Oliver Hummel. (Bild: Naturstrom AG)

Immer sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Oliver Hummel, Vorstand beim Öko-Energieversorger Naturstrom.

Klimareporter°: Herr Hummel, mit Blick auf den jüngsten Monitoringbericht zur Energiewende: Welcher strukturelle Engpass hätte – würde man ihn als Erstes konsequent auflösen – aus Ihrer Sicht den stärksten beschleunigenden Effekt auf die Klimapolitik der nächsten zehn bis 15 Jahre?

Oliver Hummel: Das Nadelöhr der Energiewende sind derzeit die Stromnetze. Es rächt sich jetzt, dass viele Netzbetreiber es verschlafen haben, ihre Netze rechtzeitig auszubauen und ihre Prozesse zu digitalisieren und zu vereinheitlichen.

So kommt es nun, dass sich Netzanschluss-Anfragen türmen, Fristen verstreichen und Prosumer-Haushalte ebenso wie professionelle Projektentwickler mehr und mehr im Regen stehengelassen werden.

Wichtigster Grund für das Aufschieben notwendiger Investitionen sind dabei die klammen Kassen der kommunalen Eigentümer. Sie sind auf die Gewinne ihrer Energieversorger angewiesen, sodass diese ihre Gewinne ausschütten müssen, statt sie in dringend notwendige Vorhaben im Netzbereich zu investieren. Es ist also auch eine übergeordnete politische Frage, wie die Kommunen anders entlastet werden können.

Zudem ist das System mit rund 860 Verteilnetzbetreibern, die von den vielen Neuerungen oft überfordert sind, längst an seine Grenzen gestoßen. Wenn die Bundesregierung tatsächlich, wie sie sagt, die Energiewende effizienter gestalten möchte, muss sie gemeinsam mit der Bundesnetzagentur genau hier ansetzen.

Erst im Januar will die Bundesregierung Eckpunkte zur Reform des sogenannten Heizungsgesetzes vorlegen. Schon die Ankündigung könnte Verbraucher verunsichern. Es besteht deshalb Sorge, dass kommende Gesetzesänderungen den jüngsten Aufschwung des klimafreundlichen Heizens bremsen. Wie lässt sich das verhindern?

Die Gesetzesreform wird ein Spagat, denn die Koalition – besonders die Union – möchte offenbar auf Biegen und Brechen ein Signal der Veränderung setzen. Dass sich der Koalitionsausschuss diese Woche auf den Namen "Gebäudemodernisierungsgesetz" festgelegt hat, noch bevor irgendwelche Inhalte geklärt sind, spricht diesbezüglich Bände.

Dieses gewünschte Veränderungssignal wird auch dann für eine gewisse Verunsicherung unter Hausbesitzer:innen sorgen, wenn sich de facto gar nicht so viel ändern sollte – was noch abzuwarten bleibt.

Gegen diese drohende Verunsicherung müssen die Energie- und die Heizungsbranche gemeinsam ankommunizieren – denn von der Bundesregierung werden, fürchte ich, keine konsistenten Botschaften zu erwarten sein.

Zehn Jahre nach der Einigung auf das Pariser Klimaabkommen steigen die globalen Treibhausgasemissionen weiter an. Was gibt Ihnen Mut und Hoffnung, dass die Menschheit das Ruder noch rumreißen kann?

Ich habe die Hoffnung, dass der Turnaround bei den Emissionen sehr bald erreicht ist.

Im ersten Halbjahr 2025 überstieg die neu installierte Leistung von Windenergie- und Photovoltaikanlagen erstmals das Wachstum der weltweiten Stromnachfrage. Das ist ein wichtiger Wendepunkt, denn der globale Strombedarf wird aufgrund der Industrialisierung in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern kontinuierlich und über viele Jahre hinweg wachsen.

Schon seit 2023 wird zudem weltweit mehr in neue Photovoltaikanlagen investiert als in alle anderen Stromerzeugungstechnologien zusammen. Auch das ist ein klares Zeichen dafür, dass sich die Energiewelt deutlich in Richtung CO2 freier Erzeugung bewegt.

 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Anfang der Woche kursierte eine Kurzstudie des Fraunhofer-Instituts für Fertigungstechnik und angewandte Materialforschung in Bremen zur langfristigen Entwicklung der Gasnetzentgelte – mit einem recht plakativen Ergebnis. Je nachdem, welches Szenario man für die Stilllegung der Gasnetze annimmt, können demnach die Netzentgelte bis zum Jahr 2045 auf über 22 Cent pro Kilowattstunde steigen. Gegenüber den heutigen Netzentgelten ist das nahezu eine Verzehnfachung.

Bei einem durchschnittlichen Dreipersonenhaushalt stehen dann in den letzten drei Jahren der Netznutzung Mehrkosten von 3.000 bis 4.000 Euro pro Jahr ins Haus.

Diese Kosten treffen am Ende diejenigen, die noch bis zum Ende mit Gas heizen – tendenziell also wohl eher Mieter:innen in älteren Bestandswohnungen. Diese Entwicklung kann natürlich keiner wollen.

Die Botschaft der Studie ist daher für mich: Der Gasausstieg will sehr gut und vor allem frühzeitig vorbereitet sein, um Härten für die Haushalte, aber auch für die Industrie und die Energiewirtschaft effizient abfedern zu können.

Fragen: Tine Heni

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