Die politische Debatte über eine Renaissance der Atomkraft hält weltweit an. Frankreich setzt auf den Bau neuer Reaktoren, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) bezeichnet Kernenergie regelmäßig als Teil eines klimaneutralen Energiesystems, und in Deutschland werben Politiker wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für neue Mini-AKW.
Doch zugleich zeigen sich die Grenzen des neuen Atom-Optimismus. In der Schweiz erlitt Energieminister Albert Rösti jetzt einen Rückschlag, als der Nationalrat einen Vorstoß zur Aufweichung des seit 2017 geltenden Neubauverbots für Atomkraftwerke zurückwies. Die Debatte über die Zukunft der Kernenergie ist also weiter offen.
Eine neue Untersuchung des Öko-Instituts in Darmstadt im Auftrag des deutschen Umweltbundesamtes (UBA) gibt den Befürwortern einer nuklearen Renaissance wenig Rückenwind. Die Wissenschaftler kommen nach Auswertung internationaler Energieszenarien, nationaler Ausbaupläne und zahlreicher Studien zu dem Schluss, dass Kernenergie bei der Erreichung der Klimaziele allenfalls eine begrenzte Rolle spielen dürfte. Die zentrale Säule eines klimaneutralen Energiesystems seien erneuerbare Energien.
Für seine Analyse wertete das Forschungsteam mehrere globale Szenarien aus, die eine Begrenzung der Erderwärmung und Netto-Null-Emissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts beschreiben. In allen untersuchten Zukunftspfaden wächst die Bedeutung von Wind- und Solarenergie massiv. Bis 2050 erreichen erneuerbare Energien darin Anteile von 70 bis nahezu 100 Prozent an der weltweiten Stromversorgung.
Der Beitrag der Atomkraft bleibt dagegen vergleichsweise klein. Selbst in Szenarien mit einer besonders atomfreundlichen Ausrichtung liegt ihr Anteil nur im einstelligen Prozentbereich.
Hohe Stromerzeugungskosten
Das widerspricht der Vorstellung eines weltweiten nuklearen Aufschwungs. Zwar haben sich 2023 auf dem Weltklimagipfel COP 28 in Dubai mehr als 20 Staaten dafür ausgesprochen, die globale Kernkraftkapazität bis 2050 zu verdreifachen. Nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren erscheint dieses Ziel jedoch kaum erreichbar.
Um es zu verwirklichen, müssten über Jahrzehnte hinweg Jahr für Jahr neue Reaktoren in einer Größenordnung ans Netz gehen, die zuletzt während des historischen Ausbaubooms der 1980er Jahre erreicht wurde. Tatsächlich liegen die jährlichen Neubauraten seit Langem deutlich darunter.
Besonders kritisch bewertet die UBA-Analyse die wirtschaftliche Seite der Kernenergie. Neue Atomkraftwerke verursachen laut den ausgewerteten Daten erheblich höhere Stromerzeugungskosten als Windkraft- oder Solaranlagen.
Für Europa lagen die Kosten neuer Reaktoren bereits 2020 deutlich über denen der wichtigsten erneuerbaren Technologien. Während für Wind- und Solarstrom in den kommenden Jahren weitere Kostensenkungen erwartet werden, sehen die Autor:innen bei neuen Atomkraftwerken eher das Risiko weiter steigender Investitionskosten.
Atomkraft kommt zu spät
Ein Kostenvergleich muss auch die Aufwendungen für Stromspeicher und Netzausbau berücksichtigen. Hier kommen andere Untersuchungen zu unterschiedlichen Ergebnissen.
Die TU Lappeenranta in Finnland hat zahlreiche nationale und globale Studien zu 100-Prozent-Erneuerbaren-Systemen veröffentlicht, in denen Speicher, Netze und Dunkelflauten ausdrücklich berücksichtigt werden. Ergebnis: Sie seien bis 2050 günstiger als fossile oder nuklear geprägte Systeme.
Die Atomenergie-Agentur NEA des Industrieländerclubs OECD ermittelte hingegen 2024, dass ein Mix aus Kernenergie und Erneuerbaren günstiger sein könne als ein System mit sehr hohen Anteilen von Wind- und Solarenergie. Kritiker bemängeln hier freilich, dass die NEA mit vergleichsweise günstigen Annahmen für Kernkraft und eher konservativen Annahmen für Speichertechnologien arbeite.
