Die ausgelobte Millionenbelohnung hat, soweit bekannt, bisher noch nicht zu Hinweisen geführt, um der sogenannten Vulkangruppe habhaft zu werden. Die Schäden durch die am 3. Januar zerstörte Kabelbrücke und den tagelangen Blackout im Südostens Berlin gehen ebenfalls in die Millionen.
Mehr Schutz vor solchen auch künftig möglichen Anschlägen soll das Ende Januar vom Bundestag verabschiedete Gesetz zum Schutz kritischer Infrastruktur bieten. Es legt fest, welche Unternehmen und Einrichtungen Teil der kritischen Infrastruktur sind, und definiert Mindeststandards für deren physischen Schutz. Da geht es zum Beispiel um Notfallteams, stärkeren Objektschutz oder Maßnahmen zur Ausfallsicherheit.
Einen Wachschutz fürs Stromnetz zu engagieren, wie in Berlin geplant, finden Experten der Energiebranche nur bedingt sinnvoll. "Es gibt keinen vollständigen Schutz vor der Zerstörung von Komponenten und Anlagen", betonte Stefan Küppers, ehemaliger Technikvorstand beim regionalen Versorger Westenergie, kürzlich bei einer Debatte im Akademienprojekt "Energiesysteme der Zukunft" (Esys).
Auch ein schützender Zaun hätte in Berlin gegen so viel "sehr ausgeprägte Gewalt und Kriminalität" nicht geholfen, bekräftigte Jutta Hanson von der TU Darmstadt in der Esys-Debatte.
Aus ihrer Sicht ist der Begriff der Resilienz auch noch nicht lange in der Energiebranche präsent. Bisher habe man dort eher mit dem Begriff Zuverlässigkeit operiert.
Die Architektur des Stromnetzes ändert sich
Hier biete Deutschland bekanntermaßen mit jährlichen Strom-Ausfallzeiten von durchschnittlich elf Minuten einen weltweit hervorragenden Wert, sagte Hanson, die an der Darmstädter TU das Fachgebiet "Elektrische Energieversorgung unter Einsatz Erneuerbarer Energien" (E5) leitet.
Die Forderung nach mehr Resilienz verbindet sich für Hanson mit dem laufenden Umbau des Stromsystems. In der Vergangenheit haben, erläuterte sie, große konventionelle Kraftwerke mit hoher Leistung Strom erzeugt und dieser wurde dann verteilt.
Heute finde Erzeugung auch in Haushalten statt, werde dort Solarstrom im Niederspannungsbereich eingespeist oder das E‑Auto geladen. Das verändere am Ende die ganze Architektur des Stromnetzes.
Auch Florian Steinke, ebenfalls von der TU Darmstadt, betonte in der Esys-Debatte: Mit der Energiewende geht es in Richtung dezentraler und digitaler Systeme, die flexibel sein können.
Daraus ergibt sich für Steinke die Chance, künftig ein deutlich resilienteres System zu haben, als sich auf vergleichsweise wenige Großanlagen verlassen zu müssen, so der Leiter des Fachgebiets Energieinformationsnetze und ‑systeme.
Dezentrale Strukturen können mehr Resilienz bringen
Hanson bewertet das ähnlich. Mit den sich entwickelnden dezentralen Strukturen kann das Stromnetz resilienter werden, sagte sie.
Deutlich wurde in der Esys-Debatte aber auch: Es bedarf einer ganzen Reihe weiterer Voraussetzungen, damit das Stromsystem am Ende über mehr Resilienz gegenüber äußeren Einwirkungen hat. Denn diese können nicht nur in kriminellen Aktionen bestehen, sondern auch immer häufiger Extremwetterfolgen sein.
So reiche es nicht, erläuterte Hanson, dass jeder Haushalt Photovoltaik auf dem Dach habe. Die Anlage müsse dann auch ohne ein externes Netz arbeitsfähig sein. Das sei technisch möglich, entsprechend ausgestattet seien aber erst wenige Anlagen, sagte sie.
Heutige Photovoltaik auf Dächern sei netzgeführt, erläuterte Stefan Küppers den Hintergrund. Liege aus dem Stromnetz kein Signal vor, würden sich die Anlagen heutzutage meist abschalten. Deswegen bringe eine normale Solaranlage im Fall eines Blackouts derzeit noch nichts für das Netz.
Einig sind sich die Fachleute auch, dass noch viel Zeit und Geld aufzuwenden sind, um ein zunehmend dezentrales Netz im Fall einer großflächigen Störung tatsächlich in ein resilientes Insel-Netz zu verwandeln.
So sei festzulegen, wo es realistische Trennstellen im Netz gibt. Zu klären sei auch, wer dann die Betriebsführung in einem Insel-Netz innehat, denn auch in diesen Netzen sind Erzeugung und Verbrauch jederzeit auszugleichen. Dazu braucht es dann entsprechende Zugriffe der Betriebsführung auf verbleibende Anlagen und Speicher.
Steinke machte auch darauf aufmerksam, dass ein Inselnetz möglicherweise nur in der Lage sein wird, sogenannte kritische Lasten zu versorgen. Davon ausgehend seien Entscheidungen zu treffen, wer im Krisenfall Strom bekommt und wer möglicherweise nicht.
"Was hocheffizient ist, ist selten resilient"
Derzeit gebe es keine Anreize für die Verteilnetzbetreiber, großflächig in Resilienz zu investieren, wies Steinke auf ein weiteres noch ungelöstes Problem hin. Hier ist seinen Ausführungen zufolge Augenmaß angebracht.
Lösungen, die gewissermaßen eine hundertprozentige Versorgung auch innerhalb von Strom-Inseln sichern wollten, wären so teuer, dass wegen der Kosten am Ende nichts davon umgesetzt wird, befürchtet Steinke.
Angesichts der Umstände fiel auch Hansons Fazit vorsichtig aus: In der Zukunft werden die Netze so umgebaut und geführt, dass dann Inselnetze verfügbar sind, sagte sie, um gleich einzuschränken: "Das wird aber nicht morgen, sondern eher übermorgen der Fall sein."
Dass solche Insellösungen eher noch Zukunftsmusik sind, liege auch am grundsätzlichen Funktionieren solcher auf Märkte ausgerichteten Systeme, bemerkte Ortwin Renn in der Debatte.
Der frühere Direktor des Potsdamer Nachhaltigkeitsinstituts IASS, heute RIFS, erkennt einen Zielkonflikt zwischen Effizienz und Resilienz. "Alles, was hocheffizient ist, ist häufig nicht resilient, und alles, was resilient ist, ist eben nicht maximal in der Effizienz", erklärte Renn in der Debatte. Er plädierte deswegen für eine Resilienzprämie.
Renn hält es auch für wichtig, in den heutigen Polykrisen, die alle zu Ausfällen in der Infrastruktur führen können, im Sinne einer Stärkung der Resilienz nicht nur den Status quo wiederherzustellen, sondern eine Entwicklung zu einer weniger anfälligen Funktionserfüllung anzustoßen. Krisen sind für ihn immer auch Möglichkeiten, auf dezentrale Strukturen auszuweichen.

Was mich wundert ist, dass die Zerstörung einer einzigen Kabelbrücke in Deutschland solche Konsequenzen mit sich bringen kann.
Ich bin bisher davon ausgegangen, dass im deutschen Stromnetz das (N-1)-Kriterium gilt:
https://www.next-kraftwerke.de/wissen/n-1-kriterium