Zu Hause eine negativ und eine positiv gepolte Stromleitung kurzzuschließen, ist wenig ratsam. Im besten Fall noch fliegt die Sicherung heraus, es kann aber auch zu Kabelbrand und Schlimmerem kommen.
Die Anschlags-Idee, bei Umspannwerken einen Kurzschluss herbeizuführen, indem dünne Drähte in die Leitungen geschossen werden, zielt am Ende auf einen maximal möglichen Schaden. Mehr als 160 Ziele soll der inzwischen gefasste Strom-Saboteur im Visier gehabt haben.
In zwei großen Umspannwerken – bei Jänschwalde (Brandenburg) und Bergheim (Nordrhein-Westfalen) – gelang es offenbar, einen Kurzschluss auszulösen. In der Nähe der Anlagen laufen nicht zufällig große Kohleblöcke. Diese mussten wegen des Angriffs aufs Umspannwerk ihre Leistung herunterfahren oder Blöcke zeitweise vom Netz nehmen.
Auf Kurzschlüsse, auch in Umspannwerken, ist das Stromnetz seit jeher vorbereitet. Denn die kann es auch geben, wenn ein Blitz einschlägt. Dann trennen in der Regel Hochleistungsschalter den Netzabschnitt vom Netz. Dank solcher Schutzsysteme führen Blitze heute meist nur zu kurzen Störungen.
Bisher gehört das deutsche Stromsystem zu den zuverlässigsten der Welt, das betont auch die Branche selbst. Im letzten Jahrzehnt fiel hierzulande der Strom bei den Verbrauchern im Schnitt nur etwa zwölf Minuten jährlich aus, zeigen die Zahlen der Bundesnetzagentur.
Koalition will Resilienzfonds einrichten
Inzwischen sieht sich das Energiesystem aber einer vervielfachten Bedrohung ausgesetzt. Dazu gehören nicht nur die gezielten Anschläge auf vulnerable Stellen wie Umspannwerke oder im Januar auf die wichtige Kabelbrücke in Berlin.
Steigende Gefahren gehen auch von Cyberattacken aus, künftig möglicherweise mithilfe künstlicher Intelligenz ausgeführt. Auch mit der Drohnen-Attacke gegen den Flughafen Leipzig zeichnen sich ganz neue Bedrohungsszenarien ab.
Politik wie Energiebranche betonen dabei unisono, einen hundertprozentigen Schutz könne es nicht geben. Dazu sind die Energienetze in Deutschland zu umfangreich. Allein das Hoch- und Höchstspannungsnetz umfasst ungefähr 120.000 Kilometer. Größere Umspannwerke soll es um die 250 geben.
Zu hinterfragen ist auch, inwieweit sensible Infrastruktur-Informationen öffentlich zugänglich sind oder in Datenbanken liegen, die ihrerseits Ziel von Cyberattacken werden könnten.
Unter den Millionen Dateien aus der Berliner Verwaltung, die jüngst gehackt und am Ende ins Darknet gestellt wurden, sollen aber keine Unterlagen über wichtige Energieinfrastrukturen sein, ist bisher zu hören.
Mehr Schutz vor Anschlägen soll das im März in Kraft getretene Gesetz zum Schutz kritischer Infrastrukturen bringen. Das "Kritis-Dachgesetz" legt fest, welche Unternehmen und Einrichtungen Teil der kritischen Infrastruktur sind, und definiert Mindeststandards für deren physischen Schutz. Da geht es zum Beispiel um Notfallteams, stärkeren Objektschutz oder Maßnahmen zur Ausfallsicherheit.
Seitdem haben sich die Gefährdungen nicht nur vermehrt, sondern eben auch verschärft. Anfang Juli beschloss die Regierungskoalition deswegen, den Deutschlandfonds um eine sogenannte Resilienzdimension zu verstärken, kurz gesagt, einen Resilienzfonds einzurichten.
