzerns Steag, Andreas Reichel, Reservekraftwerke wieder an den regulären Markt zu lassen.
"Wir müssen unsere heimischen Produktionskapazitäten besser nutzen", sagte Reichel. Reserveanlagen sollten zumindest vorübergehend genutzt werden, um Preisspitzen abzufedern.
Unterstützung kam vom Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK). Hauptgeschäftsführer Christian Seyfert erklärte, angesichts hoher Gaspreise und niedriger Speicherstände werde es "zunehmend fraglich", Gas zur Stromerzeugung zu verfeuern, wenn es Alternativen gebe.
Deutschland hat rund 10.000 Megawatt an Kohlekraftwerken in eine Reserve überführt, um nötigenfalls Netzstabilität und der Stromversorgung sichern zu können.
Merz stellt Kohleausstieg bis 2038 infrage
Auch in der Koalition wird das Thema gespielt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte unlängst auf einem Kongress der FAZ in Frankfurt am Main, wenn die Energiekrise sich fortsetzen sollte "und tatsächlich eine Mangellage eintritt", werde man "Kohlekraftwerke länger am Netz lassen müssen".
Deutschland müsse mit Strom versorgt werden, so Merz. "Ich bin nicht bereit, den Kern unserer Industrie aufs Spiel zu setzen, nur weil wir da Ausstiegspläne beschlossen haben, die unrealistisch sind." Bisher gilt der Bundestagsbeschluss, dass die Kohleverstromung schrittweise bis 2038 endet.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) wiederum hatte auf Energiekonferenz Ceraweek in Houston gesagt, bei einem längeren Krieg könnten bereits Ende April oder im Mai Energiemangel-Lagen auftreten.
In der "Taskforce" schwarz-roten Koalition zu den wirtschaftlichen Auswirkungen des Iran-Krieges ist das Thema Kohle-Renaissance ebenfalls besprochen worden. Der Agentur Reuters zufolge wurde dabei unter anderem vorgeschlagen, bei einer Zuspitzung der Krise Kohlemeiler wieder an Netz zu bringen.
In der mitregierenden SPD gibt es jedoch Widerstand dagegen. Die energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Nina Scheer, erklärte, eine verlängerte Nutzung von Kohlekraftwerken nach 2038 sei "weder notwendig noch sinnvoll", weil die Erneuerbaren "die sauberste, sicherste und kostengünstigste Form der Erzeugung" seien.
Eine Expertenbefragung im Rahmen der Taskforce habe ergeben, dass es "aktuell keiner Reaktivierung von Kohlekraftwerken" bedürfe. Eine solche Maßnahme sei für die Energiewende "kontraproduktiv" und werde neue fossile Lock-in-Effekte erzeugen, warnte Scheer.

Wie teuer das Gas ist, das in Kraftwerken verfeuert wird, ist von der Beschaffungsstrategie abhängig.
Langfristverträge mit Festpreis sollten keine Auswirkungen auf die Stromerzeugungskosten haben, zumal der Preis für CO2-Zertifikate in letzter Zeit gefallen ist.
Der Strom muss nicht sofort teurer werden, wenn der Gaspreis nach Oben schießt:
https://www.pv-magazine.de/2026/04/01/energy-charts-gaspreis-steigt-im-maerz-um-48-prozent-strompreis-sinkt-um-07-prozent/
Haben Sie vielleicht auch sachliche Argumente?
Danke!