Unstrittig ist: Die Erfahrungen der vergangenen Jahre mit Reaktoren in Europa zeigen eine Kostenexplosion. Große Neubauprojekte in Frankreich, Großbritannien oder Finnland wurden von erheblichen Verzögerungen und Kostensteigerungen geprägt. Das britische Kraftwerk Hinkley Point C, an dem derzeit gebaut wird, wird voraussichtlich deutlich später fertig und erheblich teurer als vorgesehen.
Für den Klimaschutz ist das ein entscheidender Faktor. Denn emissionsarme Technologien können nur begrenzt helfen, wenn sie erst nach vielen Jahren oder Jahrzehnten zur Verfügung stehen.
Die EU peilt 90 Prozent Emissionsminderung bereits bis 2040 an, um 2050 klimaneutral sein zu können. Deutschland will die "Netto-Null" 2045 erreichen, der Stromsektor soll dazu aber schon Mitte der 2030er Jahre emissionsfrei sein.
AKW können Erneuerbare nicht gut ergänzen
"Die Klimadebatte braucht realistische Optionen", sagt Christoph Pistner, Leiter des Bereichs Nukleartechnik und Anlagensicherheit am Öko-Institut und Leitautor des aktuellen Reports. "Neue Kernkraftwerke sind teuer, ihre Inbetriebnahme dauert sehr lange und sie passen nur schlecht in ein Energiesystem, das künftig stark von Wind- und Solarenergie geprägt sein wird."
Dabei bestreiten die Autoren keineswegs, dass Atomkraft vergleichsweise geringe Treibhausgasemissionen verursacht. Über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg – vom Uranabbau über den Betrieb bis zum Rückbau – liegt die Klimabilanz in einer ähnlichen Größenordnung wie die von Wind- und Solarenergie.
Die Analyse argumentiert jedoch, dass die Emissionsbilanz allein nicht ausreicht, um die Eignung einer Technologie für den Klimaschutz zu beurteilen. Ebenso wichtig seien Kosten, Bauzeiten, technische Risiken und die Fähigkeit, Emissionen rasch zu senken.
Ein weiterer Einwand betrifft die Rolle der Kernenergie in einem künftigen Stromsystem. Mit dem starken Ausbau von Wind- und Solarenergie wächst der Bedarf an Flexibilität. Stromspeicher, Lastmanagement und flexibel einsetzbare Kraftwerke sollen Schwankungen im Angebot ausgleichen.
Klassische Atomkraftwerke sind dagegen für einen möglichst kontinuierlichen Betrieb ausgelegt. Werden sie häufiger hoch- und heruntergefahren, verschlechtert sich ihre Wirtschaftlichkeit zusätzlich. Nach Einschätzung des Analyseteams passt die Technologie deshalb nur begrenzt zu einem Energiesystem, das überwiegend auf erneuerbaren Energien basiert.
Mini-Reaktoren werden überschätzt
Auch die oft als Hoffnungsträger präsentierten Mini-Reaktoren, die sogenannten Small Modular Reactors (SMR), ändern aus Sicht des Reports wenig an diesem Befund. Zwar könnten sie einige technische Nachteile großer Anlagen verringern. Bisher existieren jedoch außer in China und Russland keine kommerziellen Erfahrungen mit solchen Anlagen.
Gleichzeitig bleiben die Kosten unsicher, zudem befinden sich viele Projekte noch in frühen Entwicklungsstadien. Einen schnellen Beitrag zum Klimaschutz erwarten die Autoren daher auch von dieser Technologie nicht.
Hinzu kommen weitere Herausforderungen, die seit Jahrzehnten mit der Kernenergie verbunden sind. Dazu zählen die Endlagerung hoch radioaktiver Abfälle, das Risiko schwerer Unfälle sowie Fragen der nuklearen Sicherheit und Proliferation.
Zudem verweist die Untersuchung auf mögliche Folgen des Klimawandels selbst für die Atomkraft. Höhere Wassertemperaturen und zunehmende Hitzeperioden können die Kühlung von Reaktoren erschweren und ihre Verfügbarkeit einschränken.
Der Befund des UBA-Reports fällt damit eindeutig aus: Wer die CO2-Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts möglichst schnell und kostengünstig auf null senken will, sollte seine Investitionen vor allem auf Wind- und Solarenergie, Netze, Speicher und flexiblen Stromverbrauch konzentrieren.

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