Oliver Hummel. (Bild: Naturstrom AG)

Das Wichtigste aus 52 Wochen: Sonst befragen wir die Mitglieder unseres Herausgeberrats im Wechsel jeden Sonntag zu ihrer klimapolitischen Überraschung der Woche. Zum Jahresende wollten wir wissen: Was war Ihre Überraschung des Jahres? Heute: Oliver Hummel, Vorstand beim Öko-Energieversorger Naturstrom.

Für den Klimaschutz und die Energiewende war 2025 das Jahr, in dem sich der Wind gedreht hat. Global wie auch in Deutschland war 2025 von einem Rollback geprägt, wie wir ihn vielleicht noch nie hatten.

Die USA verabschiedeten sich unter Donald Trump aus der Klimadiplomatie und setzen nun wieder auf Öl und Gas. Auf EU-Ebene droht die Rückabwicklung des Green Deal, die Weltklimakonferenz blieb ebenso ambitions- wie erfolglos – und kaum jemand regt sich überhaupt noch darüber auf.

Auch in Deutschland haben Klimaschutz und Energiewende mit dem Regierungswechsel im Bund an Rückhalt verloren. Symptomatisch für diese Entwicklung steht meine Überraschung des Jahres: das Bezahlen der Gasspeicherumlage aus dem Klima- und Transformationsfonds.

Überrascht hat mich vor allem die Unverfrorenheit, mit der die Bundesregierung den Klimafonds missbraucht. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Wirtschaftsministerin Reiche und Kanzler Merz bedienen sich aus einem Fonds, der ausdrücklich zur Finanzierung von Klimaschutz und Energiewende gedacht ist, um damit die Kosten für Erdgastarife zu senken.

Die Gelder, die die Bundesregierung für die Übernahme der Gasspeicherumlage zweckentfremdet, fehlen künftig für ernst gemeinten Klimaschutz. Zudem wird die Nutzung von Erdgas gegenüber Stromanwendungen etwa bei der Wärmeversorgung oder in Industrieprozessen bessergestellt. Ein falscher Anreiz mit verheerender Signalwirkung – gerade mit Blick auf den ohnehin gebeutelten Heizungsmarkt.

Umso schwerer wiegt, dass sich die schwarz-rote Koalition nicht zu einer allgemeinen Senkung der Stromsteuer auf das europarechtlich mögliche Minimum durchringen konnte.

Klimaschutz gibt es nur dann, wenn es sein muss

Das Wirtschaftsministerium ist derweil auf eine gasfreundliche Rhetorik umgeschwenkt, als befänden wir uns im Jahr 2020, als Erdgas noch billig war und in Hülle und Fülle aus Russland floss. Wertvolle Zeit hat Ministerin Reiche verloren, indem sie in Brüssel erfolglos für die beihilferechtliche Freigabe von 20.000 Megawatt neuen Gaskraftwerken warb.

"Mindestens 20 Gigawatt" hatte Reiche in einer ihrer ersten Reden nach Amtsantritt in den Raum gestellt, obwohl im frisch ausgehandelten Koalitionsvertrag nur von "bis zu 20 Gigawatt" die Rede war. Das Ende vom Lied: Der Kompromiss mit der EU, der aktuell in Reichweite scheint, ist nicht weit weg von dem, was die Ampel-Regierung mit der Kommission bereits im Sommer 2024 ausverhandelt hatte.

Es passt ins große Bild, dass die Bundesregierung das eigentlich für 2025 vorgesehene Klimaschutzprogramm erst im kommenden Jahr vorlegen will – aus dem lapidaren Grund, dass von der EU kein Mahnschreiben zu befürchten ist. Klimaschutz gibt es offenbar nur dann, wenn er eingeklagt wird – so sind derzeit die Prioritäten. 

Alles schlecht also? Absolut nicht. Auch wenn ich mich über die neue "Gas ist geil"-Mentalität im Wirtschaftsministerium trefflich aufregen kann: Vieles läuft gut bei der Energiewende, auch im Jahr 2025. Weltweit und in Deutschland.

Weltweit nähert sich der Anteil der erneuerbaren Energien an der global neu installierten Stromerzeugungskapazität beeindruckend schnell den 100 Prozent: von 83 Prozent im Jahr 2022 über 86 Prozent 2023 bis zu 92,5 Prozent 2024. Über 90 Prozent, das ist doch der Hammer!

Verhalten optimistisch ins neue Jahr 

Selbst im erzkonservativen Texas werden im Rekordtempo erneuerbare Energien und Speicher aufgebaut und zunehmend konventionelle Energien verdrängt, ob es Trump passt oder nicht. Man möchte ihm zurufen: "It's the economy, stupid!"

Erneuerbare Energien sind einfach mittlerweile die günstigste Form der Energieerzeugung. Man muss schon ein sehr großer Öl- und Gas-Fan sein und hohe Wahlkampfspenden aus der Erdölindustrie erhalten haben, um das zu ignorieren.

In Deutschland ist das Jahr bei der Windenergie von einem deutlichen Aufwärtstrend gekennzeichnet – sowohl was die Ausbauzahlen angeht als auch die Genehmigungen und die Bearbeitungsdauer der Genehmigungsverfahren. Der Photovoltaik-Zubau liegt solide auf hohem Niveau, auch wenn dieses Jahr keine Rekorde purzeln werden.

Und selbst bei den Sorgenkindern, den Nachfragesektoren, tut sich Erfreuliches. Der Absatz von E‑Autos und Wärmepumpen hat sich gegenüber dem Vorjahr deutlich erholt. Außerdem steht eine große Zahl von Speicherprojekten in den Startlöchern.

 

Auf das kommende Jahr blicke ich daher mit verhaltenem Optimismus. Die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und das ominöse Gebäudemodernisierungsgesetz – der Ersatz für das bei der Union verhasste Gebäudeenergiegesetz – stehen an.

Bei allen Diskussionen, die derzeit in Politik, Wissenschaft und Branche geführt werden, bergen diese Gesetzesvorhaben die Chance, die Energiewende bei weiterhin hoher Dynamik effizienter zu gestalten und ihr damit zusätzlichen Rückhalt zu geben. Diesen Prozess werden wir bei Naturstrom konstruktiv begleiten. Ich freue mich darauf.