Der im Dezember 2025 von der Förderbank KfW gestartete milliardenschwere Deutschlandfonds ist eigentlich dazu gedacht, privates Investitionskapital zu mobilisieren, um Deutschland wettbewerbsfähiger zu machen. Für den Resilienzfonds war anfangs ein Volumen von bis zu 500 Millionen Euro vorgesehen, aktuell sind rund 215 Millionen Euro im Gespräch.
Verband fordert zusätzliches Geld für zusätzlichen Schutz
Wie groß die Kosten für die sicherheitstechnische Ertüchtigung und Überwachung der Energieinfrastruktur sein werden, ist dabei noch nicht abschätzbar. Wer wie viel dafür aufzuwenden hat, hängt auch von einer Aufteilung der Zuständigkeiten ab, macht der große Energie- und Wasser-Branchenverband BDEW deutlich.
So sei zunächst zu klären, bei welchen Aufgaben die Netzbetreiber in Resilienz investieren müssen und was der Staat bei der Gefahrenabwehr und dem Schutz der inneren Sicherheit zu übernehmen hat, erläutert BDEW-Chefin Kerstin Andreae die zu vereinbarende Lastenteilung.
Auf jeden Fall hält die Energiewirtschaft angesichts der steigenden Gefahren staatliche Zuschüsse für unverzichtbar. "Bei dem vom Wirtschaftsministerium vorgeschlagenen Resilienzfonds erwarten wir, dass Investitionen der Unternehmen in zusätzlichen Schutz der Infrastruktur finanziell abgesichert werden", erklärt Andreae entsprechend. Diese Kosten könnten nicht alle über Netzentgelte finanziert werden, betont sie.
Bei den noch offenen Punkten geht es nicht nur ums Finanzielle, auch eine Reihe rechtlicher Fragen sind noch zu klären. So zum Beispiel, ob und wie sich Unternehmen mit kritischer Energieinfrastruktur eine eigene Drohnenabwehr zulegen oder einen entsprechenden Dienstleister engagieren können. Bis jetzt ist das eigentlich allein eine hoheitliche Aufgabe des Staates.
Für die Vielzahl der zu klärenden Fragen fehlt dem BDEW offenbar noch ein zentraler Ansprechpartner innerhalb der Regierung. Der Verband stehe bei den Themen Sicherheit und Resilienz in einem guten Austausch mit der Bundesregierung, betont Andreae dazu, gebraucht werde aber auch eine "klare politische Steuerung". So sollte die Regierung "ressortübergreifend eine verantwortliche Zuständigkeit für Energieresilienz bestimmen", regt die BDEW-Chefin an.
"Ein erneuerbares Stromsystem dient nicht nur dem Klima"
Auf längere Sicht arbeitet die Energiewende übrigens der Resilienz in die Hände. Das hat mit der sich ändernden Architektur des Stromsystems zu tun.
Anstelle großer, zentraler Kraftwerke mit hoher Leistung kann das Stromnetz mit den sich entwickelnden dezentralen Strukturen resilienter werden, stellte Jutta Hanson, Expertin für elektrische Energieversorgung an der TU Darmstadt, bereits vor einiger Zeit fest.
Damit das Stromsystem am Ende mehr Resilienz gegenüber äußeren Einwirkungen hat, bedarf es einer ganzen Reihe weiterer Voraussetzungen, verdeutlichte Hanson. So reiche es nicht, dass jedes Haus Photovoltaik auf dem Dach habe. Die Anlage müsse dann auch ohne ein externes Netz arbeitsfähig sein. Das sei technisch möglich, entsprechend ausgestattet seien aber erst wenige Solaranlagen.
Einig sind sich die Fachleute darin, dass noch viel Zeit und Geld aufzuwenden sind, um ein zunehmend dezentrales Netz im Fall einer großflächigen Störung tatsächlich in ein resilientes Netz zu verwandeln. Das werde nicht morgen, sondern eher übermorgen der Fall sein, so Hansons Prognose.
Mit der hilfreichen Idee der Dezentralität kann sich auch BDEW-Chefin Andreae anfreunden, wie sie betont: "Der Aufbau eines erneuerbaren Stromsystems ist nicht mehr nur eine Sache des Klimaschutzes, sondern dient auch stärkerer Resilienz."
